Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 67 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- Seite 359 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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9tartptf. Seit Ende August erscheint Hierselbst eine neue groß, jüdische Tageszeitung. „Jewish Daily Times", Organ der Poale Zion. An der Spitze der Redaktion steht der bekannte Schriftsteller und Dichter David Pinsky. Zu den Mitarbeitern des Blattes zählen auch viele Wortführer der internationalen sozialistischen Bewegung. In Berlin. Französische Straße 49. wurde ein europäisches Büro der Jewish Daily Times errichtet. Anftralie». London. Israel Cowen. der sich gegenwärtig als Vertreter der zionistischen Organisation in Australien befindet. hat dort 20 000 Pfd. Stett. (etlva 3'/, Mill. Mark) für den Palästina-Aufbaufonds aufgebracht. China. London. Die jüdische Gemeinde in Schanghai in - China wandte sich an den englischen Chiefrabbi Dr. Herz mit der Bitte, ihr einen geeigneten Rabbiner zu empfehlen, der als »vahrer Führer der dortigen Judenheit gelten sollte. Das Gehalt beträgt 500 Dollar moiwtlich. Im Briefe wird mitgeteilt, daß die Geiticindc zum größten Teile aus Sefardim, die nach sefardischem Ritus beten, besteht. Es sind zwei Synagogen in der Stadt, deren jede ihre eigenen Kultusbeamten hat; diese sollen dem Oberrabbincr unterstellt werden. Die Hauptforderung der Gemeinde geht‘ dahin, daß der Rabbiner alle Interessen des Judentums in der Gemeinde zu neuem Leben bringen möchte. Frankreich. Paris. (I. C. B.) Wie verlautet, bereitet das Committee der jüdischen Friedensdelegationen eine großzügige Propaganda für die Idee des Völkerbundes unter den Juden der ganzen Welt vor. Es heißt auch, daß das Committee eine Aktion unternimmt, um dem jüdischen Volke eine Vertretung beim Völkerbunde zu ermöglichen. » Paris. (I. C. B.) Im jüngst erschienen Berichte der Alliance Jsraelite Universelle wird folgender Beschluß des Zentralkomitees der Alliance hinsichtlich der zionistischen Bestrebung. mitgeteilt: „Das. Zentralkomitee hat beschlossen, den Zionisten in ihren Bestrebungen keinerlei Schwierigkeiten zu machen. Tie Alliance wird keine Politik betreiben, die mit den Besttebungen einer Partei, tvelche für das Gesamtwohl des Judentums kämpft und wirkt, im Widerspruch stehen kann." Palästina. Jerusalem. Ter neue Oborkommissar von Palästina. Sir Herbert Samuel, hat die Erlaubnis zur Rückkehr der Deutschen erteilt. Alle von Palästina ausgewiesenen deutschen Kolonisten, mit Ausnahme derjenigen, die sich Äriegs- oder politische Verbrechen haben zuschulden kommen lasten, dürfen nunmehr zurückkehren. Eine Gruppe von 25. Mann, die als Quartiermacher und Ordner für dix übrigen Deutschen arbeitet, ist bereits eingetroffen. Tie jüdische Landesbevölkerung erblickt darin die Abschaffung des letzten Restes militärischer Erwägungen und begrüßt die Rückkehr der Deutschen mit freundlichen Worten. Jerusalem. Gelegentlich des Empfanges dkr Rabbiner Jerusalems, mit Chiefrabbi Kook an der Spitze, erklärte Sir Herbert Samuel, sehr stolz auf die Tatsache zu sein, daß sein Bruder Stuart ein Führer der orthodoxen zion. Bewegung, der Misrachi, sei. Jerusalem. Ein eigenartiges Fest wurde vor kurzem in der Jeschiwoh „Ez Chajim" begangen. Sechzehn Thorarollcn hatten in den Pogronitagen die arabischen Mordbuben in der Jeschiwoh, die sie fast ganz zerstörten, enttveiht. Sie wurden jetzt, nachdem der Bau neu hergerichtet worden ist, wieder instand gesetzt und unter großen Festlichkeiten ihrem heiligen Ztvccke wieder zugcführt. An dem Festzug beteiligte sich Alt und Jung und Herr Rabbiner Kook hielt im Jeschiwohhause die Festrede. Jerusalem. (I. C. B.) Der Wohnungsmangel in Palästtna hat stark zugenommen. Für ein einzelnes Zimmer niit Pension wird monatlich 20 Pfd. Stcrl. (cttva 3500 Mary-Mahlt. SOSO. von Heinrich Xatik. Der jüdische Chronist kann heute wie stets vom Schönen, vom Glücklichen nur sprccl-en als Hoffnung der Zukunft, von heute kann er nur Trauer und Leid berichten. Weiter und netter geht die staatlick-e Auflösung und der »virtschaftticl-e Verfall der Staaten des Ostens und der Mitte Europas. Die Masten der Völker verelenden, hungern. sind nackt und verztveifelt: da ist es kein Wunder, wenn ihr seeliscl)es Gleichgewicht immer Mhr verloren geht und sie immer mehr zum Spiellmll politischer Dunkelmänrrer und Spieler »verden. Überall lenken diese in gleicher Weise alles auf die Juden ab und sie. haben in allen Ländern einen, oft allerdings nur kurzen, Erfolg gehabt, wenn auch ihre Behauptungen noch so widersinnig waren. In Ungarn hat man in abscheulichster Weise auf die Juden gehetzt, weil sic Bolschewisten seien — und gleich darauf hat man sie als Kapitalisten gemordet. Zahllose Juden wurden in Haft gesetzt — und so manch'er ist dabei spurlos verschwunden. * In Polen und in der Ukraine ist Pogrom auf Pogrom gefolgt; Einzelheiten kann inan gar nicht mehr »achgehen: die Zahl ist zu groß, als^daß man sie genau feststellen könnte, zumal jüdische Kominissäre des Auslandes es kaum »vagen können, das Land zu betreten. Prof. Friedländer und Dr. Bernard Cantor, Mitglieder des „Joint Distribution Comnrittec", »rrrrden bei einer Reise nach der Ukraine ermordet. Doch haj dieses Komitee, das an der ' Spitze des großen und segensreichen amerikanische» Hilfs- Werkes steht, »venigstens allgemein gehaltene Berichte, die von grausigen Taten der Denikinschen Truppen in Charkotv und Jekaterinoslaw erzählen, verösfentlichcil können. Tie Massen von Juden, die flückrtkn mußten von Ort zu Ort. heute dahin und morgen dorthin, sind Beireis genug für die furchtbaren Vorgänge. Die Westrnächt«, die mit‘'einem Machtwort viel hätten verhindern können, sind über platonische Proteste nicht hinausgegangen urrd dulden »netter, daß die neuerdings vorrückenden Polen tausende armer Juden dahinschlachten. Es ist uns unverständlich, daß-dic Juden des Westens nicht mehr unternehmen, um lvenigstenS für die Zukunft Besserung erzielen: die deutschen Juden sind ausgeschaltet '— ihre Hilfe muß sich wuf die Flüchtlinge, die mach Deutschland kommen, beschränken. > - ' ' Trotz der Schikanen, die von der Polizei oftmals i» den Weg gelegt »vurderr, und trotz der ungeheuren wirtschaftlichen Schwierigkcilc» ist von ihren Führer» viel geleistet lvorden. Ich brauche nur an die jüdischen Arbeitsämter zu erinnern, aber die Masse der deutschen Juden verhält sich viel zu träge in dieser Frage und es fehlt -ihr ein Solidaritätsgefühl mit dem leidenden Mitjuden? das unbedingt gefordert »verden muß. \ Eiire Erklärung, aber keine Entschuldigung liegt darin, daß auch der deutsche Jude sich seiner Haut tüchtig zu »vehren hat. Gegen ihn wird maßlos gehetzt. Während des Wahlkampfes »rar der Judenhaß die Wahlparole gc- »visier Parteien — und man kann nicht leugnen, daß sie einen nicht ete» unbedeutenden Erfolg gehabt hat. Ihren Hauptsitz hat die Hetze an den Universitäten tan vielen deutschen und vor allem dentsch-östevleichischen Hochschulen ivird den jüdischen Studenten durch ihre ztoininiliionen dtrs Studium erschwert. Reuerdings ist man soweit gegangen, die deutsch-österreichischen Inden aus der ..Deutschen Sindentenschafi", der ossiziellen Siudentenvereinigung. auszujchließen. v Diese tramigen Tatsache» haben es vielen Juden, die das bisl-er nicht fühlten, klar gcniachl, daß sie »veitclhin