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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-09-10 · 67 (10.9.1920) · p. Seite 360

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
67 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
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nicht nur Objekt der Judenfrage sein dürfen, sondern daß sie es sind, die eine Lösung suchen und finden müssen. Eine Umwälzung.im deutschen Gemeiudeleben, das neue gerechte Wahlrechte neue Männer an der Spitze der Gemeindeverwaltungen hilft der großen Beilegung, dis in allen jüdischen .Streifen nicht zu verkennen ist. Schwung verleihen. Innerhalb dieser jungen Bctvegung lassen sich viele verschiedene Wege «kennen, aber das Ziel ist eines: Stärkung der Moral des Judentums. Das gemeinsame Erlelen wird immer mehr Verständnis bei allen für die Wege der anderen erziehen. Tie Judenfrage wird nicht a >f einem Weg zu lösen sein, es tverdcn viele. Lösungen zusamrnemvirken müsien, um die Frage aus der Welt zu schaffen. Teshalb kann die ganze Judenheit, gleichviel welcher Richtung sie ist,«rur mit Genugtuung und Hoffnungssreude des Tages des Jahres 5680gedenken, an dem die Minister der Großmächte in San Reino Palästina als öffentlich-rechtlich gesicl-ertc Heimstätte der Juden erklärt Halen. Damit ist dem politischen Lösungsversuch der Judcirfrage. dem Zionismus, die Grundlage zu praktiscl-er Arbeit gegeben und es ist kein Zweifel, daß er mit aller Energie an die Arbeit gehen wird. - Herbert Samuel ist bereite Gouverneur von Palästina und man kann hoffen, daß er dort Helsen wird, einen guten Guind für das große Werk zu legen. Die Zioniftisck>e Jahrcskcckfcrcnz in London hat für den Bau des Werkes viel gedankliche Arbeit geleistet, es bleibt jetzt Pflicht der Juden in allen Ländern. Geld zu samnieln, damit die notwendige Anlcilw von 25 Millionen Pfund recht bald zusammen kommt.' Tic Aiuerikaner haben die Führung übernommen, Louis Brandeis ist Präsident der Beivegung, Lord Rothschild Präsident des großen Aktionskomitees geworden. Tie Judenheit sehen wir also trotz allen Leides und Jaimners voll von Hoffnungen: wir sehen, wie die Parteien einander näher kommen und wie immer mehr jeder Jude davon überzeugt ist. daß die Judenfrage seine eigene Frage ist. So dürfen wir also hoffnüngsfroh in das neue Fahr eintretcn. Es soll in uns ziclbewußte und entschlossene Jude» sinderck Kon Kery und Tal. Köln. Tein Tätigkcitslericht der jüdischen Ar bei den Monat August 1920 entnehmen wir folgendes:. Tie jüdische A»leiierfürsorgestelle Köln ist Ende Juli 1920 als Ztreigstelle des von allen jüdisclM Organisationen Deutschlands gebildeten „Jüdischen Arleitcrfülsoigeanites Berlin" gegründet worden. Dir Behörden haben unsere Tätigkeit als Arbeitsvermittlung anerkannt und uns die allen Arbeitsnachweisen zustehenden Fahrpreisermäßigungen. wonach für Leute, die zur Arbeit fahren, nur die halbe Fahrkarte zu zahlen ist. zugestandcn. Tic größte Schwierigkeit bedeutet im lesepten Gebiet die im ganzen übrijwn Preußen nidjt geltende Vorschrift der Hohen Interalliierten Rheinlandskoiiimijsion, daß alle Flüchtlinge H e i tn a t s p a p i e r c haben müsien, falls sic hier bleiben wollen, waS den Militärflüchtlingen immer unmöglich ist. Tie preußische Regierung hat die Unmöglichkeit dieser Vorschrift auch eingcselien und den Jüdiscl)en Arbeiterfürsorgcstellen das Recht der Ausstellung von. Jdentitätsbescheinigrrstgen auch ohne Heimatspapierc zugestanden, »vorauf die Anmeldung und die Ausstellung von Personalausueisen erfolgt. Rur im besetzten Weliict ist infolge der unshstematischen Art der bisherigen sozialen Tätigkeit eine generelle Aufhebung nicht erwirkt worden. Wir sind uin die Aufhebung dieses Pasius, der von entscl)eidendcr Wichtigkeit ist, besonders bemüht. ES ist unS gelungen, etwa 60 Prozent aller derer, die sich an uns wandten, Arbeit zu beschaffen. Dieses Resultat.ist, wenn man vergleichsweise die Zahlen deutscher Arbeitsnachweise in Betracht zieht, außerordentlich günstig. Ein größerer Teil der Vermittelten wurde insAuSland vermittelt, und auch von dem nichtvermittelten Rest dürfte ein größerer Teil ins Ausland abgewandert sein. Wir fordern hiermit die Judenschaft Rheinlands und Westfalens auf. uns durch Rat und Tat. besonders aber durch Beihilfe in der Stellenbeschaffung und dadurch, daß man bei etwaigem Bedarf an Arbeitskräften sich an uns wenddt, zu unterstützen. » ESWBBTBgBIWPgmMffllgB!» H«t SBt HSKfl* Dir Kotelllasche. § Der alte Magid. (Fortsetzung statt Schluß.) Mn denkt sich der alte Magid, die Gefahr ist noch nichl'so groß. Über Palästina hat er selbst doch ebenfalls eine nette Predigt. Er sagt sie immer im Städtchen Rubsewitsch her, weil von dort zwei alte Juden nach Palästina gefahren sind, uin daselbst zu sterben. Und das Thema ist doch, wie cs scheint, auf der Tagesordnung. Er hört aber weiter zu und fühlt, daß es eine ganz andersgeartete Predigt ist. Und er hört: „Jahrtausende ivaren wir in Ketten, Sklaven waren wir und Sklaven sind wir und wir warten noch iminer in Untätigkeit. Des Schtvertes Spitze ist gegen unseren'Hals gezückt und wirZollcn nichts anderes tun, als nur auf Messias warten, der auf dem Esel kommenwird?" . . . Ei, das ist doch Ketzerei! Warum schtveigen die Zuhörer. tvie ist es möglich? Aber er sieht, wie das Publikum im Banne des Redners sich befindet, daß cs lautlos an den Plätzen bleibt und der Predigt mit Begeisterung und EaaiaSmus folgt. Und er hört tvertcr: „Ihr fahrt nach ästina, um dort zu sterben, aber Palästina ist uns gegeben ivorden, damit wir kort leben, und leben wollen wir!"... Und der neue Magid malte das jüdische Leben ohne Fadeln, ohne Zutaten, ohne Allegorien von den Prinzen und Prinzessinnen und er schildert alles so richtig, so wahr, daß man dem Zauber seiner Worte nicht widerstehen lonntc; und der alte Magid fühlte, daß seine Welt zur Neige gehe, daß seine Sache ausgespielt sei und er nicht mehr die Kraft habe, eine solche Predigt zusammenzustellen und fein Blut kochte vor Schmerz und Ingrimm. Und niedergedrückt und verstimmt ging er am nächsten Morgen in aller Früh zu Fuß nach dem nächsten Städtchen. Tort hat er zwar keinen neuen Magid angetroffcn, und er hätte beinahe den jungen Magid vergessen und weiter geglaubt, daß die Welt nochKmmer die alte sei und die Juden noch Juden seien, wie es Gott besohlen hatte. Aber alle seine Hckfsnungen wurden mit einem Schlag vernichtet, als er um die „Minchazeit" in der Schul aus der Lade in seinem Kopfe eine von seinen Predigten ausvacken tvollte. Ta trat ein junger Mann guf ihn zu, hieß ihn srenndlichst willkommen und fragte ihn: „Sind sie ein Zionist?" „Ein was?" starrte er ihn erschrocken an. „Ich meine, können Sie etwas über Zionismus sagen?" wiederholte der junge Many lächelnd seine Frage. — „Sinist". antwortete der Magid »und zog eine leidende, kränkliche Miene auf. „was? bin sich denn ein „Apikores" (Ketzer). Ich predige Thora und nicht Ketzerei." Aber er glaubte nicht mehr an seine eigenen Worte. Er hätte sehr gern etwas üler Zionismus gesagt. Warum auch nicht? Wenn das doch mehr gilt, als die alten Predigten? Aber wie erlernt man cs? Jener junge Mann hat doch so schön gesprochen, so herzinnig. Er wird es nie so machen können, um keinen Preis! lind er mußte wieder eine von seinen alten Predigten herunterleiern und er bebte vor Schrecken. Ihm schien es,

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