Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 66 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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flgen Landgericht t und den Justizminister. Am 24. Februar befand sich der Weinhändler Franz Litfin aus Eürlotenburg in Gesellschaft deS Fabrikanten Reel- und dessen Gattin in der Garderobe des „Palais de Danse*, als ein Herr auf ihn zutrat und in lautem Ton rief: „Sämtliche Juden den Hut abnehmcn, jetzt kommt «in preußischer Oberleutnant!" Da Lilfi» nichPJude ist, lachte er über das Benehmen des fremden-Herrn. Im nächsten,Augenblick hatte ihn dieser aber schon an der Kehle gepackt und über den Garderobentisch geworfen. Während er auf den Weinhändler einschlug, schrie er: „Sie kommen hier nicht 'gesund raus. Ich würge sie tot, wenn Sie Jude nicht den Hut abnehmen I" Das anwesende Publikum rief dem angegriffenen Herrn zu: „Nehmen Sie doch hen Hut ab. ivenn Sic Ihre Augen und Kinnbacken heil behalten wollen l" Die Schlägerei, bei der dem Weinhändler der Pelz zerrisien und der Schirm zerbrochen wurde, wurde schließlich durch das Dazwischentreten eines anderen Herrn beendet. Als der Angreifer sah, daß Litfin jetzt von verschiedenen Seiten Hilft erhielt, lief er davon und versuchte auf der Straße schleunigst zu entkommen. Er wurde jedoch festgehalten und auf der Polizei als der im Hotel Esplanade wohnhafte Oberleutnant und Gutsbesitzer Wilhelm Waltkina festgestellt. Von dem Verletzten wurde bald nach dem Vorfall unter Beifügung'eines ärztlichen Ältestes Strafanzeige gegen den Gutsbesitzer wegen Beleidigung, Körperverletzung und Sachbeschädigung erstattet. Darmstadt. Die Angrifft auf jüdische Studenten an der Technischen Hochschule und an der Universität in Gießen gaben dem sozialdemokratischen Abgeordneten Vetters iin Anschluß an die Verhandlungen über den Schuletat Gelegenheit zu einer Interpellation im Hessischen Landtag. Ter Redner wies darauf hin, daß zahlreiche Angrifft' durch Flugblätter und Schlägereien gegen jüdische Studenten unternommen norden, bei denen sich -die Mitglieder des „Mückebundcs" besonders hervortun. Der Präsident Dr. Strecker stellte fest, daß die Regierung durch einen Erlaß gegen diese Ausschreitungen Stellung genommen hat?-und daß auch die Rektoren der Hochschulen energische Schritte unternoinmcn haben. Swinemunde. Hier kam es unter Führung von Reichswehrsoldaten zu antisemitischen Ausschreitungen. Die Gewerkschaften veranstalteten Gegenkundgebungen. Viele Juden sind abgereist. Die ohnehin schwache Saison hat hierdurch großen Schaden erlitten. Kattowitz. Bei den am Dienstag, den 17. August in Kattowitz vorgekommenen Unruhen wurden über 200 polnische jüdische Flüchtlinge festgenommen, die in drei Lastautomobilen über die polnische Grenze geschafft wurden. Rach absolud verbürgten Nachrichten sollen bereits 16 von den Verhafteten standrechtlich erschosien worden sein. Pole«. Königsberg, 27. Aug. über die Kriegslage schwirren an der deutschen Grenze, wie in Suwalki, die unglaub» lichsten Owrüchte.vdic mit größter Vorsicht aufzunehmen sind. Die jüdische Bevölkerung flieht heimatlos vor den Polen im Lände umher. Überall spricht man von entsetzlichen Greuel taten, die die Polen an den Juden begangen haben sollen. Die Zahl der Hingeschlachtetcn soll nach tausenden zählen. Einwandfteies Material war bisher jedoch nicht zu erhalten. Warschau. Auf Grund von Instruktionen aus Amerika wird die Tätigkeit des „Joint" in Polen zeitweilig eingestellt. Weiter funktionieren soll nur die Abteilung für die Auszahlung der amerikanischen Geldanweisungen, Der die Leitung übernehmende Herr Zucker erklärte allen Beamten, daß vorderhand für sie keine Beschäftigung mehr vorhanden sei und daß sie. insofern der „Joint" Polen verlassen werde, eine Entschädigung erhalten werden. Er konferierte auch mit dem bei der jüdischen Gemeinde bestehenden Hilfskomitee zwecks evtl Übernahme der Agenden des „Joint". Lemberg. Die amerikanische Regftrung hat, einem Wunsche deS jüdischen Rationaftats fir Ost-üUeir «M sprechend, sich Hamit einverstanden emärt, einen amerikanischen Konsul in Lemberg zu «Kreditieren, unt ren Dalizianischen Auswanderern bei der Beschaffung der! Bisen den Umweg über Warschau zu ersparen. Lodz, 23. August. (I. O. B.) Die Regierung hat das Vermögen der jüdischen Gemeinde beschlagnahmt und den Tag der öffentlichen Lizitation ausgeschrieben, um in solcher Weift den Bewag von 1000 000 M. als Pflege und Heilungskosten für die in städtischen Krankenhäusern untergebrachten mittelloftn jüdischen Patienten eiNzütreiben. Die Lodzer jüdjsche Gemeinde hat gegen dieses Verfahren-wiederholt schärfsten Einspruch erhoben, da es nicht angeht, ein veraltetes Zarengesetz, wonach die jüdische Gemeinde ihre mittelloftn Kranken nicht auf städtischen Etat, sondern auf eigen« Kosten zu unterhalten hat, gerade auf die Juden polnischer Republik einzuwenden. Österreich. v Wien. Nach mehrmonatigen Vorbereitungen ist nunmehr die Gründung eines jüdischen Instituts für Jugend- - orschung und Erziehung in Wien erfolgt, desftn Grundtock die Bibliothek und Sammlungen des Herrn Dr. Siegried Bernfeld (zweitausend pädagogische und psychologische Bände und zwanzigtauftnd Sammelnummern) bilden. Es ergeht hiermit der Aufruf, sich bei der Leitung des Instituts (Wien XIII, Auhofstraße 222) als Sammler zu melden, wobei es zunächst insbesondere auf daS zerstreute und in jeder Beziehung überaus gefährdete Material -über die jüdische Jugendbewegung ankommt, das es systematisch zu bergen und zu retten gilt, um dann in den teilweisen Besitz des fthr umfangreichen Materials vom jüdischen Erziehungswesen der Diaspora und Palästinas zu gelangen. Die Sammler erhalten, eine genaue Sammelanweisung. Ferner ist das Institut schon fttzt in der Lage, Materialien für wissenschaftliche Arbeiten (Seminararbeiten. Dissertationen) zur Verfügung zu stellen, oder zumindest auf Themata zu vcrweiftn. Wien. Zur Vergrößerung einer Sammlung von Originalbrieftn und Porträts berühmter Persönlichkeiten jüdischer Abkunft, die bereits aus 600 Nummern besteht und die*später in den Besitz des jüdischen Nationalmuftums in Jerusalem übergehen soll, wird um Angebote (evontuell Tausch von Duplikaten oder gegen Münzen) ersucht. Adresse: Df Abraham SAvadron, Wien IX, Seegasse 25/15. * Alle jüdischen Zeitungen werden um fteundlichen Nachdruck gebeten. ** ttmam. Budapest. Der 5. Septembder wurde als Trauergedenktag für die jüdischen Märtyrer in Ungarn bestimmt, Das Rituale für den Trauergottesdienst entspricht dem in den Wormser, Nürnberger und Kölner Memorbüchern niedergelegten Vorschriften und Anforderungen. Budapest. In dem Prozesse wegen der ftinerzeit von antisemitischen Mordbuben ausgeführten Überfall auf die jüdischen Gäste im Cafö-Klub wurde am 19. August daS Urteil gesprochen. Sechs Angeklagte wurden zu Strafen von 5 Jahren Gefängnis bis 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Tschecho-Elowakei. Karlsbad. Sir Stuart Samuel wurde zum Präsidenten der von der jüdischen Welthilfskonferenz geschaffenen Jüdischen Welthilfszentrale. Leo Mvzkin zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees gewählt. Karlsbad. Am 15. August trat in Karlsbad das Komitee der jüdischen Delegationen an der Friedenskonferenz in Paris zu einer Plenarsitzung zusammen, zu der fast alle in Betracht kommenden Länder ihre Vertreter entsandt hatten. Sokolow und Motzkiu referierten über den Schutz