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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-08-27 · 65 (27.8.1920) · p. Seite 343

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
65 (27.8.1920)
Date
1920-08-27
Page
Seite 343 (sequence 3)
Language
German
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Vacsmswlurrg «nter Kührüng von Offizieten - durch di« Straßen und überfielen jüdische Passanten. SS wurden zahlreiche Personen verletzt. V Pole». Warschau. Der Aufruf, der an allen Litfaßsäulen sämtliche wehrfähige -Personen namens des „Rates zur Selbstverteidigung der Hauptstadt", zum Einttitt in die Freiwilligenbataillor« auffordert, ist u. a. auch vom jüdischcn Ratman Meisel unterzeichnet. Die antisemitische Presse hat, wie es scheint auf höhere Weisung, die Hetze fürs erste ganz eingestellt. Ein jüdisches Komitee für Landesverteidigung entfaltet eine große Hilfsaktion für Soldaten und deren Angehörige. Der jüdische Kaufmännische Verein führt die beschlossene Selbstbesteuerung der Mitglieder mit aller Energie durch. Jüdische Firmen zeichneten bis zu 250000 M. und mehr für die Zwecke der Selbstverteidigung. Für Donnerstag, den 2ß. Aw, war vom Rabbinatc ein halber Fasttag angesctzt. In allen Synagogen wurden Gebete für die Rettung des Landes verrichtet und große Geldsummen für Kriegsfürsorge gesammelt. Tschecho-Slowakei. Karlsbad. Über die Lügender Juden in Sowjet-Rußland berichtete auf der Welthilfskonferenz der bekannte Rechtsanwalt Sliosberg, der u. a. folgendes ausführte: „Es gibt (in Sowjet-Rußland) keinen freien Handel und kein freies Gewerbe. Alles ist verstaatlicht. Da die jüdische Bevölkerung nicht im Bauernstände vertreten ist, da überhaupt km Rohmaterial da ist, kein Handel und kein Handwerk, so läßt sich wohl Vorsteven, wie der Zustand der jüdischen Bevölkerung ist . . . Die Judenmasiakers, von denen die Ukrainer heimgesucht wurden,.schlugen ihre Wellen bis nach Großrußland. Auch hier wurden viele Städte von den herumziehenden Banden überfallen, die Juden geschlachtet, viele vertrieben. Meder gab es Flüchtlinge, und noch jetzt sind nicht weniger als 10 000 jüdische Flüchtlinge in Smolensk, Wiebsk, Homel, die nicht die Möglichkeit haben, nach Hause zu kommen . . . Man kann kaum feste Angaben machen über "die Zahl der Hilfsbedürftigen in Sowjet-Rußland. Denn der Begriff Sowjet-Rußland ist kein ststcr, und immer mehr dehnt sich das Gebiet der Sowjet-Republik nach Westen' aus. Nur allgemein kann man die jetzige Not schildern . . . Die ganze Bevölkerung vsr-. hungert. Wenn ich die Zahl der in den Städten von Sowjet-Rußland lebenden Juden mit 31/2 Millionen angebe, so habe ich damit auch die Zahl der Hungernden angegeben. Es gibt k'einen einzigen, der nicht hungert. Freilich hungern die anderen auch. In dieser Beziehung herrscht vollkommene Gleichberechtigung. Aber das erleichtert die Lage nicht. Ganz besonders leidet die Jugend und die Kinder. Ihnen müsien wir vor allem helfen,.. Wiele Elemente haben sich der Landwirtschaft zugewendet und suchen sich auf diese Weise zu ernähren. Diese Möglichkeit der Hilfe besteht also. Tenn wenn auch der Boden nationalisiert ist, die freie Arbeit ist nicht verboten. Der Handel ist wohl ausgeschlossen, aber die. Bearbeitung des Bodens ist nicht ausgeschlossen. Man muß' daher den Juden die Möglichkeit geben, die nötigen Werkzeuge zu beschaffen, damit sic sich mit der Landwirtschaft beschäftigen können ..." Karlsbad. Über die Verhältnisse in der Ukraine referierte Ing. Tcmkin. Das größte Unglück sei der häufige Wechsel der Macht gewesen, der stets von fürchterlichen Massakern begleitet war. Jüdisches Blut wurde überall in Strömen. -vergossen, nicht bloß durch Banden, sondern auch durch organisierte Armeen einzelner Heerführer. Bereits die ersten Pogrome Ende 1918 und Anfangs 1919 versetzten die Juden in größte Besorgnis und Angst. Furchtbarer waren die April-Pogrome. Die darauf einsetzendcn Mai-Pogrome unter Hetman Gregorieff waren schon nicht mehr einzelne Pogrome, sondern Pogrom-Orkane, die den ganzen Sommer hindurch währten und denen 400 Orte zum Opfer fielen. Bis jetzt wurden 568 Orte von Pogromen heimgrfucht und 138000'Juden ermordet. Die Zahl der Kranken. Verwundeten, Mißhandelten ist gar nicht zu übersehen. Bon den 3 Millionen Juden sind 1 200 000 völlig ruiniert. Die Zahl der Waisen bettägt 120- bis 150 000, 400 Millionen Dolläts dürften für Hilfe nötig sein. — Der Bericht deS Ing. Temkin soll alS Schwarzbuch herausaegeben werden. Karlsbad. Das südafrikanische Judentum hat der jüdischen Welthilfskonferenz Hierselbst telegrcchhisch mitgetcilt, daß in Südafrika 140 000 Pfund (cttva 80 Millionen Kroneu) für Kriegsopfer gesammelt wurden. Ferner haben sich die südafrikanischen Juden berett erklärt, eine größere Zahl von Kindern zu übernehmen und für Palästtna vorzubereiten. Auch Kgnada hat sich bereit erklärt, tausend jüdische Kriegswaisen zu übernehmen. Karlsbad. Am 13. August wurde die Welthilfskonferenz geschlossen. ES wurde eine aus 29 Mitgliedern bestehende jüdische Welthilfszentrale mit dem Sitze in London und eine neungliedrige Exekutiv^gewählt. Vor dem Schlüsse der Konferenz wrrrde ein Hilfsaufruf an alle an der Konferenz beteiligten Staaten sonne an die gesamte Judenheit erlassen. Es »vurde ferner beschlossen, einen Trostaufruf an die Judenschaft der Ukraine zu richten. Lettland. Riga. Nach dem Vorbildc des litauisckren Nachlmrstaates wurde im lettländischen Ministerirnn für Unterricht eine jüdische Abteilung eingerichtet. In die konstituierende Nationalversammlung wurden fünf Juden gewählt, wovon einer, Dr. Münz, in das Ministcrimn einttitt. Litauen. Kowno. (I. C. B.)' Die jüdische Presse Litauens wendet sich in scharfen Worten gegen die Majorität in der litauischen Konstituante, die aus den christlichen Demokraten und den Volkssozialisten besteht, da sic ein Wcfcfc be-, schloß, demzufolge die Besitznahme voir Grund und Bodenan früher erworbene landwirtschaftliche Kenntnisse geknüpft ist. Dies schließt praktisch die Juden von der Landwirtschaft aus. Amerika. Rewyork. (I. C. B.) In Cleveland wurde die Konferenz der hebräischen Lehrer in Amerika eröffnet. Sic wurde von den verschiedensten jüdisci-en sowohl inals ausländischen Organisationen auf das herzlichste begrüßt. Dr. Turoff begrüßte die Konferenz im Namen der hebräischen Lehrerschaft Erez Israels und wies in seiner Rede auf die Notwendigkeit hin, dje hebräische Sprach und Kultur zu entwickeln. Holland. Den Haag. Das bisherige Sammelergebnis vcS Jüdischen Nationalfonds irn Jahre 1920 entspricht bei irvitem nicht dem von der N. F.-Verwaltung ausgestellten Voranschlag, der Ende vorigen Jahres in Höhe von 5 0 0 0 0 0 Pfund eingcschätzt und dementsprechend aus die einzelnen Länder kontingentiert wurde. Das Aktionskomitee hat durch Herrn Tr. Weizmann sogar das Doppelte, d. i. e i n e Million Pfund, für nottvcndig erklärt. Tatsächlich bettagcn die Einnahmen deS I. N. F. bis 1. August 1920 nur 65 370 Pfund, das macht etwa 1 2 P r o zc n t der ertvarteten Jahrcseinnahmc aus. ' Tie I. N. F.^Zcntrale hat sich unter Hinweis auf die' jetzigen großen Möglichkeiten an die Pertrauensinänner in allen Ländern mit einem dringenden Appell getvendet, alles aufzubieten, um die laut Voranschlag für das laufende Jahr aufzubringende Gesamtsumme von 500 000 Pfund sobald als möglich zu sichern. Dieser Appell dürste im Hinblick auf die begonnene Emigration und die endlich in Angriff genommene Erschließung von Erez Israel nirgends ungchört verhallen, wo Juden sehnsüchtig der Geulah harren.

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