Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 62 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- Seite 320 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Salta stand noch immer da. nachdem das rote Schlußlicht det dahinrollenden Zuger schon längst von der Finster, nir verschlungen war. Mit einem tiefen Seufzer, der bald in ein Schluchzen auLartete, trat sie den Rückweg an. Ihr Gottc-werk war ihr gelungen. Di« Schwester war gerettet — durch sie gerettet. Jetzt blieb nur noch übrig, ihr die Freudenbotschaft zu verkünden. Als sie nach Hause kam, fand sie Zillah in der Küche, damit beschäftigt, den Inhalt eines kleinen Kästchens zu zählen. ' „Das ist alle-, was ich mit mir nehmen werde", sprach sie, ohne aufzublicken; „es sind ungefähr hundert Rubel, die ich mir von meinem Taschengeld erspart; vielleicht ge. brauche ich das Geld." „Dü wirst es nicht mehr gebrauchen — wenigstens heute abend nicht mehr", sagte Salta ruhig. Zillah sah sie fragend an. Dann sprach sie schnell: „So, hat er die Abreise verschoben?" Ein Hoffnungsstrahl leuchtete in ihren Augen. „Ist der Befehl widerrufen worden?" „Nein, der Befehl ist nicht widerrufen worden, der Kommissar ist soeben abgereist.'' ..Abgereist?" " „Ich sah ihn mit dem Zuge abfahren — ich schwöre es dir, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich hatte ihm gesagt, daß du deine Absicht geändert, daß du es nicht ertragen könntest, abtrünnig zu werden den Eltern auf Erden und dem Vater im Himmel — ich sagte ihm, daß die Sünde deine Seele vernichten, und die Gewissensbisse deinen Körper töten würden — und da ging er, um zu zeigen, wie sehr er dich liebt. Wenn du willst, kannst du mich ia dafür schlagen —, aber ich konnte nicht anders sprechen/ , Zillah hörte zu und die Farbe auf ihrem Gesichte wechselte fortwährend. „Du sagst, du hast es gesprochen", sagte sie endlich, ohne jede sichtliche Erregung. „Du überhebst dich, Salta du bildest dir zu viel ein. Es war gar nicht dein Tun — mein guter.Engel hat es getan; er hat nur deine Gestalt und deine Stimme angenommen. Ich hatte ihn in den letzten Tagen ganz und gar vermißt; er hatte sich von mir abgewendet: er hatte mich verlasen und mein Gewissen mit sich genommen. Würde ich deyn sonst meiner Mutter nicht geantwortet haben, als sie mich bat, ihr eine treue Tochter zu bleiben? Würde ich denn sonst dem Lieblingswunsch meines Vaters in kindischem Trotz widerstrebt haben? Ich wußte, daß ich mich einem bösen Geschicke blindlings in die Arme werfen wollte; doch wehrte ich mich nicht dagegen,' weil ich es die ganze Zeit schon geahnt und empfunden — wenn auch nur schleierhaft und verschwommen, daß Hilfe mir »verden, daß ein Retter mir erstehen wird in der Stunde der Gefahr. Und du, Salta, hast mich meinem guten Engel wieder zugeführt. Schwester, rme soll ich es dir lohnen?' „Indem du Aron den Eltern als Sohn zuführst, du bist es ihnen schuldig; es soll deine Vergeltung, deine Sühne sein für das Unglück, das du ihnen hast zufügen wollen." Tie scheinbare Rühe, die Zillah bisher zur Schau getragen. war natürlich nur eine erkünstelte, und sie konnte nicht lange standhalten: sie brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus, daS ihren ganzen Körper erbeben^ machte. Salta nahm sie schweigend an die Hand und führte sie in die Küche; sie verschloß die Tür hinter ihr, um ihr dmch den Tränenlauf die größte Wohltat zu erweisen. Nach einer Weile ging Salka wieder zu ihr hinein, um sie zu beschwichtigen, was ihr auch mit leichter Mühe gelang, so daß sie den Wunsch der Eltern mit vollem, ftohen Bewußtsein besprechen konnten. Bride fühlten sie daS Herz leicht und frei, wie nach einem schweren Gewittersturm. wenn die goldene Sonne aus dem finstern Gewölk wieder zum Vorschein kommt. „Still", rief Salka, auffahrend, Zillah unterbrechend, die sich in Dankesäußerungen gegen ihre Schwester nicht genug tun konnte; „sfill", wiederholte sie, und erhob warnend den Fing«. Man hörte jetzt Aron di« Treppe h«. Unterkommen. , , - « .^könnten Sie mir vielleicht mit einer Schnur aushelfen?" sprach er. befangen vor d« Türe stehen bleibend. „Wozu brauchen Sie solche?" ftagte Salka. „Ich packe meine Sachen, da ich morgen früh abreisen will; ich könnte cs nicht verantworten, meine Angelegenheiten noch länger zu vernachlässigen." «Warten Sie hier einen Augenblick", sprach Salka, schelmisch lächelnd; „gleich hole ich Ihnen daS Gewünschte." ^Und ihrer Schwester einen vielsagenden, bedeutungsvollen Blick zuwerfend, eilte sie fort, die beiden hi« allein lastend. Aron blickte nach einer andern Richtung; « vermied eS absichtlich, Zillah anzusehen, um die mühsam wiedergewonnene Ruhe nicht aufs neue einzubüßen. Ab« plötzlich fühlte er seine Hand leicht berührt, und sich hastig umwcndend, «blickte « Zillah, über und über errötend neben sich. „Bin ich denn nicht einstweilen Ihre wichtigste Angelegenheit, die Sie hier zu «ledigen haben?" ftagte sie schüchtern, mit niedergeschlagenen Blicken. „Zillah!" rief er jubelnd im höchsten Entzücken, unfähig, noch ein weit«es Wort hcrvorzubringen. Sie sah ihn ernst an, und als sie die Freuden tränen in feinen Augen bemerkte, da «faßte sie feine Hand,'und der herzliche Druck gab ihm die beseligende Gewißheit. Salka hatte den gewünschten Bindfaden nicht gebracht — sie wußte, da, wo Rosenbanden geschlungen wurden, war solcher leicht entbehrlich. Sie stand im Laden und lauschte auf das näh« kommende Magenrollen. , Fünf Minuten spät« stieg Anschel vor feinem Hause ab. Salka stürzte ihm entgegen. „Vater, gute, freudige Botschaft", flüsterte sie ihm zu, auf das Paar in d« Küche zeigend. Anschel lächelte beglückt; er brauchte nicht weiter zu fragen. Leichtfüßig stürmt« « die Treppe hinauf, und seine Frau herzlich umarmend, sprach er mit rührender Inbrunst und Andacht: „Esther, mein Leben; Zillah, unser Kind, hat unsere Herzenshoffnung verwirklicht! Gelobt sei der Herr und gelobt sei feilt heiliger Name!" I Von Kerg und Gal. F I I11III h 11111 i~»n n ni »111111111111 rTTrrf Köln. Die Misrachigruppe, die kaum drei Monate besteht, hat sich bereits zu einem wichtigen Faktor im Kölner jüdischen Leben entwickelt. Sie läßt sich die Pflege der hebräischen Sprache und des jüdischen Schrifttums besonders angelegen sein. Bisher wurde ein hebräisch« Sprachkursus für Fortgeschrittene eingerichtet. Kurse für Anfänger und weniger Fortgeschrittene sind in Vorbereitung. Krefeld. Am Samstag den 24. Juli wurde auch im Gottesdienst des 91. Gebmtstages deS Herrn Gabriel Paßmann durch ein besondnes Gebet und dmch Ausschmückung seines Platzes gedacht. Nachher fanden sich zahlreiche Ellückwünschende, darunter auch d« Vorstand der Gemeinde und ondner Körperschaften, in der Wohnung des Gefeinten ein. Viele sonstige Ehrungen wurden Herrn Paßmann zuteil. Er ist, wie' schon ftüher mitgeteilt, das älteste Mitglied uns«er Gemeinde und «freut sich einer gnadezu staunenswerten Mistigkeit, die ihm auch jetzt noch nlaubt, seinen Berufsgeschäften nachzugehen. Krefeld. Die Zeitungen weisen anläßlich d« 50. Wiederkehr seines TodeStqges auf den in Jüchen geborenen Dichter Hermann Hersch und feine W«ke hin, unter denen daS Lustspiel „Anneliese" auch heute noch nicht vergeffen ist. Selbst Herr Bartels muß zugeben, daß diese- Schauspiel seinerzeit eine „deutsch-volkstümliche" Wirkung geübt habe.