Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 61 (30.7.1920)
- Date
- 1920-07-30
- Page
- Seite 312 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ungewöhnlicher, hervorragender Jude Steckelmacher gewesen ist. Tie aber, die das Glück hatten, sein innere- Wesen zu . schauen, sind durch seinen Heimgang ärmer geworden. Sie denken seiner nicht nur mit Bewunderung, sondern auch mit tiefer Dankbarkeit. Und mit dem Worte der Heiligen Schrift möchtet sie denen, die ihm fern standen, zmufcn: „Sie sollen wissen, daß ein Prophet war in ihrer Mitte." Düsseldorf Max Eschelbacher. 7üdifcbt Cachter. Bon Samuel Gordon. Lrrecht. Übertragung audem Sagt, von M. Pulvermann. •7.X3ZJ.X7.V,; (Fortsetzung.) Kurz vor sieben Uhr kam Zillah — oder eine Gestalt, die wie Zillah aussah, und sprach: „ES ist wohl jetzt bald Zeit, daß du gehest. Salka?" „Ja", erwiderte diese; „und was soll ich ihm sagen?" „Sage ihm: dass ich um neun Uhr mein früheres Selbst aufgeben werde, um an seiner Seite ein anderes zu beginnen." Salka mußte ihr Gehör besonders anstrengen, um die gesprochenen Worte zu verstehen. Mit einem raschen Griff zog sic Zillah- Kopf an ihre Brust und berührte deren kalte Lippen mit den ihrigen, wobei sie ihr tief in die Augen.hlickte. Was sie da sah, machte ihr das Herz aufjauchzen in Jubel und Entzücken; deutlich las sie da, als »väre es tnit Flammenschrift niedergeschrieben: „Nette mich.— vor mir selbst!" Im nächsten Augenblick war sie auf der Straße, mit schnellen Schritten dem Bahnhof« zueilend. In Gedanken wiederholte sie sich noch all die Gründe, die sic zu ihrem Entschlüsse geführt. „Sie wird ihre Schtvester retten", das war der Hauptpunkt, von dem sie ausgegangen waren. Das uhu ja auch keine schnüre, opferheischende Pflichterfüllung, sondern eine Gnade, die der Herr in seiner Barmherzigkeit ihr gewährt, um ihr Gelegenheit zu geben, sich von einer Todsünde fern zu halten. Noch in der zwölften Stunde wurde der Schleier,der Blindheit von ihren Augen genominen. Jetzt konnte sie wieder sehen, und mit Schaudern .bemerkte sie. wie dicht sic am Rande eines abgrundtiefen Erbrechens gestanden. Sic war willens gewesen, eine sündige unberechtigte Liebe, deren Erfüllung überdies noch fraglich und unwahrscheinlich gervesen, mit dein Berstoßen der einzigen Schwester zu erkaufen, mit dem gebrochenen Elternhcrzen zu bezahlen. Sie wäre die Mörderin gewesen, und nicht Zillah. , Hatte nicht Zillah ihr gesagt, daß sie ohne der SchNester Zureden, ohne deren fremden, leichttrügerischen Gewässern anzuvertrauen? Gott sei Dank, es war noch nicht zu spät. Und das sündhafte Begehren, das auch jetzt den brennende» Stachel noch nicht aus ihrer Brust gezogen? Es hat nichts zu bedeuten. Wahrlich, es war geringfügig, es verschwand vollständig, gegen die unxndliche Freude der Selbstaufopferung. Es n>ar nur ein häßliches Unkraut, das durch die Saft- und Kraftlosigkeit in feinem fluchwürdige» Dasein von selbst abstcrben wird. Und wird nicht auch Zillah ihre vcrbrccheriscl-e Neigung aus dem Herzen reißen? Und soll sie sich nicht auch zur seligen Höhe der Entsagung aufschwüigen können? Gott sei Tank, daß er ihr seine Kraft und seinen Beistand hierzu gegeben. Sie erreichte den Bahnsteig durch einen Seiteneingang, wo sie.noch von dem ausströmenden Dampf der Maschine fest cingchüllt wurde. Reisend^ und Bahnbeamte drängten und eilten mit der wilden Hast, die sich allenthalben kurz vor Abgang eines Zuges bemerkbar macht. Aus all dieser Verwirrung ragte die hohe Gestalt des Polizei-Kommissars hervor. Er hatte keine Eil«. Gemächlich, mit den Händen in den Taschen, ging er auf und ab. Er wußte, der Zug wird sich nicht von der Stelle bewegen, bi» er Len tfcWjf ' dazu gab. Äußerlich war er ganz ruhig — so ruhig, daß keiner es geglaubt, daß er spgar di« leblose Maschine beneidet«. die ihre innere Bewegung wenigstens durch das Ausstößen des Dampfes bekunden durfte, ohne befürchten zu müssen, spöttische und anzügliche Bemerkungen h«au»- zufordern. Cr aber durfte nichts merken lassen; er muß eine eiserne Ruhe zur Schau tragen, ob eS auch in seinem Innern kocht und gärt, ob auch die Ungewißheit ihn fast verzehrt. Bei einer Wendung erblickte er im schwachen Laternen- 1 licht die walkende Salka, die abseits vom Gedränge stand. In einer Sekunde war er an ihrer Seite. „Ich wußte, daß sie mir eine Nachricht schicken wird", rief er erregt; „so muß ich wohl bis neun Uhr warten?" Salkas Atem flog. Gott helfe ihr. „Nein, Sie brauchen nicht zu warten", sprach sie fest: „meine Schwester kommt nicht.'' Bestürzt trat er einen Schritt.zurück. Salka ließ den Kopf sinken; im nächsten Augenblick muß ja der Sturm losbrechen; bald wird er wüten, rasen, fluchen, drohen, ja, jn Gedanken fühlte sie schon seine Schläge auf ihren Kopf niedersansen. Doch nein! Sie wartete vergebens — es kam nichts. Sie faßte Mut und blickte auf; er war ganz ruhig — aber diese Ruhe schien weit gefährlicher als der wildeste AuSbruch der Leidenschaft. Seine Lippen bewegten, sich. „Warum nicht?" Salka mußte diese Frage eigentlich erst erraten, so leise war sie gesprochen. \ „Weil sie dem Stamme angehört, der der Welt da» Gebot gegeben: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!" erwiderte Salka mit voller Kraft der Überzeugung. Da» hatte sic nicht auswendig gelernt; dahat ihr ihr Herz eingegeben. „Wo ist sie hin?" fragte er kurz. „Zu Hause." „Dann werde ich sie holen." Er schickte sich an, zu gehen. . Sic hielt ihn,zurück. Ihr Herz slUug dabei wie «in Schmiedehammer. „Es wäre vergeblich", sprach sie bestimmt. „Sie werden sie am Krankenbett ihrer Mutter finden. Ihre Mutter hat das Krankenlager seit dreh Jahren nicht verlassen, aber sie wird die Kraft einer Löwin besitzen, »venn sie für ihr Kind kämpfen müßte, und ich glaube. Sie können keinen Augenblick im Zweifel sein, auf wessen Seite der Sieg sein wird." ' Er schwieg eine Weile, in Gedanken versunken; Vann sprach er: „Ja, ich »veiß. Und hat sie — Ihre Schwester, gewollt, daß Sie mir all dieses sagen?" „Sie bittet Sie, daß Sie ihr vergeben unv ste vergessen sollen", erwiderte Salka, eine direkte Antwort auf seine Frage verneinend. „Sie sagt", fuhr sie weiter fort. „sie wird für Ihr Wohlergehen täglich zu unserem Gott« beten; sie wird zu ihm flehen, daß er <^ie den Großen im Lande gleich machen möge, daß er zu Ihnen barmherzig sein foll für die Barmherzigkeit, die Sie ihr! versprochen haben." - l ' Er schien aus einem Traum zu erwachen.!' „Barmherzigkeit?" rief er bitter, „waS heißt Barmherzigkeit? Ich habe ihr meine Liebe, meinen Namen versprochen — das war doch km« Barmherzigkeit; da» war vielmehr Selbstsucht, weil ich ja der gewinnend« Teil gewesen wäre. Ich wollte'ihr Herz, das sie mir aus tausend Wunden blutend.entgegengebracht. Dieses wollte ich gllem andern abwenden, damit es ungeschmälert nur mir gehören sdllte. Dafür hat prich euer Gott gestraft und mir das genommen, nach dem ich so sehnsuchtsvoll begehrt, und das durch meine Liebe wieder erstarken und gesunden sollte; und gerade in dein Augenblick entriß er es mir. als ich mich dessen Besitz schon fest versichert zu halten glaubt«. Ja, euer Gott ist wirklich ein starker, «in allmächtiger Gott, vor demich mich auch in Zukunft beugen werde! Er ist so stark —