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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-07-30 · 61 (30.7.1920) · p. Seite 311

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
61 (30.7.1920)
Date
1920-07-30
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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~■ der Bewegung auch zum Au-dtuck kam. ihm kargen in- E. A. S. Usfischkm, Sokolow, Beiz, mann. de Lime, Julius Simon. Präsident degroßen A. C. wurde Lord Rothschild, Vizepräsident Prof. Warbrng. Beschlossen wurde eine doppelte Anleihe» und zwar eine palästinensische, von Juden zu deckende Landesoarleihe von 3 bi- 4 Millionen Pfund, und eine 25 Millionen Pfund- Anleihe, den sogen. Keren Hajesod, aus dem die Organisation selbst, der Nationalfonds usw. bestritten werden soll. uist> der durch eine DermGensabgäbe von' 10 Prozent erreicht werden soll. Die Kosten der Bewegung im nächsten Jahre wurden auf 76000 Pfund außer dem'Palästm-chudget festgesetzt. Amerika. Newyork. Im Ostviertel Newt>orks wird.eine Erziehungsanstalt für die jüdische Jugend, besonders für die Waisenkinder, errichtet, in der sie eine jüdische Erziehung genießen sollen. > Türkei. London (I. C. B.). 'Der Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinde in Konftcmtinopel machte interesiante Äußerungen über die Lage der Juden in der Türkei. Nach seineu Schätzungen befand sich dort vor dem Kriege etwa eine halbe Million Juden, deren Mehrheit unter schlechten Verhältnissen lebt. Unter dem alten Regime haben die Juden politisch nicht zu leiden gehabt, wohl waren sie aber moralisch immer benachteiligt. Sie hatten nie eine genügende Anzahl von Schulen und in chrem Kampfe umS Dasein mußten sie einer starken und unerbittlichen Konkurrenz seitens der Griechen und Armenier gegenüberstehen. Als der Krieg ausbrach, wurden die Juden zum ersten Male in großer Zahl in die Armee eingereiht. Dies hatte zur Folge, daß eine große Zahl von Soldatenangehörigen unversorgt zurückblieb, und heute gibt cs in Konstantinopel 14 000 Flüchtlinge, Frauen Und Kinder, 'von ehemaligen Soldaten, die nach Hilfe an die Gemeinschaft rufen. Unter diesen herrscht'dic äußerste Armut, Not und Mangel, und die eingerichteten Volksküchen können nur in geringem Maße dieser Not steuern. Aber das größte aller Problerne ist die Frage der jüdischen Waisen, deren es gegenwärtig ca. 3000 im Lande gibt. Palästina. Jerusalem. Im Anschluß an -di« Verlesung der „Königlichen Botschaft" hielt Herbert Samuel eine Rede und entwickelte sein Programm. Sofort nach endgiltiger Formulierung des Mandats soll die Zivilverwaltung ihre feste Form erhalten. Er wolle einen kleinen Beirat berufen, dem wichtige Verordnungen sowie das Jahresbudget vorgelegt' werden sollen. Die Maßnahmen zur Errichtung der jüdischnationalen Heimstätte sollen schnellstens getroffen werden. Eine Landkommission soll die Befiedlungsmöglichkerten prüfen. Die Eisenbahnen werden bald von der.Verwaltung übernommen werden, ein großes Programm für die öffentlichen Arbeiten, Straßenbau, Telefon, Tclegrdf, Häfen, Kraftversorgung sei in Bearbeitung, eine Anleihe werde denmächst ausgenommen werden. Die Öffnung der Häfen und Grenzen stehe bevor. Am Schluß seiner Rede verkündete der Hohe Kommissar die königliche Amnestie. Jerusalem (I. C. B.). Das palästinensische Bildungsdepartement hat mit der Universität in London ein Abkommen getroffen, wonach in Jerusalem Prüfungen für die Immatrikulation an dieser Universität im Januar 1921 vorgenommen werden sollen. Es ist auch vorausgesehen, daß in manchen Fällen die Schlußprüfungen ebenfalls in Jerusalem abgehalten werden können. Jerusalem. Jabotinsky und seine 12 Kameraden wurden in Acco in Freiheit gesetzt und kehrten wieder nach Jerusalxp^Mück, wo man sie begeistert empfangen hat. Alorltz Sfcdtcimadicr. Vor wenigen Wochen istMoritzSteckelmacher, der Mannheimer Rabbiner, im Alter von nahezu siebzig Jahren nach langem, schwerem Leiden gestorben. Die Welt und das Judentum haben an ihm einen bedeutepden Mann, der deutsche Rabbtnerstand einen hervorragenden Vertreter verloren. Er war ein ganz ungewöhnlicher Mensch, ein großer Geist. Diesen Eindruck empfing jeder, der ihm nahetteten durfte Steckelmacher stammte aus Mähren. Er hatte eine sc^rere Jugend verlebt und wußte seitdem, was eS heißt, zu eittbehren. Er fand aber früh auch Helfer, die seine ungewöhnlichen Fähigkeiten erkannten und ihm beistanden. An diesen Freunden hing er sein Leben lang mitgroßer Liebe, und ihr Andenken hielt er hoch in Ehren. Später besuchte er das BreAauer Rablinersemmar in den Jahren, als diese erste Pflanzstätte der inodernen Wissenschaft des Tsirdentums ihre Blütezeit erlebte. Tort schloß er sich vor allem an Tr. David Rofin an. jenen Dozenten, der seinen Hörern menschlich und persönlich so viel gegeben hat, daß seine einstigen Schüler, die heute selber fast alle alte Männer geworden sind, wo sie sich immer treffen, mit einer rührenden, unauslöschlichen Liebe seiner gedenken. Jung trat er. in das rabbinische Amt ein. Das Glück fügte es. daß er gleich zu Anfang in das große Mannheimer Rabbinat berufen wurde, das er dann nahezu vierzig Jahre lang bekleidet hat. In seiner Ausfasiung von den Pflichten eines Rabbiners war er ein Mann vom alten Schlag, nicht ganz, aber doch vor allem ein Gelehrter. Ein schtvercs Gehörlciden, das sich im Lauft der Jahre immer verschlimmerte. führte ihn noch mehr zu sich selber, in die Einsamkeit. Aber er ertrug die Stille, die sich um ihn ausbrcitete. ohne Verbitterung und verwendete seine Muße zu hervorragenden Schöpfungen. Seine ganze Liebe gehörte den großen Fragen der Weltanschauung. Er war ein großer Kenner der Philosophie, noch mehr, er war ein großer Philosoph und hat von früh an seine Kraft der Religionsphilosophie und der Ethik gewidmet. Vor dreißig Jahren veröffentlichte er ein größeres Buch über die Gottesidee der Offenbarung und des Heidentums, und im Jahre 1904 erschien sein Hauptwerk: „Über das Prinzip der Ethik, vom philosophischen und vom jüdisch-theologischen Standpunkt aus betrachtet". Hier bietet er einen großzügigen Überblick über die niamrigfacl-cn Versuche der abendländischen, namentlich der modernen Philosophie, die Fundamente des sittlichen Lebens nachzuweiftn und zu begründen und entwickelt in ständiger Berührung damit die Ethik des Judentums, mit deren Quellen er vertraut war wie wenige, und deren Geist er in der Sprache der echten philosophischen Wissenschaft und mit deren Mitteln zu entwickeln wußte. Als dann vor cttua zehn Jahren der Nationalökonom Sombart einen großen Streit um das Wesen des Judentums entfesselte, trat ihm Steckelmacher mit feinen „Randbemerkungen" entgegen. Viele haben damals die wirtschaftliche Seite der jiidisclftn Geschichte und des jüdischen Wesens beleuchtet. Tie eigentlichen religiösen Probleme al»er hat keiner so ins helle Licht gestellt, wie Steckelmacher. Er har als Schriftsteller wahrhaft zu Ehren Gottes und zum Ruhme des Judentmns gewirkt. Er lebte in seiner eigenen Gedankcnivelt, die viele» unzugänglich bleiben mußte. Darum mochte er selber manchem als unzugänglich erscheinen und iwu es vielleicht anch wirklich für viele. Wenn ihm aber ein Mensch begegnete, der in der gleichen Welt lebte und Bürger war. dann tvurde Steckelmacher ein anderer. Dann offenbarte sich auf einmal die ül'erströinende Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit seines heißen Herzens. Dann zeigte er sich im persönlichen Verkehr als der große Herr, der über reiße Sclwtw der Erkenntnis verfügte, als ein »vahrhaft Weiser. Man atnjete bei ihm die Luft einer anderen Welt und fühlte sich durch seinen Umgang erhoben und beglückt. Die große Menge ist ihm wohl traniger nahegetrcte», und mancher mag cs nicht so ganz erkannt haben, welch ein

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