Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 58 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Bonn. der am 30. Juni stattgefundenen Versammlung der hiesigen Klinikerschaft wurde beschlossen, den Antrag der Jenaer Klinikerschaft auf Einführung der „Prozentnorm" für Juden abzulehnen. .Hannover.' Zu dem Skandal bei der Uraufführung x des Sck-auspiels „Die Nachtwandler" von Klabun im Schauspiclhause zu Hannover, nimmt der Dichter in einer Zuschrift Stellung,-in der cs heißt: „Von welcherSeite diese Opposition unter andereni ausging, beweist «in Artikel in der „Deutschen Zeitung" vom Montag, den 10. Mg«, in ivelchem behauptet wird, daß in dem Stück der ' Haß des Judentums gegen das ehrliche aufrechte Deutschland ganz unt»erhüllt zutage tritt und daß ich unter anderem als „jüdisck)cr Brünstling" apostrophiert werde. Das Stück ist deutscher, als es die „Deutsche Zeitung" je sein ickrd, und ich möchte fcstgestcllt »visien, daß der antisemitische Radau gegen mich, wie er in Hannover auch mit dein Rufe „Nieder mit dem Juden" zum Ausdruck kam. völlig unangebracht ist. Mein bürgerlicher Name ist Alfred Hcnschke und in meinen Adern fließt nicht ein Tropfen jüdisches Blut. Die Opposition gegen mich wird sich eine andere Flagge suchen müssen." Berlin. Ter 16. Delegicrtcntag der deutschen Zionisten ging ohne entscheidende Beschlüsse vorüber. Da die zionistische Leitung jetzt in London ist, ,md alle zionistischen Entscheidungen dort getroffen »verden, ist der deutscl-e Zionismus z. Z. von der unmittelbaren Mitarbeit \ ausgcschaltct, und dies machte sich auch in Berlin bemerkbar. Interessantwar der Delegicrtentag nur durch die scharfe FraktionsbUdung, die ihn beherrschte. Die orthodoxe Misrachi zählte 40 Mandate, die freie zionistische , Gruppe 30, die Trictsch 20, die Bürgerlich-Radikalen Zione Zion 2« bis 30. Mann. Ihnen gegenüber stand'die marxistisch sozialistische Fraktion Hapoel Hazair mit allein 80 Mandaten, zu denen noch weitere 3.', der jungzionistischcn Gnlppe kamen, so daß auf dieser Seite allein 115 Vertreter tmren. Zwischen Hapoel Hazair und Jungzionisten einerseits und der Freien zionistischen Gruppe (F. Z. G.) und ihrem großen Anhang andererseits kam cs zum offenen Ctcgcusatz. Die Verlegcnheitsivahl des Präsidiums Klee- .Rajenblüth — den Jungzionisten gelang es nicht, Blumenfeld wurchzudrückcn — bciwift, daß keine Gleite für sich regierungsfähig imr. Tie F. Z. G. vertrat in starker Weise unter Führung von Dr. Weil und Prof. Karl Lewin die Notwendigkeit der Tiasporaarbcit und des Diasporastandpunktes. Immerhin war die Gegnerschaft gegen sic so stark, daß z. B. die brennendste Frage der dcutschjüdischen Gegenwart — die der Ostjuden — überhaupt nicht zur Verlnmdlung kommen konnte. Trotzdem iwir das Auftreten der Gruppe und ihres Anhangs, die man in dieser Stätke tveitaus lischt crU'arttt hatte, von historischer Bedeutung für den deutschen Zionismus. Daß sie gemeinsam mit Misrachi und der Trictschgruppe die Verengerung des weiten jüdischen Programms der Belegung zu einem reinen Palästinaivanderungs- und Jugendprogramm mit Energie ablehntc, be Nwist die entscheidende Wandlung im zionistischen Denken, die im letzten .Halbjahr eingetretcn ist und den umfassenden Volksgedanken gegenülvr dem Sektcngcdankcn der Jugend wieder zur vollen Geltung gebracht hat. Berlin. Der Weltschachmeister Dr. Emanuel Lasker hat an seinen Rivalen Capabl.anca die Weltmeisterschaft abgetreten. Österreich. Wien. Die Gemeindcwahlcn am 27. Juni etgaben für die liberale Liste 20, die zionistische 13, die orthodoxe (Aguda) 3 Vertreter. Wien. Bei dem Sportfest der' österreichisch-jüdischen Turnerschast, das einen Massenbesuch aufwics, kam es zu sportlichen Hochleistungen, in denen der Budapcster „Vivroes Athletikai Club" Sieger blieb. Wien. Die hiesige antisemitische Presse erklärt den über Ungarn verhängten Boykott für einen Racheakt des JudentmnS^INittftMalrat Forstner, der Führer der TranSportarbeiter, schreibt dagegen:" „Der Aufruf zum Boykott gegen Ungarn ist bekanntlich vom Internationalen Gewerkschaftsbureau in Amsterdam ausgegangen. Der Boykott soll «ine wirksame Demonstration der sozialdemokratischen Gelverkschaften gegen den weißen Terror und die Unterdrückung der Arbeiter in Ungarn sein. Die Boykottbewegung als eine Aktion auf Veranlassung der Juden zu bezeichnen, ist eine große Verleumdung, ebenso wie die Angaben der ungarischen Regierung über die Zahl der Hingerichteten und Eingekerkerten in Ungarn völlig unrichtig sind. Es sei ausdrücklich erklärt, daß im Internationalen Gewerkschaftsbureau, das den Boykott beschloß, kein einziger Jude sitzt. Tschecho-Slowakei. - —-— Brünn. Der Kongreß der vereinigten jüdischen Parteien (14. und 15. Juni) protestierte im Namen von 80 000 jüdischen Wählern gegen das die jüdische Minorität, der 4 Abgeordnete und 2 Senatoren gehört hätten,, ausschließende Wahlgesetz; das Gesetz möge dahin geändert werden, daß eine Partei, die im ganzen Lande mindestens 50 000 Stimnien aufbringt, zum zweiten Skrutinimn zugelassen wird. Schließlich verlangt, der Kongreß von der Regierusig die endliche Regelung der jüdischen Schulfrage im Sinne der baldigen Eröffnung besonderer Schulen für die jüdische Minorität. / ^Polen^ Warschau. Am 13. Juni wurde die Sonntagsruhe zum ersten Male Tatsache. Bereits Samstag abend war ein Sturm auf die jüdischen Lebensmittelgeschäfte, da das Publikum für den Sonntag cinkaufrn wollte. Di« Läden blieben jedoch in Rücksicht auf den Sabbat geschlossen. Sonntag früh erschienen in den jüdischen Vierteln starke Polizeiaufgebote, um über die strengste Durchführung der Sonntagsruhe zu wachen. Jeder silbisch aussehende Passant, der ein Päckchen trug, wurde angehalten. Warschau. Der hochangeschene Rabbiner Perlmutter ist vön dem radikalen Vorsteher Davidsohn bei den polnischen Behörden denunziert woxden, die ihm auf dessen Veranlassung die Amts- und Matrikelbücher abnahmen. In der Gemeinde herrscht große Erregung. Sowjet-Rußland. Paris. Im Komitee der jüdischen Dlegationen berichteten die Herren Schloßberg und Temkin über die Lage der Juden in Groß-Rußland und in der Ukraine, über politische Entrechtung hätten die Juden in Groß-Rußland z. Zt. nicht zu klagen, dagegen sei die wirtschaftliche Lage mehr wie trostlos, um so mehr als die Regierung eine jede speziell jüdische Organisation verfolgt und üiedexschlägt. Selbst die Gcmcindeorganisationen sind aufgelöst. Im Gegensätze hierzu hat in der Ukraine auch die politische Verfolgung keinen Augenblick aufgehört. Was die Armeen Denkins an Grausamkeit an den Juden verübt haben, ist unbeschreiblich. 'Wenn man von 50 000 Opfern spricht, so ist die Zahl sehr niedrig gegriffen und mindesten» 500 Millionen Dollar werden nötig sein, um wenigsten» den ersten Schaden gutzumachen. London. Der Bericht, der nach Polen entsandten Untersuchungskommission liegt nunmehr dem Unterhaus« vor. Nach anfänglichem Zweifel, ob ihre Veröffentlichung nicht den Beschlüssen des, Völkerbundes als des gesetzten Schützers der Minoritäten Vorbehalten bleiben möchte, hat man sich angesichts der Dringlichkeit zur sofortigen Veröffentlichung entschlossen, zumal der Völkerbund nicht vor Ende Juli sich mit der Sache befassen könnte. London. Im Oberhause erklärte auf Anftage Lord Syden Harns der-Staatssekretär de» AMvärttgett, Lör^ Curzon, daß die Regierung eine unkontrollierte " einwanderuna in