Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 55 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Einsetzung paritätischer Kommissionen, vor allem in den Fragen des Ritus, gesichert worden ist. Als besondere Sicherung dient di« Wahlliste, die unter 19 Kandidaten nur 6 Liberale enthält. Obgleich von den alten Repräsentanten bis 1922 noch 9 im Amte verbleiben, schmilzt auf diese Weise die liberale Mehrheit sckon jetzt fast völlig zusammen. Dazu kommt die „Jüdische Volkspartei", die mit ihrer eirergisch verfochtenen Volksgemeinde und dem aktiven und passiven FräuenwahKecht gewiß eine Anzahl Sitze erkämpfen wird> Möglicherweise wird so schon jetzt die Berliner Großgemeinde eine konservative Mehrheit zeigen. Berlin. Für die Repräsentantenwahl kandidiert diesmal auch der bekannte U. S. P.-Abgeordnete Oscar'Cohn, und zwar, als Listenführer der zionistisch-sozialistischen Partei Poale Zion- An der Spitze der Volksparteiliste stehen die Namen Tr.'Klee, Prof. Loewe, Dr. Witkowsky. Ehemnitz. ^Die Ortsgruppe der Deutschen Bolkspartei teilte einem Anfragenden mit, „daß infolge der augenblicklichen Überflutung Deutschlands mit osttüdischen und fremdstämmigen Elemeuteü und in Anbetracht der in dieser Beziewung ganz besonders gearteten örtlichen Verhältniste die Mehrzahl der Mitglieder sich zurzeit gegen eine Arefnahme von jüdischen Mitgliedern ausgesprochen hat". Berlin. Nach der letzten Volkszählung ist der Durchschnitt der Juden im Deutschen Reich 9,5 auf 1000. Jena. Von der hiesigen Klinikerschaft wurde folgender Antrag mit großer Stimmenmehrheit angenommen: „Die hiesige Klinikerschaft steht auf dem Standpunkt» daß Rastejuden nur prozentual zum ärztlichen Studium zugelasten werden sollen. Ein in diesem Sinne abgefaßtes Rundschreiben an sämtliche Klinikerschaften des Leipziger Verbandes soll zur Stellungnahme auffordern." JMtn. Warschau. Die internationale Sozialistenkommission zur Uirtolfuchung der Pogrome traf hier ein. Sie besteht aus Renaudel (Frankreich), Shaw (England) urtd Oscar Eohn (Deutschland). Die Presse empfing sie schlecht. Sogar die polnische sozialistische Partei stellte sich ihrer Mission entgegen und empfahl ihr, sich mit andern Problemenzu befasten, da es Pogrome in Polen nicht mehr gäbe. Erst nach langem Hin undi Her entschloß man sich zu einer formellen Begrüßung. Tie Delegation besichtigte die jüdischen Einrichtungen der Stadt und will von hier nach Wilna, Minsk und Pinsk weiter und tvomöglich auch noch in die Ukraine. * London. Jm^Daily Herald veröffentlicht Mr. Philips einen Bericht, in-dem er als die Hauptschwierigkeit gegen die Organisierung der arbeitenden Massen gegen die Diktatur von Pilsudski die Tatsache bezeichnet, daß Polen nicht mehr daS sei, was es war, sondern ein fast reines Agrarland geworden sei. Die Industrien standen still, und infolgedessen sei das Jndustrieproletariat auch nicht mehr in den Zentstm zu finden, sondern auf die Dörfer versprengt. Warschau. Die bekannte Stadt Verkitschest, deren Einwohnerschaft einst 90 Prozent Juden hatte, soll in Trümmem liegen. Alle Läden sind leer, hunderte von Häusern zerstört, auch viele Privathäuser verlassen, die Straßen öde. Krieg und Epidemien haben die Stadt in einen Friedhof verwandelt. Warschau. Der „Rozwoj", d. i. der „Verband zur wirtschaftlichen Entjudung Polens", der den Boykott der Juden rücksichtslos durchgeführt hat - und über Hunderttausende von Mitgliedern verfügt, hat jetzt sein Werk durch die Gründung einer Bank mit 50 Millionen Aktienkapital gekrönt. Direktor dieser „Bank für Industrie, Handel und Handwerk in Polen" ist der bekannte antisemitische Abgeordnete Dr. Dymowski.. Lettland. Riga. Hier fand «ine von über 10 000 Mann besuchte Mastenversammlung zur Feier der San Remo-Entscheidung statt. 'Der lettische Premierminister begrüßte die Veestanmlung und sagte, daß dalettische Volk die Bedeutung dieses Momentes zu würdigen weiß. Er drückte die Hofsteung aus. daß daS Zusammenarbeiten der Juden mit den Letten nun ein innigeres sein werde, nachdem di« Friedenskonserenz ihre nationalen Rechte anerkannt hat. Ungar«. Budapest. Das Blatt der ungarischen Flüchttinge in Wien teilt mit, daß am vorvergangenen Montagabend in Budapest mit Knüppeln,^Messern und Säbeln bewaffnet«, Offizierbanden die jüdischen Gäste eines Restaurants angriffen und neun von ihnen ermordeten. Am Mittwoch darauf erneuten sich die Ausschreitungen, wobei einige hundert Leute di« jüdischen Gäste im Hotel Hungaria nm Stockhieben traktierten. — —t bi^weiz. Zürich. Die Heilstätte für jüdische Lungenkranke in Davos, die bekanntlich im Dezember einem Lawinenuirglück zum Opfer fiel, ist dank der unermüdlich betriebenen Wiederherstellungsarbeiten nunmehr wieder eröffnet worden. Fraukreich^ Paris. Die „Alliance israelrte" hat 300 000 Francs nach der Ukraine gesandt, wo^sich ein großes Hilfskomitee gebildet hat. Suppenküchen, Waisenhäuser und Hospitäler wurden gegründet, Arzneien, Kleider, Stiefel werden frei verteilt. Das Elend aber ist unbeschreiblich. England. London. Am zweiten Tage der englischen Zionistenkonferenz befaßte man sich ausschließlich mit der Kultur- und Erziehungsfrage. Alle Verhandlungen wurden hebräisch geführt. Für den Aufbaufonds wurden 62 000 Pfd. gesammelt. Zum Präsidenten wurde Dr. Chaim Weizmann gewählt, zu Vizepräsidenten Goldmann, Daiches, Goodman und Joseph Cowen. Anwesend waren 215 Delegierte, die Stimmung war sehr gehoben. London. Auf der Konferenz der englischen-Zionisten erklärte Dr. Weizmann, daß die Einwanderung nach Palästtna am 1. Juli, dem Amtterungsbeginne der Zivilverwaltung, einsetzen lvird, und zwar ohne Rücsticht darauf, ob bis dghin die Türkei den Frieden unterzeichnet haben wird oder nicht. Amerika. Newyork. Der 2. Kongreß der amerikanischen Juden tagte in Philadelphia vom 30. Mai bis 1. Juni. Alle Parteien und Klassen waren vertreten, Richter Mack präsidierte. Louis Marshall und Richards gaben den Tätigkeitsbericht des Exekutivkomitees seit dem ersten Kongreß Juni 1919. Mit 180 gegen 78 Sttmmcn erklärte sich der Kongreß nach ausführlichen Referaten über die Lage in Palästina und Osteuropa in Permanenz. Nathän Sttauß wurde zum Präsidenten, Richards zum Generalsekretär gewählt. Der Kongreß beschloß eine Intervention beim britischen Gesandten für die Befreiung Jabottnskys. Die Minorität der 78 Stimmen schied aus. Palästina. Jerusalem. . Hier erschien die erste Nummer einer jüdisch-arabischen Zeitschrift. Sie wird in arabischer Sprache unter dein Namen „Brid Alium" herausargeben und bezweckt di« Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen Juden und Arabern. Jerusalem. Es wurde ein neuer Gemeinderat «tngesetzt. David Jellin wurde Vizebürgermeister. Jellin weilt z. Qt.'in London, um bei der englischen Regierung wegen der Exzesse won Jerusalem zu intervenieren. — Jabotinsky richtete aus dem Gefängnis ein Schreiben an die zionistische