Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 55 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER BOTE VOM RHEIN Erscheint |«kn Kreit,,. Stjat*. Pr ei» 76 Pf. 8* t»,irh«i d»rch P«ßt»trr «kn k«rch kn vrtnrrrl«, U Bni. Jüdisches Yolkflblatt >»zr1»ntzr«t»:1.— M-ftirkt« »let* ß»lp. fctilitUc. Di« h*#< E«it» rafattMO&tiM. P»ßschrckl»»1» 0m, Cila Nr 74747. ■ \ Lsrraurgrgrben von Rabbiner Dr. gtttif Kohn, Bonn. Schristleitung und Geschäftrstell«: Bonn, Brüdrrgaff« S2. zkamer 55 3&owt, 18. Juni 1020. — S Jarnrnus 8080 2. Ichtzr-«-. BWnflBBBIMBDQOOBBBBmangBnnBnOOBlBBBBng 1WOche»ahfch«itt n->p. | DDOOIiaDDODOODD(flnDDDDaDOnnODDBDDaDOBDDO Cddensdiaft und 6rSH«. Und cS empörten sich Norach . . . und Tathan und v‘ . Abiram; und standen auf wider Mose mit 250 Männern von den Kindern Israel, Fürsten der Gemeinde, Berufene, Männer von Namen. Und versammelten sich wider Mos« und Aron und sprachen: „Ihr maßt euch zuviel an, denn die ganze Gemeinde, — alle sind heilig, und Gott ist in ihrer Mitte. Warum erhebt . ihr euch über die Bersammlung GotteS?" Als Mose daS hörte, fiel er auf sein Angesicht. 1. Mose, 16.1-4. Er fiel! — Er warf, er schmiß sich der Länge nach auf die Erde. So war es und nicht anders. Als Bismarck in dev Mühle von Königgrätz dem alten Wilhelm in einem zähen einstündigen Kampfe den Entschluß abgerungen hatte, den Sieg nicht zu verfolgen, sondern jenen maßvollen Frieden zu schließen, der Preußen groß gemacht, — soll er heraustretend aus der Stube ein Kaffeeservice .«griffen und in maßlosem Ausbruch auf den Boden geschmettert hohen, daß die Scherben flogen. Man mag fragen, ob das eines großen Mannes würdig war, mag es ebenso von Mose fingen, als er sich damals — sicherlich brüllend — auf die Erde warf. Aber ob würdig oder nicht, lver es hört und liest, bebt im Innersten und fühlt sich unterworfen durch eine Gewalt, vor dev ihn schaudert, gegen die er aber nicht ankommen kann, weil sie wahrhaft groß ist. Man mag leichthin von dem Tapfern sprüchwörteln, der sich selbst bezwingt, und ganz richtig ist es, daß wahre Größe eine wahre Bändigung ist. Aber wenn wir das sagen, so haben wir damit auch gesagt, daß es ohne Leidenschaft, ohne Sinnlichkeit, keine wahre Größe gibt. Denn was' ist es, daß gebändigt werden soll, wenn nicht jenes Übermaß an sinnlicher Kraft, das gefährlich werden kann? Beherrschtheit ist mehr als Abgeklärtheit, die immer etwas Greisenhaftes an sich hat und als letztes Wort nur dem zugebilligt sei, desien Leben Sturm und Tosetr war. Die Nüchternheit kleiner Geister berufe sich nicht auf dieses Wort. An den Hängen des Vesuv »vächst der köstlichste Wein. .Über unterirdischem Donnern. Das ist das Bild wahrer Größe. Wer je mit großen Mäimem zusammen war, wird es bezeugen, daß dies unterirdische Rollen allein die Größe des Mannes beweist. Gleich ob beim Manne der Lat, gleich 'ob beim Manne des Worts: Der Ausbruch beweist die Größe. Der Ausbruch ist das Seltene, ist it nicht selten, so ist er Jähzorn, also erbärmliche Schwäche. Größe im Zustand der Ruhe ■ ist schlummernde Gewalt, ist eine unbegrenzte Möglichkeit, ist, ein Wetterleuchten am Horizont. Du liest eine Dichtung/ hörst einen Künstler am Klavier, siehst ein Bild auf. der Staffelei seines Schöpfers. Lausche den unterirdischen Tönen, den verborgenen,Stimmen. dem heimlichen Geistorweben, und du wirst wissen. ob was dran ist und was- Ohne Leidenschaft gibt eS keine Größe, spürbar durch ihre Bändigung übt sie ihre Macht durch die Unerhörtheit ihre- Ausbruchs, d. h. deS Augenblicks. der sie entfesieln darf. Rasend warf sich Mose auf die Erde, und war dieser Akt auch nicht dem Augenblick vergleichbar. da er in ungeheurer Sinnbildlichkeit die Tafeln zerschmetterte am Felsen, etwas dergleichen war cs doch. Der Erklärer Jbn Esra verspürte cs wohl, als er nach dem Warum fragend zwei Antworten gab, die beide stimmten: „Entweder, weil er cs wollte, oder nach Prophctenort!" Ja, es war eine göttliche Raserei, die ihn damals auf den Boden warf, und unterjochende Willensmacht war auch dabei. Und in den Kwtertiescn seiner unendlichen Seele rollte es nach. Gibt es noch Ausbrüche des Judentums? Seltsame Frage, und doch weniger seltsam als es scheint. Daß in den Tagen des alten Israel« in den Herzen der Propheten und Sänger diese göttliche Leidenschaft lebte und nach vesuvischen Ausbrüchen in feuriger Lavasprache über zuckende Lippen quoll, wissen wir. Daß in späten Zeiten strenger Gesetzlichkeit Erdstöße kanien, die Zeugnis von schlummernden Geivaltcn gaben, die unter uns noch lebten, ist uns auch bekannt.^ Weh, uns, tvenn wir uns sagen müßten, daß heute nach hundert. Jahren der Gleichnwcherei unsere Vulkane ausgebrannt sind! Gott sei Dank, so weit ist eS noch nicht. Solange eine jüdische Jugend lebt, die heiß und ■ dröhnend ihre Forderungen stellt, lebt die Größe Israels. Und stellt die Jugend ihre letzten Forderungen manchem allzu beiß und allzu dröhnend, was wiegt das neben dem beglückenden Bewußtsein, daß Leidenschaft da ist, und mit, durch und in der Leidenschaft die Fülle der Möglichkeiten? Tenn diese Fülle, diese Potenz allein gibt das, waS wir Schöpfung, was wir Größe nennen! E m i l C o h n. Mocbenfcbau. T«ts«chen und fqptofle. Deutschland. Berlin. Alles steht hier im Zeichen der Repräscntantenwahlen. Liberale und Gcmeindeorthodoxie haben sich zu einer gemeinsamen Liste zusammengefunden, die den Konsorvätiven ein Drittel der Sitze, darunter die an ziveiter und dritter Stelle unter Führungvon Moritz A. Loeb zutveist. Dieser Liste gegenüber steht die „Jüdische Volks- Partei", die alle nationalen Gruppen einschließlich des orthodoxen „Misrachi", des „Neuen jüdischen Gemeindevereins", des „Vereins der Ostjuden" umfaßt. Das plötzliche Zusainmengehen der Gemeindeorthodoxie mit den Liberalen wird von der „Jüdischen Volkspartei" als Verrat aufgesaßt, da man sich bereits in der Forderung autonomer Synagogengemeinden innerhalb der von der Volks- Partei geforderten „Volksgemcinde^' gesunden hatte. Der ~ liberal-orthodoxe Kompromiß wurde auch nur inöglich durch äußerste Zugeständnisie an die Orthodoxen, denen seit Jahrzehnien zum ersten Male die volle Gleichberechtigung durch