Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 51 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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MM IW'WP >HU WIWWWNSW?•««. Am 12. Mat hielt der Jüdische Frauenverein seine Hauptversammlung ab Nachdem die Vorsitzende Frau Ttern die Anwesenden begrüßt und ihrer Befriedigung Ausdruck gegeben hatte, daß soviel neue Mitglieder gewonnen worden, dab die Schriftführerin. Frau Edelstein, den Jahresbericht. Sie hob hervor, daß die Haupttätigkeit des Vereins wie immer in der Pflege der Wohltätigkeit, der Versorgung der Armen und Kranken bestanden habe. Weiterhin wurde aus deni Vorstand eine Kranken- und Sterbelvmmission geumhlt. Hierzu gab später Frau Willstädt einen Bericht, der den erfreulichen Erfolg hatte, daß sich eine große Anzahl Mitglieder des Vereins zur Mitarbeit in der Kommission bereit erklärten. Zwei Dainen des Vorstandes wurden zu Delegierten in den Stadtverband Bonner Frauenvereine ernannt. An den Gemeindevorstand wurde der Antrag gestellt, Frauen in die (Gemeindevertretung zuzulasien. In Anerkennung ihrer Verdienste ernannte man Frau Paradies und Frau Oberländer zur Ehrenvorsitzenden vesp. Ehrenmitglied und es wurde ihnen ein Diplom überreicht. Zu Ehanuka «»eranstaltete der Verein in Verbindung init dem früher«^ Ehanuka-Äomitec ein wohlgelungenes Kinderfest. ‘ An Vorträgen konnte der Verein entgegen seiner Absicht nur zn»ei von einheimischen Rednern halten lasien. iveil die auswärtigen immer wieder durch Reiseschwierigkeitcn am Kommen «»erhindert ivorden waren. Im Verfolg der Tagesordnung verlas hierauf Fmu Lion den Kasienbencht mit dem Ergebnis, daß einer Einnahmr von 000«; M. eine- Ausgabe von 2540 M. gcgennberstand. sodaß der Verein über ein Vermögen von :i76G Maik verfügt. De» gütigen Spendern, die den Verein in jo ivohlwollender Weise unterstützt haben, sei an dieser Stelle im Namen der Annen herzlick>er Dank gesagt. Über die Thealcrfrage berichtete Frau Herrmanns, daß die (Gesellschaft für Volksbildung, der der Verein angeschlofscn ist. den Mitgliedern Abonnements zu billigen Preisen zur Verfügung stellt. Frau Herrmanns ist gern l>ereit. nähere Auskunft zu get>en. Zum Schlüsse wurde lebhaft ül»er die Frage debattiert, ob es nolivendig und lvünschcns>«»ert sei. in Bonn eine Gemcindckrankenschwester anzustellen. Der Vorstand wurde ermächtigt, die »öligen Schlitte dafür zu tun. Der Vortrag von Hern« Rechtsanwalt Meher über die ..Reichstagswahlen und Frauenwahlrecht" wird auf allgemeinen Wunsch nicht nachmittags, sondern abends 8 Uhr am Samstag den 20. Mai im Eiemeindehaus stattfinden. Saarbrücken. Am 7. April sprach in der ZionistisckM Gruppe für das Saarland Herr Siegfried Levinson über das Tbema „Die Parteien im deutschen Judentum". Den .vorzügliche» Ausführungen des Redners folgte eine lebhafte Diskussion. — Am 10. April hielt Herr Davis Trietsch einen Lickubildervortrag über die jüdiscl-e Siedlung in Palästina. — D«s Ergebnis der hiesigen Palästinaaufbauwochc übersteigt die Summe von >2 000 M. kthwi ihm Die Kolenlasche. Alle unsere Leser und Freunde werden hiermit sreundlichst eingeladen, an der lebendigen Ausgestaltung unserer Botentasche niitzuwirken. Der Einsender des besten Sprichworts, einer Anekdote oder eines Rätsels erhält einen Preis. Dehmel und der jüdische Schalet ** Samum Gronemann erzählt in der letzten Nummer der „Netwn Jüdisck-cn Monatshefte" von seinen Erlebnissen in Obost und seiner« Zusammenkünften mit Dehmel. Wie der Dichter speziell über die-jüdische Kückw dachte,'erhellt aus folgender Schilderung: Dehmel fuhr auf einige Tage nach Wilna, um diese. Stadt kenne», zu lernen und speziell auch das jüdische Leben dort. Ich riet ihm, es so «inzurichten, daß er am Versöhnungstag dort den Gottesdienst in der alten Synagoge besuchen - könne. Er kam im höchsten Maße angeregt und interessiert zurück. Über den Eindruck, den Wilna auf ihn gemacht hatte, sprach er geradezu überschwänglich. Er erklärte. daß Wilna auf ihn einen größeren Eindruck gemalt habe, als selbst Rom. Vor allem hatte'ihn das Treiben in den engen Gäßchen um die Deutsche Snuße herum, das eigentliche Judenviertel, gefesselt. Der Höhepunkt aber war, wie ich es nicht anders erwartet halte, der Gottesdienst in der alten Synagoge. Er hatte den wundervollen Herschmann vorbeten gehört und behauptete, das sei mit der höchste künstlerische Eindruck seines Lebens gewesen. Vor allem aber sagte er, es sei ihm im Tempel zu Wilna' zum erstenmal der Begriff der „betenden Gemeinde" aufgegangen, .jetzt erst glaube er auch das Volk der Psalmen zu verstehen, jetzt wisie er, was es heiße, ivenn der Ruf einer Menge zum Himmel emporsteigt. An einem Sabbatmittag geleiteten Hermann Struck und ich den Dichter zu dem primitiven, aber vorzüglichen jüdischen Restaurant von Michelsohn. in dem wir ständig aßen, uin ihn mit den traditionellen Sabbatgerichten bekannt zu machen. Dehmel war an jenem Tage in großer Erregung. Er hatte an diesem Sabbat vormittag einen besonders heftigen Zusammenstoß mi^ der Bürokratie gehabt und zog unterwegs gewaltig über die Machthaber her. «velche dort durch schematische Verordnungen und in bornierter Überheblichkeit allerhand Unheil stifteten. Was er da auszusetzen hatte, kann in seinem Buch nachgelcsen werden. Aber dainals ließ er sich mit einer Urwüchsigkeit und und Offenheit, die kaun« zu überbieten »var, über diese Dinge aus und speziell auch,über das Unverständnis, mit dem den jüdischen Wünschen 'und Eigenheiten gegenüber getreten wurde. Er erklärte schon damals, zornig den Stock aufs Pflaster stoßend, daß seines Bleibens dort nicht lange sein und daß er vermutlich Mit einem großen Krach verschwinden würde. Bei Tisch kam etwas von dem Geist des Sabbatfriedens auch über ihn und beim Genuß des Schalet, des gefüllten Hälschens, der Kuggel, glätteten sich allgemach seine Zornesfaltcn und die beängstigende Röte seines Gesichts schwand. Er saß zwischen ünserm Feldrabbiner Dr. Rosenack und Struck. Ter Rabbiner gab allerhand hübsche Geschichten aus dem Midrasch zum besten. Ich machte gewissenhaft darauf aufmerksam, daß eS nicht ganz sicher sei. ob der dort zulande übliche Schalet ganz identisch mit dem von Heinrich Heine besungenen Natiai«algcricht sei, da am Rlzein sich eiire besondere Tradition in der Schaletberertung entwickelt habe, während Struck, der sich ganz als Impresario der jüdischen Küche fühlte'/ init ängstlichen Haus- -frauenblicken darüber ««»achte, daß seine bis ins kleinste am Tage vorher gegebenen Anordnungen befolgt würden — hatte er doch sogar eine tvciße Schürze für Frau Michclsohn und ein frisch geputztes Besteck durchgeseht. Dehmel ließ sich trotz meiner küchcnphilologischen Bemerkungen den Sämlet gut schmecken, den er offenbar ebenso zu würdigen «»erstand, irie es einige Zeit vorher Herbert Eulenbcrg getan batte, und hörte still und warm interessiert die Sabbatgesänge und das Tischgebet an. O Jüdische Namen. 1. Morgenrots Der Vorstand des Münchener Lebensmittelaintes heißt Morgenrot. Er kann es nicht leugnen. Zn»ar ben»eist er, soweit das überhaupt möglich ist, die Judenreinheit seiner Abstammung. Allein umsonst! Es gibt in München eine zu große Anzahl von Leuten, welche viel zu spät aufgestanden sind, als daß sie der Begriff „Morgenrot" anders denn fremd anmuten könnte, und »velche die Weißwurst viel zu heiß geliebt hal»en. als daß sie das städtische Lebensmittelnmt nicht von Grund ihrer Seele aus hassen müßten. „Zerreißt ihn! Sein Raine ist Cinna!" brüllt in Shakespeares „Julius Eäsar" der römische Mob einen harmlosen Spaziergänger an. der vergebens immer wieder beteuert: