Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 51 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437109--0630-3948193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
»In Erwägung, dgß 1. die Schaffung einer Gesamt-,- organijation der deutschen Juden als dringende Notwendigkeit allgemein anerkannt ist; 2. der seit 1669 bestehende und un Sinne einer solchen Organifatiqn wirkende Deutsch- Jjraclitiicke OKmeindebund als gegebene Grundlage hierfür erscl>einl: i. gegen den vom D. I. G. B. ausgearbeiteten und den ttzemeindcn lekanntgegebenen Verfasiungsentwurf von keiner (Gemeinde ein prinzipieller Einspruch erhoben ivorden ist. vielmehr etwa 42ö Gemeinden bereits ihre grundsätzliche Zustimmung zu dem Verfasiungsentwurf erklärt haben; 4. die Verivirklichung der Gesamtorganisation demnach in nächste Nähe gerückt ist, sobald die Großgemeinden, insbesondere die Berliner Gemeinde, ihre ZustintmMg erNän haben; beschließt die Repräsentantenversammlung. den Vorstand zu bitten, sich mit dem T. I. G. B. behufs Schaffung einer Gejamtorganisation baldigst ins Einvernehmen zu setzen." Alsdann wurde die Einsetzung einer gemischten Tepm tation zur Beratung der Angelegenheit beschlossen. Eassel. Eine hier stattgehabte Konferenz der Direktoren der fünf jüdischen Seminare Preußens (Hannover, Cassel, Münster. Berlin und Möln) stellten folgende Forderungen: ' 1. Zusammenlegung der Seminare Hannover. Casiel und Münster. 2. Millionen dev jüdijck-en Verbände, durch Zusamniensasiung aller Mräfte und Inanspruchnahme aller dazu berufenen Organe namentlich den kleinen Gemeinden die Anstellung eines der Würde seines Berufes und den Verhältnissen der Gegenwart entsprechend besoldeten Lehrers und Kultusbeamten zu ermöglichen. Die jüdiscl-en Gemeinden sollen jüdisck)« Bekenntnisschulen errichte», denn nur diese können tvahrhaft jüdische Erziehung und Schutz gegen konfessionelle Verhetzung gewährleiste». 4. Gleich den.anderen Seminaren sind auch die jüdi-' scheu in deutsche Oberschulen zu vertvandeln. Wenn der konfessionelle Charakter der Seminare gewahrt bleibt, dann ist die llmivandlung von 2—:! jüdischen Seminaren in staatliche zu fordern. Berlin. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde Ixme sich beschtverdeführend an das Provinzialjchulkollegium gewandt, daß jüdische Schüler, ohne durch ihre sittliche Führung, durch Mangel an Fleiß und Leistungen Anstoß erregt zu haben, von andersgläubigen Mitschülern geinicdcn lviirden. An -Stelle kamcrudschajtlichen Verhältnisies sei eine kränkende Absonderung getreten. Tie Schulbehörde möge Schrine gegen diesen Ilcbelstand tun. Tas Provin- .zialschulkollegiuni hat daraufhin sämtlichen Leitern der höheren Schulen ausgegeben, innerhalb vier Wochen einen Bericht einzureichcn, zunächst ob und inwieweit sich die oben geschilderten Mißstände an ihrer Anstalt geltend gemacht hal>en. sodann ivas gegebenenfalls in der Sache leranlafet ivorden ist bzw. zu veranlassen sein wird. Berlin. Am 6? Mai l!>20 fand in den Musiksälcn Kaijer-Wilhclnistr.cine öffentliche Versammlung des Verbandes der Lstjuden in Deutschland statt, in der Professor l)r. Heinrich Loelve über das Thema „Ter Verband der , Lstjuden und die Ostjudennot" sprach. Ter Redner beleuchtete das Verhältnis zwisckien Ost- und West-Judentum, wies auf die besondere Bedeutung der ostjüdischen Kultur für die Erhaltung und Stärkung des gesamten Judentums hin und schilderte siodann die erschütternde Notlage der ostjüdischen Flüchtlinge in Deutschland und die segensreiche uucrmndlickie Tätigkeit des Verbundes der Ostjudcn bei der Durchführung seines sozialen Hilssiverks für die heimlosen Brüder. Zum Schluß betonte Prof. Loeive die enischeidungs- 'volle Bedeutung des gegenwärtigen historischen Moments für das Schicksal des jüdischen Volkes. — Die nach Tausenden zählende Versammlung, die von Herrn Mar Lewot geleitet wurde, begleitete die Ausführungen des Redners mit stürmischen, begeisterten Beistillskimdgebungen. * Berlin. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Ju- ' deniums, dir jetzt mit Erlaubnis der Regierung wieder den Namen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums angenommen hat, schloß das vergangene Jahr mit einem Fehlbetrag von 27 700 M. ab. München. Das antisemitische Hetzblatt „Ter Völkische Beobachter" würde wegen des Artikels „Zum Gedächtnis der am 30. April 1919 ermordeten Geiseln" vorerst verboten. In der Begründung des Verbots heißt es, der Artikel überschreite bei iveitem das Maß der vom „Völkischen Beobachter" bereits seit Monaten betriebenen, die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdenden Judenhetzc. Er enthalte unverkennbar die Aufforderung zu einem Judenpogrom. Berlin. Ter Verband der Ostjuden in Berlin Nr. 24, Auguststr. Skr. 17, versendet einen Aufruf, in dem er für die ostjüdischen Patieüten, die sich in den hiesigen Krankenhäusern befinden, um die Zusendung von Büchern und Zeitungen in jüdischer oder hebräischer Sprache bittet. jCJfittUJ. Wien. Ter Vorstand der Wiener Kultusgemcinde hat in seiner Plenarsitzung vom 29. April die folgende Entschließung gefaßt: „Der Vorstand der Wiener israelitischen - Kultusgemeinde lenkt die Slufmerksamkeit der gesamten Kulturtvelt auf die gegen die Juden Ungarns unter Duldung der Behörden, hauptsächlich von im Dienste des Staates stehenden Offiziersdetachements und Brachialformationen, verübten Greuel, sowie auf die Verfolgungen, denen die jüdische Hochschuljugend ausgesetzt ist. welche es ihnen unmöglich machen, ihre Studien in ihrer Heimat zu obliegen, und sie zwingt, ins Ausland auszuwandern. Diese Äulturschande kann unmöglich die Billigung der zivisienen Welt finden. Das stillschweigende Gewährenlasien der kulturwidrigen Vorgänge in Ungarn bildet eine eminente Gefahr für den Frieden der ganzen Welt und wirkt — wie die jüngstest Borggpgc an der Wiener Universität beweisen — anspornend auf alle Feinde einer friedlichen ' Entwicklung, ungestraft das gleiche zu tun wie in Ungarn. Ter- Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeindc protestiert mit aller Entschiedenheit gegen den Versuch, die jüdischen Hörer von der Wiener Universität auszuschließen und appelliert an die österreichische Regierung, dem Übergreifen des Budapester Kurses nach Östeireich unverzüglich Einhalt zu gebieten, ruft aber auch das Gewisien der Mächte an, den den Friedensbestrebungen der ganzen Welt hohnsprechenden, kulturwidrigen Vorgängen in Ungam ein Ende^zu bereiten." Wien. In der Nationalversammlung gelangten bei der Verhandlung über das Kapitel Unterricht die jüngsten Wiener Studentenunruhen zur Sprache. Der jüdische Nationale Stricker protestierte gegen das Verhalten des Rek-. tors und der Profesioren, welche nicht unternommen hätten, um die Jugend zur Ordnung zu mahnen. Der Großdeutsche Urfin erklärte, die Kundgebung der beutscharischen Studentenschaft sei keine Demonstration genesen, sondeni eine Auflehnung gegen die Judenherrschaft in Österreich. Redner verlangte in einer Resolution die Fernhaltung der Ostjuden von den österreichischen Hochschulen und die Beschränkung der. Zulasiung anderer Juden zu dem Hochschulstudium. v Wien. Im Gemeinderat brachte Dr. Plaschkes die antisemitischen Studentenausschreitungen zur , Sprache, durch die die jüdische Mensa acahemica. eine Speiseanstalt. in der nicht nur jüdische, sondern auch nichtjüdische Studenten ihren Hunger stillten, vollständig zerstört und ein Schaden von 100 000 Kr. angerichtet wurde. Etwa 60 -'Studenten waren in da» gerade leere Lokal eingcdrungen. hatten alles, was nicht niet- und nagelfest war, zertrümmert, ein, Serviermädchen zu Boden geschlagen und wvren dann qüt dem Gesang der „Wacht am Rhein" abgezogen. Wien. Die amerikanische Mission intervenierte bei der österreichischen Regierung wegen dev Beschädigungen der jüdischen mensa arademira, die vom amerikanischen Komitee errichtet worden war, und verlangte IW 000 Kr. Schadenersatz. v