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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-05-14 · 50 (14.5.1920) · p. Seite 219

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
50 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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^jnfotjj« dessen wachsen an dies Biertel der Judych» ohne jede jüdische Unterweisung auf. Man will jetzt in Chicago daran gehen, all die Synagogenvereine zu einer einheitlichen Gemeinde zusammenzuschließen und hofft, dadmch eine Stärkung des Judentums zu erreichen. England. London. Die Jahreskonferenz des MiSracht der Vereinigten Königreiche tagte in Liverpool. — Dr. Schoenfeld präsidierte: bedeutende Rabbiner von sämtlichen jüdischen Gemeinden und siebzig Abgesandte waren anwesend. Man beschloß, einen Waad Hachinuch zu bilden, der die hebräische Erziehung im Reich beaufsichtigen sowie hebräische Kindergärten, Tagesschulen und Lehrerseminare einrichten soll. Der Hauptsitz des Waad wird in London sein. Einem Komitee aus,10 Mitgliedern wurde die Durchsetzung der Sabbatruhe - aufgetragen. London. Die zionistische Exekutive hat die Jahreskonferenz für den 4. Juli nach Karlsbad einberufen. London. David Arilin, Rabbiner Jacob Meir und Reubeni sind in London angekommen, um als Abgesandte des Jerusalemer Jüdischen Gemcinderatcs der Zionistischen Organisation den wahren Sackverhalt der Unruhen vorzulegen. London. Die gesamte englische Prelle attakiert in schärfster Weise die britischen Behörden in Palästina, die eS gewagt.haben, einen Mann von der Bedeutung Wladimir Jabotinskis zu 15 Jahren Zwangsarbeit zu verurteilen. Die Blätter erinnern daran, daß Jabotinski der Initiator des britisch-jüdischen Bündnilles war und der Schöpfer derfür die Interessen Großbvitanniens kämpfenden jüdischen Legionen. Jabotinski sei nicht allein bedeutender Schriftsteller. und gefeierter Redner, er jei vielmehr das für die Juden, was Garibaldi seinerzeit für die Italiener gewesen ist. Palästina. Kairo. Nach einer Reutermeldung aus Kairo fanden in Palästina heftige Kämpfe zwischen arabischen Aufständischen und englischen Truppen statt. Bei Semskhi wurde die englische Besatzung von mehr als 2000 Arabern angegriffen und vollkommen aufgerieben. Die Besatzungen der benachbarten Ortschaften waren gezwungen, sich in Richtung auf Jerusalem zurückzuziehcn. Das Kommando der englischen Besatzungsarmee betrachtet, wie Reuter erklärt, die Vorgänge in Palästina mit wachsender Sorge. Zürich. Wie die Neue Züricher Zeitung aus Jaffa meldet, ist die Ruhe jetzt in ganz Palästina wieder hergestellt. Die Behörden haben umfassende Sicherungsmaßnahmen ergriffen. In allen Städten patrouillieren bewaffnet«'Gendarmen sowie britische und indische Reiterei. Die Militärgouverneure haben sich überall verpflichten müssen, für die Sicherheit der Einwohner einzustehen. Der kommandierende General der britischen Ehrentruppen in Palästina, General Bols, berief alle jüdischen und arabischen Notabeln Jerusalems zu sich und versichert« ihnen, daß er von nun an von der ihm erteilten obersten Gewalt Gebrauch machen werde, wenn irgend ein Versuch zu Ruhestörungen Vorkommen sollte. Seine Erklärung beruhigte die Gemüter insofern nur zum Teil, als die britischen Behörden die jüdischen SelbstU'ehrleute noch immer verhaftet halten, während die Anstifter der Pogrome auf freien Fuß gesetzt worden find. , Jerusalem. Nach der Verhaftung von Jabotinsky begann man Unterschriften und Solidaritätserklärungen zu sammeln und Tausende von Unterschriften aus den .Kreisen des alten Jischuw liefen ein. nachdem Oberrabbiner Kuk das Schreiben am Sabbat erlaubt hatte. Die jüdische Denkschrift an die britische Verwaltung, die Tausende von Unter, schristen trägt, erkläre, die Unterzeichneten forderten die gleich« Behandlung wie Jabotinsky, da sie nur aus Mangel an. Waffe» nicht gleich ihm an der kelbstwehr trilgenommen hätten. Jenffalem. Die Telegraphen, und Telephon-Verwaltung in Palästina hat 45 entlassene amerikanische jüdische Legionäre zur Ausbildung angenommen. Der Direktor versprach Einführung der Sabbat-Ruhe, wie sie bereitbei der Postverwaltung eingeführt ist. falls die Zahl der jüdischen Beamten im Telegraphen- und Telephondienst sich vergrößert. Auflösungsprozeß der deutschen Juden. Unter diesem Titel, bringt die Frankfurter Zeitung vom 24. April folgende Ausführungen: Die Judenfrage spielt augenblicklich, namentlich im Zusammenhang mit dem Ostjudenproblem, in Deutschland eine große Rolle. Man spricht viel von einer angeblichen Überschwemmung mit unwillkommenen Einwanderern aus Galizien usw. Dieses schwierige politische Problem soll, hier nicht behandelt werden. Wohl aber dürfte eS für manchen von Wert sein, zu erfahren, daß sich die alteingesessenen deutschen Juden in einem ganz außerordentlich schnellen Auflösungsprozeß befinden. Ob man diese Tatsache bedauert oder begrüßt! — tvegleugnen läßt sie sich nicht. Drei Kräfte wirken in dieser Richtung: die Taufe, der Malthusianismus und die Mischehe. Von diesen fällt die Taufe am wenigsten ins Gewicht, besonders wenn man die Merkmale für den Juden nicht nur in dem Religionsbekenntnis sieht. Erheblich bedeutsamer ist es, daß in wenigen Jahrzehnten der sprichwörtliche Kinderreichtum ins Gegenteil umgeschlagen ist. Schon vor dem Kriege errreichte infolgedessen bei den dcut- . schen Juden die Zahl der Geburten nicht mehr die der Sterbefälle. Seit 1914 aber ist fraglos Jahr für Jahr ein ganz außerordentlicher Fehlbetrag in der Bevölkerungsbilanz eingetretrn. lind nun zum dritten, den Mischehen. Früher, bei der großen Abgeschlossenheit der Juden, als sie noch zum großen Teil im Ghetto oder auf kleinen Plätzen wohnten, zählte eine Eheschließung zwischen Christen und Juden zu den Seltenheiten. Das ist in den letzten Jahrzehntenund Jahren mit einer geradezu verblüffenden Schnelligkeit anders geworden. Amtliches Ziffernmaterial hierüber wmde zuerst für das Jahr 1901 zusammengestellt, und diese Reichsstatistik reicht bis in das Jahr 1916. Auf 100 reinjüdische Ehen entfielen: 1901 bis 1903 1907 1914 1915 1916 17 23 50 104 75 Mischehen Es werden somit in den letzten Jahren schon annähernd so viel Mischehen zwischen Juden und Christen wie reinlüdische Ehen geschloren. Wer die Verhältnisse näher kennt, wird sich über diese Dinge nicht weiter wundern. Das Einströmen der Juden vom platten Land und aus dem Ghetto in die modernen Großstädte brachte ein Nachlassen der religiösen Observanz und eine gesellschaftliche wie geschäftliche Annäherung an die Nachbarn. Es ist kein Zufall, daß gerade die durch Reichtum und bürgerliche Stellung über den Durchschnitt ihrer Glaubensgenossen herausgewachsenen Juden den weitaus größten Anteil zu den Mischehen stellen, und daß bei den jüdischen Angehörigen der freien Berufe, also Personen, die weniger^als andere an eine gewisse Kaste gebunden sind, nachgerade die Mischehe fast zur Regel, die reinjüdische Ehe fast zur Ausnahme zu werden beginnt. Umgekehrt ist es recht amüsant, daß mit der fortschreitenden Mischung die Zahl der rassenantisemitischen Führer mit jüdischen Verwandten oder gar jüdischen Frauen immer größer wird. So viel wird heute der objektive Statistiker feststellen müssen: geht die Entwicklung so weiter und kommt keine Massenwanderung aus dem Osten, so wird in weniger denn hundert Jahren in Deutschland von einem Judenproblem nicht mehr viel zu sehen sein.

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