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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-05-07 · 49 (7.5.1920) · p. Seite 210

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
49 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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„Wohlan, warte; vielleicht findet sich auch dazu später Gelegenheit, und ich werde pich beim Wort nehmen. EinstireileN vergiß e» nicht, um was ich dich für morgen gelten." Salka konnte lange keinen Schlaf finden. Mit iveitgeöffneten Augen starrte sie in die Finsternis. Wie. auf Leinwand gemalt, stand Arons Bild deutlich vor ihr. mit feinem blasse» Gesicht, mit seinen glänzenden Augen. Warum quälte sie und verfolgte sie diese Erscheinung bis in die Dunkelheit? Es war eine Strafe, die sie sich selbst auferlegi; sie hätte nicht sollen während des Tageslichtes so oft nach ihm Hinschauen, dann würde sein Bild sie jetzt nicht beunruhigt und ihren Augen den Schlaf geraubt haben. Und das war er nicht allein. Wie der Refrain ihres eigenen Liedes klangen ihr Willahs Worte in den Ohren: „Versuche alles und jede», daß er dich lieben soll!" Mit der Zunge hat sie freilich diesen Vorschlag twrspottet und von sich gewiesen — doch in ihrem Herzen —? Ja. es war ein Kinderspiel, diese ablehnenden Worte mit den Lippen zu formen; doch das Herz konnte nicht gepeinigt werden, um sich daniit zufrieden zu geben. Und nun zwang cs sogar die Sprache, sich ihm zu fügen, und jetzt, in der stillen einsamen Rächt anders, ganz anders zu reden, als vorhin: sie zu iiberrcden.v daß die Ausgabe, die die Schwester ihr gestellt, und die sie selbst als unmöglich bezeichnet. doch nicht für ganz so aussichtslos von sich zu lveisen. Rein, es war ivirkliä, nicht so ganz unmöglich — es schien ihr so. iveil sie es — wünschte. Und dann dachte sie auch an Zillahs zweite Bitte, und was das für sie selbst bedeutet: eine ganze Stunde ungestörter Unterhaltung mit Aron — — und nicht durch eine Vision wie jetzt, sondern iiwlebendiger Wirklichkeit. wo sie durch Blick und Laut sich überzeugen konnte, daß es keine leere Phantasie sei. Und dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los; sie versuchte zivar, ihn zu verscheuchen — aber es gelang ihr nicht, und — sie war nicht traurig darüber, dann aber griff sie danach mit fester Hand und drückte es an ihr Herz, an ihre Seele, und hielt es stark umschlungen. bis sie es fühlte, daß der tote Gedanke zu frischem Leben erwacht lvar, das jetzt auch in ihr'pulsierte und pochte mit verschiedene» Schlägen, bald schwach und zaghaft in Furcht, bald wieder kraftvoll und jauchzend in glückseliger Freude. „Sic sind pünktlich", begrüßte der Kommissar am nächste» Tage Zillah, auf seine Uhr blickend: „Tie hatten meinem Burschen drei Uhr bestimmt, und cs ist zur Minute." „Mich verlangte es. Ihnen für die Freundlichkeit zu danken, die Sie meinem Pater erwiesen*, sprach Zillah, die ihre Atemlosigkeit durch da» setmelle Gehen gar nicht zu verbergen suchte. J „Warum betrachten Sie dieses nicht als ganz selbstverständlich?" fragte er ein wenig enttäuscht: „ich hätte cs vvrgezogen, wenn Sie aus — aus — einer weniger ausgesprochenen Ursacbe gekpnimen ivären." „Wissen Sie den», daß ich ohne eine solche überhaupt gekommen wäre?" „Eine Bürgschaft. Hane ich allerdings nicht dafür", gab er ohne Weiteres zu. Was lag auch dyran, paß sie sich jetzt auch noch zu verstellen suchte, so lange sie nur gekommen ivar! ' v ’ „Al'er es war in jedem Falle sehr freundlich von Ihnen", bcharrtc sie. ,^ie ersparten meinem Pater große Sorgen und Unannehmlichkeiten, denen er ausgesetzt gewesen iväre, aus dem einzigen Grunde, weil . . ." „Weil„ .?" , „Weil Sie zu edeldenkend sind, in jedem Menschen einen Verbrecher zu sehen, der sich nicht stets den quäleriichen Gesetzen einer lvrannischen Regierung anzupasien vermag." „Das ist Hochverrat — schwärzester Hochverrat!" rief er mit verstellter Entrüstung: „spricht man jo von de» Anordnungen einer howweijen Regierung?" „Dann sind Sie also nicht edeldenkend?" .1 „Mir ist ein Amt anvertraut, das ich, ohne hachzugrübeln. nach Pflicht uab Gewissen auSzuüben hgbe". sagte er mit Ernst. „Warum haben Sie also Ihre Pflicht Meinem Vater gegenüber vernachlässigt?" Er sah ihr voll ins Gesicht und sprach läckwlnd: ..Weil er zufällig der Vater seiner Tochter ist." „Warum lehnen Sie also in diesem Falls den Tank der Tochter ab?" „Ich will ihn anpehinen. trenn Sic ihn nicht als Hauptgrund Ihres Herkommens angeben, sondern als rein nebensächlich betrachten." v „Ich, meinerseits biete Ihnen denselben an: Ihnen al>er steht es zu, aus demselben zu machen, was Ihnen beliebt." „Tas ist schon ettvas bester", rief er befriedigt. „Bevor wir aber diesen Gegenstand verlosten, tver ivar denn der Reisebegleiter Ihres BaterS? Sicherlich nicht Ihr Bruder — ich bemerkte tvenigstens nicht die geringste Ähnlichkeit. Schade, daß sein Paß in vollkommenster Ordnung war, denn dieses beraubte mich der Gelegenheit, mir noch weiteren D^ank als edler Menschenfreund zu verdienen." Zillah biß die Lippen zusammen. Sie fürchtete sich zu sprechen. Gedankenlos brach sie einen Ztvsig von der nächsten Kiefer und begann die Nadeln abzustreife». „Ich habe keine Brüder", mußte sie sich endlich entschließen zu sprechen: „ich glaubte, daß Sie es. bereits wußteil. Er war ein Freund meines Vaters." „Er kommt aus Wilna".- führ er fort, trotz ihrer bestimmten Antwort in einem ziveiselnden Ton; „lvas macht er hier — geschäftlich?" „Ja — ja — geschäftlich", wiederholte sie mechanisch, ivährend ihre bleickxm Lippen zu einem mißglückten Lächeln sich verzogen. Er bemerkte es sofort. 'sForlschiing folgt.) Uoa Kerg und Tal. Aachen. Herrn Kaufmann Siegfried Sternbcrg ist unterm 2l>. April das Vcrdienstkrcuz für Kriegshilfe verliehen worden. Aachen. Herr Kaufmann Michael Geisel ist mittels Erlastes des Justizministers vom t!>. April ds. Js. zu>n stellvertretenden Handelsrichter l>ciin hiesigen Landgericht ernannt worden. Diese Ernennung verdient umsomehr vermerkt zu werden, als Herr Geisel dererstc Detaillist und zugleich auch dc,r erste Jude unserer Stadt ist, der die Würde eines Handelsrichters bekleidet. Bingen a. Rh. Am 20. April sprach Herr Georg Landauer, Sekretär der Zionistisckwn Gruppe in dein besetzten Deutschland, im neutralen Jugendverein über Zionismus. Es war-Wes das erste Mal, daß in hiesiger Gemeinde öffentlich dieses Thema erörtert worden ist. In einer einstündigen Rede führte der Referent die Entstehung und Entwicklung. Zweck und Ziele des Zionismus ans. Nur das Wesentliche hemusschälend, sprach er doch erschöpfend: er packte die Zuhörer und riß init7 fort. Er wollte durchaus keine Propaganda inachen, es ivar ihtn lediglich darum zu tun, aufzuklären, irrigen Ansichten zu begegnen, die Zuhörer anzuregen, einmal über Zionismus nachzudenken:, sie aufzufordern, air brennenden Tagesfragen, die uns alle so sehr angehen und von ungeheurer Bedeutung sind, nicht teilnahmslos vortwizugehen. Ter Besuch des Vortrages und die Stimmung, die er hervorrief, zeigten, wie notlvendig es gelvcsen ist, diese Frage einmal öffentlich anzuschneiden. Sicherlich ist durch diesen ersten Pörtrag nicht gleich eine große Zahl begeisterler Anhänger ^gewonnen worden. Ater er half Licht verbreiten, wo bisher Unklarheit herrschte, er iveckte in manchem das Jntereste für den ZionisniuS. nachdem ihm von berufener Seite gesagt worden ist, >vas Zionismus ist, und er nicht — wie seither — nur ltzegner darüber hat sprechen hören. Für die meisten bedeutete Zionismus eben nichts anderes, als: Am nächsten Ersten lvandert Kol JiSroel nach

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