Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 45 (9.4.1920)
- Date
- 1920-04-09
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Mockensckau. Tatsachen «ad Erßesalsse. Deutschland. Berlin. Ein Work für die polnischen Juden sprich! dir .,:'lll(UMiieiiic;{eiunip", das offizielle Regierungsorgan. 'li!ir entnehmen dieser Notiz folgende Ausführungen: > der letzten;Jeit ivurde wiederholt von Razzien ini alteuScheunenviertel l»crid)tci, und mit einer gewissen Genugtuung-lasen viele Sieme, das; es gerade polnisch-russische ^uden sind, die von den behördliche» Mastnahmen betroffen ivurde». Es ivar da von verl'recherijcheu Eleinemen die Rede, und allgemein ist man der Ansicht. das; gerade die polnischen Juden diejenigen sind, die uns in unserer jetzigen Rot am meisten schröpfen. Dieser Ansicht möchte ich einmal mit dem Hinweis darauf entgegentreten, dast unter den polnischen Jude» eine ganze Menge Leute sich befinden, die nach Deutschland fommett. um liier Arbeit zu verrichten. Das; natürlich unter einer groste» Menjchenmasfe. die durch die Verhältnisse proletarifiert ivorden ist. sich auch lichtscheues (Gesindel l>efiitdet. jo» natürlich nicht bestritten werden. Biel gefährlicher als die polnischen Jude» find nach meinem Dafürbalten die neutralen freunde aus Holland. Schiveden und anderen Landern, sowie die Herrschaften aus de» feindlichen Ländern, die uns jetzt mit ihrer Anivesenbeit liebte». Diese Leute sind mit ihrem hochwertigen ('H'lbe, mit dem sie uns aufkaufen, eine viel gröstere Olefahr als die polnischen Juden. und meint man darauf hinweist, dast der polnische Jude auch nur handeln und nicht arbeiten ivill «was nebenbei bemerkt noch nicht einmal stimmt), jo jo» man doch die Leute unter den christlichen Ausländern zeigen, die liierhergekoiumen sind, um zu arbeiten. Die Polizei hat neue Razzien unter den Schiebern angekündigt. Hoffentlich wird sie daun an den Schieberlokaleu im vornehmen Vesten, in denen in der Hauptsache westliche Ausländer verkehren, nicht vorübergehen. selbst habe während des Krieges mehrere Monate als christlicher deutscher Soldat int Ghetto einer russisch-polnischen Stobt gewohnt und must jagen, dast der polnische Jude besser ist als sein Ruf. Der russische Pole ist kein sehr arbeitsfreudiger Mensch, und namentlich in den Städten überläßt, er das Arbeiten gern den Juden. Der Beruf des Gepäckträgers auf dem Milmhof. des Droichkenkutsciters. des Strastenkehrers und viele andere iverden von den Juden in den polnischen Städten fast durchweg ausgeübt. Die Kameraden, die ebenso wie ich während des Krieges mit den Juden zu tun bekamen, iverden mir bestätigen können, dast sie uns Deutschen gegenüber zum gröstten Teil sehr gastfreundlich getveien sind. j Stettin. Im 100. Lebensjahre verschied hier Henriette Lisser. langjähriges Vorstandsmitglied des Israelitischen Frauenvereins. Von einer Tochter erlebte sie die goldene Hochzeit. .Hamburg. Bei de» Vahle» in der jüdischen Weiiieitibe ivurde» gewählt: 8 Liberale. 7 Orihodore, 4 Zionisten und j.’ Handiverker. Bisher ivar die Majorität liberal geivefen. Vilrzbnrg. Dr. Adolf .Hannover-Köln ist hier zum Tistriltsrabbiner gewählt worden. Bocholt. Der im!>>.' Lebensjahr verschiedene Lehrer a. T. Jiaak Spier ivar vor mehr als 00 Jahren Mitbegründer des Veteins israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens. Polen. Vafchau. ^eit einige» Voäien erscheint hier 'unter dem Rainen ..Journal de Pologne" eine Zeitung, deren Aufgabe es laut ihrem Programm wäre, in Polen und Frankreich die gegenseitige Kenntnis der beiden Länder zu fördern und freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu schaffen. „Journal de Pologne" hat nun eine inerkwürdige Art. diesem an sich einwandfreien Programm gerecht zu werden. Es scheint in Polen Erbitterung gegen die Friedenskonferenz und den Friedensver- ' trag zu herrschen, und dies nicht etiva deshalb, weil sich Polen territorial und wirtschaftlich verkürzt fühlt, sondern ausschliestlich deshalb/iveil auch Polen sich dazu bequemen soll, vertragsniästig die Rechte der nationalen Minoritäten anzuerkennen. Das genannte Blatt läßt auch keinen Zweifel darüber, dast es sich ihm ausschließlich um einen Rechtsraub an den Juden Polens handelt, denn eS übertrifft an Hast gegen die Juden selbst die berüchtigte „Dwa Grosze". Es erscheint keine RUininer des „Journal de Pologne", in der nicht das polnische Volk förmlich zu Pogromen gegen Juden verhetzt und das französisciie Volk durch falsche und entstellte Berichte über daS Leben und Treiben der Juden in Polen irregeführt würde. Man weist nicht, ob das französischer Erport nach Polen oder polnischer Ertzorch nach_ ' Frankreich^iskl Posen. Vie das „Posener Tageblatt" meldet, führte eine in Posen abgehaltene Versammlung, in der ein Herr Bogumil Jaraezewski über seine Erfahrungen in Sowjet- Rustland berichtet hatte, zu starken Kundgebungen gegen die Gleichberechtigung der Juden in Polen. Starke Beschuldigungen gegen die Entente wurden laut, die den Juden die : Gleichberechtigung verschafft habe. Man verlangte in der Resolution die Ausstostung der Juden aus den Ämtern, aus den Offiziersreihen und aus der Schule. Ebenso ivurde die Entrechtung der deutschen Minderheit gefordert. Ein im Saal anivesender jüdijcl>er Journalist, der ohne ein Wort zu äußern zugehört hatte, wurde durch Faustschläge mm Verlassen deS Saales gezwungen. Warschau. Das Reuterjche Büro verbreitet folgende Meldung: „Jit Praga, der Vorstadt von Warschau, wurden •25 jüdische Bäcker von den lokalen Behörden verständigt, dast, wenn sie ihre Lädeit nicht am Sabbat öffnen ivürden, ihnen die Lizenz entzogen würde, da die Behörden nicht gestatten könnten, dast Bäckerläden zwei Tage in der Woche geschlosst» seien. Die von ihnen hinterlegte Summe würde dann konfisziert iverden. Die Bäcker haben sich, um ihre Lizenz nicht zu verlieren, entschlosien, die Sabbatruhe zu verletzen. Eine starke Protestbewegung ist in der ganzen jüdischen Bevölkerung im Gange. Die obligatorische Sonn- * tagSruhe hat die Beziehung zivischen Polen und Juden verschärft." Krakau. In der letzten Zeit mehren sich wieder die Fälle militärischer Übergriffe gegen die Juden. So meldeten sich beim Rettungskomitee in Lemberg mehrere Juden, die am Bahnhof von Soldaten verletzt wurden, und berichteten, dast die Soldaten anderen jüdischen Reisenden die Bärte abschnitten. In Brodh schlossen infolge Ausschreiliingen von Soldaten die Juden die Geschäfte. Lodz. ^Jin Zusammenhang mit der Mazzothverjorgung liest der jüdiiche Getneinderat I. I. Bermann beim hiesigen statistischen Amt der Gemeinde die jüdische Bevölkerungszahl ermitteln und erhielt den Bescheid, dast zurzeit 185 000 jüdisclie Seelen in Lodz ansässig sind. (Damit ist Lodz nächst Wien und Warschau die grüßte jüdische Geineinde in Europa.) J Ukraine. Kischineiv. Eine Hierselbst eingetroffene Delegation aus Rezeni meldet, dast die Denikiujchen Banden neuerlich am 17. und 18. Februar einen Pogrom in Rhbniea voranj staltet hätten. Die Zahl der Opfer sei noch nicht festgestellr Die am Leben Gebliebenen irren, von Hunger und Kälte geplagt, am Ufer des Tnjestr herum und betteln, man möge ihnen von Rezeni über deii Dnjestr Brot herüberreichen. Die Delegation ivandte sich durch Vermittlung des ukrainischen Komitees an (General Popowic mit der Bitte um 'Erlaubnis, auf Grund eines Befehls des Generals Pressan vom Oktober v. I. Lebensmittel und Brot für diese Flüchtlinge über den Dirjestr führen zu dürfen.