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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-04-02 · 44 (2.4.1920) · p. Seite 161

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
44 (2.4.1920)
Date
1920-04-02
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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waren. Nein, nein — sic will solche Antworlew nicht länger mit anhören, wenigstens aus keine«« anderen Munde als dem ihrigen. „Warum unterhalten wix uns über solch seierliche und ernste Luchen?" sragte sie mit bleichem Lächeln. „Ist es nicht gerade, als ob wir den sröhlichen Sonnenglanz absichtlich entweihen und verdüstern wollen?" „Ach. Sie wollen mich gewiß zu Tode quälen", rief er init kölnischer Verzweiflung. „Soeben beklagten Sie sich über meine Scherze und nun sind Sie wieder mit meinem Ernst unzufrieden. Ich werde daher ganz und gar schweiget.." Doch Zillah hielt Schweigen für viel gefährlicher als irgendeine Unterhaltung, und darum veranlaßt,: sie ihn, über andere Gegenstände zu sprechen. Aber auch da verging die Zeit sehr schnell, und als sie den Waldessaum wieder erreicht, nahm sie mit Schrecken tvahr. daß die Abendschatten sich schon stark bemerkbar machten. „Wann kommen Sie wieder?" fragte er. sie fast gewaltsam zurückhaltend. „Morgen — übermorgen — ich weist es nicht", erwiderte sie leise; bemüht, ihre Hand frciznbekomincn. „Hören Sie: ich iverde jeden Morgen meinen Burschen zu Ihnen schicken, um Einkäufe zu machen, und ihm können Sic eine Botschaft milgeben. Aber es must bald fein — hören Sie? — bald!" Er gab ihre Hand jetzt frei und küßte seine eigenen Finger, die von der Berührung mit den ihrigen noch warm waren. Sie sah aber die Bewegung nicht, denn sie eilte vor ihm her. Sie lief förmlich, um der schnellfüßigen Angst zu entfliehen, die sich jetzt wieder in ihrem Herzen einnisten wollte. Fünf Minuten später war sie bereits wieder •int Laden. „Fräulein Zillah ist jetzt da", schrie Jankelc aus Leibeskräften die Treppe hinauf. Und ehe ihn Zillah noch darüber zur Bede stellen konnte, kam Salka eilig die Treppe herunter. „Wo warst du denn?" fragte sic erregt; „wir haben dich schon überall gejucht." „Ich-" fing Zillah an.. Aber Salka liest sie nicht weiter sprechen. „Ta ist ein Brief vom Vater. Er har seine Geschäfte schneller erledigt als er glaubte ruid komiiit schon heule abend. Komm, Zillah. du mußt mir helfen; ich habe noch so viel zu tun, um alles für sie vorzubereilen." „Für sie?" fragte Zillah verwundert. „Wer komint denn noch?" „Hast du es beim vergessen?" wgr Salkas Gcgenfrage. Ja; Zillah halte tatsächlich ganz und gar vergcsicn-. Tas Krankenzimmer harte eine vollständige Umwandlung erfahren, so daß man hätte zweifeln können, ob cs dasselbe sei. Es bol jetzt sogar einen fröhlichen festlichen Anblick dar. Tas Krankenbett war in die entfernteste Ecke geschoben und durch dichte, buntfarbige Vorhänge dem Auge gänzlich entzogen. In der Mitte stand der tfeste Eichenrisch, auf dem eine blendend lueiße Tecke ausgebreitet war. Tie massive Bronzelarnpe, von zwei schweren, silbgr^ ncil Leuchtern flankiert, verbreitete ein helles freundliches! Lichtem ganzen Zimmer. Salka war in der Küche beschäftigt, die letzte Auflage des goldbraunen Pfannkuchens ängstlich bewachend. Zillahs Hilfe haue sich da noch weniger als nutzlos erwiesen, und nachdem sie einen um Eiern gefüllten Korb umgestosten und fast ein heilloses Unglück im Käsekuchen dadurch angerichler, daß sie Sdlka das Salz gereicht, die den Zucker verlangt, wurde ihr unumwunden erklärt, daß man auf ihre fernere Hilfe gern verzichten tvollte. Sie hatte diese beschämende ^Zurückweisung herzlich gleichgiltig aufgenommcn, da sic sich von der Minute, als sie erfahren, was ihr heute abend noch bevorstand, nur noch gleichsam mechanisch, automatisch von einer Stelle zur andern förtbewegte. Und > jetzt saß sie neben der Mutter, die mau sorgfältig in einen bequemen Lehnstuhl eingebettet''harre. Tie meiste Zeit 1 hielt sich Zillah dicht ain Ofen auf. denn dort war der einzige Winkel, wo alle Schatten sich zusammengedrängl. Sie fühlte sich behaglicher im Tunkeln. „Sie bleiben aber recht lange aus, nicht ivahr. Zillah?" flagre die Kranke ungeduldig. Schon das dritte Mal stellte sie dieselbe Frage, die Zillah immer, und jo auch jetzt, geduldig beantwortete: „Nein .Mutter; der Zug kommt nicku vor neun Uhr. und jetzt ist es noch nicht so spät. Außerdem hören ivir doch den Zug pfeifen, ivenn er einfährt." „t'Zewist, gewiß", murmelte die >ira»ke. „>ttnd, ich känn dein Gesicht zwar nicht sehen, ober ich weist es. daß du zufrieden bist." „Natürlich bin ich es. du kleine Mutter; ist es nicht immer ein Fest für uns, ivenn der Vater nach Hause kommt?" , „Und heute noch »lehr als sonst. Warum sprichst du es üicht aus. was dir auf dqr Zungenspitze brennt? Al>er es ging mir ebenso, als der Vater das erste Mal zu uns kam. Wie genau ich mich noch erinnern kann! Ich saß auch in einer Ecke, gerade wie du cs jetzt tust, und ich lat jo, als ob ich Strümpfe stopfte. Und die Göhren — wir waren sieben — drückten sich am andern Ende des Zimmers herum, lachend und kichernd. Und Amrani, damals der wildeste und ausgclasicnstc von allen — jetzt liegt er schon seil Jahren still und ruhig irgendwo im Kaukasus — Amiflm war cs, der mich zuerst mit dem alten Licdckw'n neckte: «Ur Madoe» dal'.n ftuicr, V Nur uii höbe trau n —, und die ganze kleine Bande brach in ein Gelächter aus. Ich wurde schamrot und sast^ ängstlich und zitternd da, bis die Sache ganz schlimm wurde, als ich mir mit der Nadel in den Finger stach und darum, herzbreckwnd nvinend, ans dem Zimmc? stürzte. Tu sichst, meine Tochter, ich habe cs noch nicht vergessen, wie einem Mädchen dabei zumute ist, und darum brauchst du deine Gefühle nicht so ängstlich vor mir zu verbergen." Zillah krümmte sich auf dem Stuhl und iväre fast zu Boden gestürzt; doch mir aller Kraft hielt sie sich aufrecht und wendete sich liebevoll der Mutier zu — der armen, ahnungslosen Mutter, die die Glückseligkeit heute io gesprächig machte. „Glaubst du denn, daß ich dir irgend etwas verheimlichen könnte?" log Zillah mit lächelndem Mund. „Wenn ich das empfinden sollte, was du denkst, meinst dn. ich könnte dir gegenüber jo schlecht sein?" „Tann empfindest du also gar nichts heute?" kam die Gegenfrage voll trauriger Enttäuschung. „Mutter, willst du mich denn darum schelten, daß ich mein Herz jo lange mit' ruhigen Schritten gehen lasse, bis ich mich überzeugt, daß ich Ursache habe, es zu einem schnelleren Lauf anzutrcibcn? Odcw willst du, das; ich es gewaltsam zu einem Galopp anpeilsche?" „Zillah, du bist anders — ganz anders, als ich es in der Mädchenzeit war. Ich liebte mejnen Mann, noch che ich ihn sah; denn ich wußte, daß ich mit dieser Liebe auch das Gottcsgebor erfülle. welches befiehlt: Eine deinen Vater und deine Mutter; doch was geschehen soll, wird doch geschehen. Was lange wähn, wird endlich gm. und verschobene Freude ist doppelte Freude." c Zillgy iah sic noch immer mit demselben Lächeln an; sic konnte es überhaupt nicht mchr los irwrden: es war gleichsam auf ihrem Gesichte fest erstarrt. Und datvi tvar dieses erst der Anfang des >ta»ipscs wie wird es also später werden? Vor dieser Oual gab es ja auch kein Entfliehen mehr; bis zu jenem großen Schmerz, der alles — alles vernichtete. Und dieses Lächeln haue sie die ganze Zeit wie eine Maske getragen: ein „Willkominen" über der Eingangspforte zu custm Leichenhanse: und ihre Eltcm werden Freudcngesänge anstimnien, ohne zu ahnen, daß sic ^dadurch die abgestorbenen Überreste ihrer Empfindung äuss nette.'ins Leben riefen, um sie ivieder — frisch bluten Zu lassen. '(Fortsetzung folgt.)

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