Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 43 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437092--0545-3948116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Minuten stehen. Dann schüttelt« e» ärgerlich tat Kopf und «ahm seinen Spaziergang wieder auf. Leute gingen vor« Hei, sie machten nur eine demütige Verbeugung und schritten eiligst weiter; es war nicht weise, über das Tun eines Kommissars Neugierde zu bekunden, zumal er mürrisch und verdrossen aüssah. Nur die Vögel im Walde fürchteten sich nicht vor ihm; sie hüpften und zwitscherten fröhliche und nnbekümmert. als wollten fie sagen, es sei doch ganz schön, »in Vöglein zu sein — manchmal. Er aber horchte jetzt eine andere Stimme, die viel, viel melodischer klang; «» war noch keine ganze Woche, seitdem er fie zum ersten Male gehört, und doch schien es ihm bereiis, als wären alle anderen Melodien nur heisere, krächzende Mißtöne dagegen. Und darum stand er schon drei Tage hintereinander «f Posten, um diese lieblichen Töne wieder zu vernehmen. BiS heute war fie nicht gekommen, und sein geduldiges Warten war vergeblich. . Da er sich aber freiwillig in die'Gefangenschaft begab, wunderte er sich um o mehr, daß sie nicht kam, und dachte so lange darüber nach, bis sein Herz eine einzige ttaurige Krage bildete. Er könnte fteilich direkt in den Laden gehen «nd fie darüber befragen, allein das würde eine zu große Demütigung für ihn bedeuten; so <veit wollte er seinen Mannesstolz doch nicht aufs Spiel setzen — nein, und wäre sie noch tausendmal schöner. Oder batte fie seinen Wink nicht verstanden? Sie war ja doch sonst so klug, um ihn ihre Absicht durch gleichgiltige Worte erkennen zu lasten l Ein Gedanke schoß ihm plötzlich durch, den Sinn, und er biß fick heftig auf die Lippen: war es etwa nur das Spiel einer erfahrenen Kokette? Und wenn fie eine war, wollte er fie dafür bestrafen? Konnte er es tun? Sie und ihr Volk durch Bedrückungen und Beschimpfungen quälen, wie es feine Kollegen taten, und wie auch er es zu tun ja die Macht batte? Er lachte bitter auf. Hatte er sich auch durch sein bisheriges Benehmen etwa in ihren Augen lächerlich gemacht, so wollte er nicht auch noch seine Selbstachtung einbüßen — nein, an die finsteke Rache gar nicht mehr denken »nd lieber die Gedanken mit den leuchtenden Madönna- «ugen beschäftigen, aus denen heilige Wahrheit geschaut, wenn Wahrheit jemals auf menschlichen Gefichtszügen zum Ausdruck kam. Und hatte er nicht recht gehabt, nur an das Gute glauben zu wollen? Sein Herz pochte voller Entzücken — denn jetzt gerade bog eine schlanke Gestalt um die Ecke, von einem rosa Sonnenschirm beschattet, nein, nicht Seschattet — sondern, mit einem Heiligenschein umgeben. Eilig ging er ihr entgegen und ihre Hand lag in der seinen — fie wußten beide nicht wie. „Es scheint bestimmt zu sein, daß wir einander begegnen", sagte sie, zaghaft lächelnd. „Warum wollen Sie heucheln?" fragte er. fast barsch. „Sie wissen ja gut genug, daß diese „Bestimmung" unser eigenes Werk ist —, warum kamen Sie nicht gestern und früher?" „Sie vergesten, daß ich nicht Herr meiner Zeit bin; wir hatten auch geschäftlich viel zu erledigen — und wer sollte es sonst erledigen?" Ihre Augen schlossen sich: so war es ihr viel leichter, «ine Unwahrheit zu sprechen. Konnte fie es ihm denn sagen, warum fie nicht gekommen war? Durfte fie ihm den feelenquälenden Kampf offenbaren, den sie diese Tage durchgemacht? Im hellen Sonnenschein und im Finstern, beim Wachen und Träumen hat fie mit sich selbst wie mit einem Tddfeind gerungen. Und jetzt war der Kampf zu Ende. Er schien ihre Gedanken zu lesen, denn er sprach: „Sie haben Verttauen zu mir, und ich fühle mich dadurch hochgeehrt — und ich danke Ihnen, doch wäre es vielleicht gut, wenn Sie Ihre Siegeszuversicht nicht bis aufs Höchste spannen möchten. sJch wäre morgen und am nächsten Tage und vielleicht auch noch einmal hergekommen.' dann aHr. . ." „Dann aber würden Sie Ihr Pferd bestiegen haben, um einen Spazierritt zu machen, und das wäre alles." „Vielleicht — ich weiß es nicht; ich habe mir dieselbe Frage selbst vorgelegt, während ich auf Sie wartete; aber ich ä»gte es nicht, sie mir zu beantworten. Und nun", sein« Augen strahlten, „und nun bedarf eS ja keiner Antwort mehr — wenigstens nicht jetzt. Nur ein Narr hadett -.mit der goldenen Gegenwart wegen einer unbestimmten Zukunft." „Nur ein Narr", wiederholte fie leist; es war aber weniger eine Bestätigung als eine trübe Ahnung. Sie konnte es sich nicht leisten, die Zukunft zu ignorieren, und wer weiß es. ob sie nicht auch mit dem Golde der Gegenwart noch viel zu teuer erkauft stin wird. „Kommen Sie weg aus diestm grellen Lichte", sprach er ftöhlich; „ich spüre es schon, wie die Sommersprossen- Mikroben hageldicht sich zusammenballen; und Pftrfichblüten können nicht lange vor ihnen stand haltend Kommen Sie." Über seine feine Schmeichelei ein wenig lächelnd, folgte fie ihm zögernd, tiefer in den Wald hinein; und aldie Bäume sie dicht umschlossen — dichter — immer dichter, da wurde sie zornig auf sich stlbst, baß fie, törichterweist, diests unaussprechliche Glück drei lange Tage von fich gestoßen — ein nutzlos verschwendetes Opfer. Hin und wieder stolperte sie über Knorren und Baumwurzeln j dennoch weigerte sie sich beharrlich, den angebotenen Arm anzunehmen. Nein, nur nicht anrühren — das wäre unklug — weil gefährlich. Die Berührung würde ihr Herz und Augen öffnen, so daß sie die Quelle schauen könnte, aus der ihr die Glückseligkeit zusttömt, auf welche sie doch ->- kein Recht hatte. Später vielleicht — wenn fie das Denken ganz und gar verlernt und einzig und allein nur noch fühlen konnte. „Sie haben mir eigentlich noch nichts von Ihnen und Ihren Leuten erzählt", begann er die Unterhaltung wieder, als fie eine kleine Waldlichtung erreicht hatten. „Weil eben nicht viel zu erzählen ist. Meine Mutter ist seit Jahren bettlägerig, mein Vater fass beständig auf Reisen und meine Schwester haben Sie ja kennen gelernt. „Eine wunderbare Familiengeschichte", scherzte er; „eine herrliche Fundgrube für den zukünftigen Chronistenj Ich hoffe aber, daß die Erzählerin mich für diest Kürze dadurch entschädigen wird, daß fie recht ausführlich über fich selbst berichtet." „Ich spreche niemals über mich stlbst." „Durch ein überwältigendes Gefühl der Bescheidenheit", lachte er. „übrigens könnten Sie ja auch nichts sagen, das Ihr Ansehen noch erhöhen sollte. Darum bleibt mir nichts übrig, als all' die Vortrefflichkeiten selbst herauszufinden. Doch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich sehr eingehend und gründlich forschen werde." „Die Untersuchung wird eine lange Zeit beanspruchen." ' „Je länger, desto bester." Plötzlich schien ihm ein anderer Gedanke zu kommen, und. seine Miene verfinsterte fich. , Schwermütig fuhr er fort: „Vielleicht müßte ich sie bald, allzuschnell aufgeben. Die Dauer meines hiesigen Aufenthaltes ist ja eine ganz unbestimmte; jeden Augenblick ... Ach lvas", unterbrach er fich stlbst, „ich beklage mich über die Kürze meines Aufenthaltes und verschwende dennoch die kostbare Zeit mit müßigen Sorgen. Darum sagen Sie mir schnell, über was sollen wir uns unterhalten?" /.Erzählen Sie mir von den' schönen Frauen, die Sie , gesehen", erwiderte sie schnell. „Sagte ich, daß ich schon ftühcr schöne Frauen gesehew?^^ Dann muß es eine-optische Täuschung gewesen sein oder ein Versthen meiner Urteilskraft, und ich muß Sie dafür um Entschuldigung bitten." „Bitte, scherzen Sie nicht — ich — ich bin auch ganz ernst." „Dann beeile ich mich, ebe. falls ernst zu sein", sprach er, mit einem langen Blick sie ansehend, den sic durch alle Nerven fühlte. . „Ich werde Ihnen besonders von einer Frau erzählen;, ich weiß zwar nicht mehr, wo ich fie angetroffen, aber es war in irgendeiner großen Stadt. Sie war dorthin gekommen aus irgendeinem gottverlastenen Erdeni