Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 43 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zürich. In der 38. Sitzung de- Zürcher Großen TtadtrateS gab dev Vorsitzende Kenntnis vom Eingang einer Interpellation, die von Dr. Hafner (freis.) wegen Einlagerung der Juden gestellt wurde. Die Interpellation hat folgenden Wortlaut: „Ist es richtig, daß der Stadträt seit Sommer 1919 alle oder fast alle BürgerrechtSaufnahmesesvche von Petenten israelitischer Konfession nicht mehr an die Bürgervechtskommission weiterleit« mit der Begründung, daß er sich zunächst einmal vergewissern wolle, wie viele Israeliten in den letzten Jahren in daS' städtische Bürgerrecht ausgenommen worden seien. Wenn ja, wann gedenkt der Stadtrat diese Prüfung abzuschließen, und auf wann »immt er in Aussicht, die zurückgelegten Aufnahmegesuche an die Bürgerrrchtskommisfion weiterzuleiten?" I. P- 3. Italic». Florenz. Der neugewählte Borstand der Gemeinde «ahm folgende Resolution an: „Die Jüdisch« Gemeinde von Florenz wird die engste Verbindung mit der Zionistischen Organisation aufrecht erhalten und ihren Weisungen Folge leisten, insoweit als sie nicht dem Geiste der Thora widersprechen. Sie beauftragt die Führer, zwecks Durchführung des zionistischen Programms und des jüdischen Nationalfonds zusammenzuarbeiten:" Lmrrika. Newyork. Das neue Einwanderungsgesetz, das — entgegen Wilsons Veto — von jedem Einwanderer die Fähigkeit^ verlangt, 40 Worte lesen zu können, erregt lebhaften Widerstand, denn es spielen sich in seinem Gefolge ganze Tragödien ab. Eine Ausnahme für Bräute ehemaliger Kriegsteilnehmer ist bereits genehmigt. Die Legislative des Staates Newyork hat jetzt eine Resolution angenommen, worin der Kongreß um Aufhebung des Gesetzes ersucht wird, das.ganz unnütz sei und nur Schikanen verursache. ' Newyork. Seit kurzem erscheint in Amerika eine neue Zeitschrift: „Journal of Jewish Law and Philosophy" (,,Zeitschrift für jüdisches Gesetz und Philosophie). Herausgeber und Schriftleiter ist der aus Galizien stammende Professor an der Jüdischen Hochschule in Cincinnati, Dr. David Neumark, der Verfasser zahlreicher grundlegender philosophischer Wgjtke in hebräischer, deutscher und, englischer Sprache. Palästina. London. Das Organ des Britsh Palestine Committee, „Palestine", stellt fest, daß die Friedenskonferenz die Frage der künftigen Grenzen Palästinas bereits besprochen hat und dH die ganze Angelegenheit nunmehr einem englischfranzösischen Sachverständigenausschuß zur Berichterstattung überantwortet wurde. Nunmehr habe Millerand, der wieder nach Frankreich zurückgekehrt ist, das letzte Wort in dieser Frage. . London. Usfischkin meldet aus Jerusalem: Am ersten März griffen hundert Beduinen unter Führung eines arabischen Scheichs die kleine Arbeitergenossenschaft Tel Hai, westlich von Metullah, an. Von jüdischer <S«U« fielen vier Mann, darunter Kapitän Trumpeldor, der stellvertretende Führer der ersten jüdischen Legion. Außerdem wurden zwei Mädchen getötet und 5 verwundet. Nach dem Kampfe verbrannten und evakuierten die Juden Tel Hai unh gingen nach Giladi, einem südwestlich gelegenen Dorfe. London. ,General Bols, der militärische Administrator Palästinas, hat in einer Rede in Haifa erklärt, daß England beschlossen habe, die Tore Palästinas der jüdischen Einwanderung zu öffnen. „Ich hoffe", sagte General BolS, „daß der Friede mit der Türkei in ungefähr einem Monat unterzeichnet werden wird und daß, da dem Lande große finanzielle Stütze durch Anleihen, usw. «währt werden wird, überall die Aufbauarbeit beginnen wird. Wir müssen das Land für diejenigen vorbereiten, welche bereit find, sich hier anzufiedeln. Wir haben Gott sei Dank genügend Arbeitsmöglichkeiten für jedermann." Das Jüdische Arbeitsamt in Duisburg, von Werner Aca»stidtcr. Nur mit einer gewisien Beklemmung können wir von dem Wachstum und der steigenden Bedeutung des Duisburger Arbeitsamtes sprechen, denn dieses Wachstum ist «in Zeichen der Wanderungsbewegung jüdiscker Volksmassen, des immer bedrohlicher werdenden ökonomischen Untergangs der polnischen Juden und deS nicht nachlassenden polittschen, sozialen und nattonalen Drucke-, der auf der Kernmasse unseres Volkes lastet. Andererseits ist «S aber auch ein Zeichen wachsenden Verttauens, das die jüdischen Arbeiter für daS Duisburger Jüdische Arbeitsamt hegen. Die Aufgaben des Duisburger Arbeitsamtes find mannigfaltig. Aber der Hauptzweck ist die Unterbringung jüdischer Arbeiter in der rheinisch-westfälischen Industrie. Bei der steigenden Zahl Mischer Arbeiter, di« durch Deutschland kommen, ist die ursprünglich geübte gelegentliche Arbeitsbeschaffung unmöglich geworden; eine ganz systemattsche Beschaffung offener Stellen durch Versendung von Werbeschriften an arbeitsuchende Unternehmer und durch enae Beziehungen zu den öffentlichen Arbeitsnachweisen mußte an ihre Stelle treten. Auf diese Weise ist zugleich die möglichst gleichmäßige Verteilung der jüdischen Arbeiter über den ganzen Jndustriebezirk garantiert. Denn Stauungen jüdischer Arbeitermassen an einer Stelle find heute mehr als je zu vermeiden. Die Stellung der Arbeitsnachweise zu unS ist, von einigen Ausnahmen abgesehen, freundlich, da daS Jüdische Arbeitsamt oft in der Lage ist, ihnen über zeitweilige Verlegenheit bei der Arbeiterbeschaffung hinwegzuhelfen. Untrennbar verknüpft mit der Arbeitsvermittlung ist eine umfassende Fürsorgetätigkcit, die nur äußerlich altjüdischer Philanthropie ähnelt, in Wirklichkeit aber sich darstellt als ein Ersatz für bte den jüdischen Arbeitern nicht zustehende Erwcrbslosenunterstützung. Sie ist nur ein ungenügender Ersatz, da unsere Mittel nicht ausreichen, um nachhaltig die ganze Furchtbarkeit des Elends jüdischer Menschen zu verhindern, die ohne Obdach, ohne einen Pfennig Geld, nach furchtbaren Sttapazen nur das eine Ziel haben: sich durch Arbeit wenigstens das Existenzminimum zu sichern. Das Jüdische Arbeitsamt gibt kleine Beträge für den notdürftigsten Lebensunterhalt, für Reisegelder zur Arbeitsstelle und^ für Paßphotographien an Arbeitslose aus, unter Verpflichtung zur Rückerstattung. Alle Lasten der ostjüdischen Durchwänderung hat in Duisburg das Arbeitsamt übernommen, auch die Fürsorge für Kranke und die Kosten für Krankenhausbehandlung; damit hat es einen großen Teil der Lasten übernommen, die eigentlich Sache der jüdischen Gemeinde sind. Große Schwierigkeiten ergeben sich für das Arbeitsamt aus der Sorge um die Unterkunft der Durchwanderer. Durch das Entgegenkommen des Duisburger Gemeindemit- ' gliedes Herrn Julius Kasper, der uns kostenlos Räume zur Verfügung stellte, die wir als Herberge ausbauen konnten, Nift uns die schwerste Sorge genommen. Als dringende Aufgabe besteht nun noch die Gründung einer Volksküche, für die wir dringend um Spenden bitten. Große Schwierigkeiten ergeben sich für die jüdischen Arbeiter daraus, daß ihre Legitimationen nicht in Ordnung sind. Im Einvernehmen mit den Polizeibehörden stellt das Duisburger Arbeitsamt gegen Vorlegung einer Annahmebescheinigung des Arbeitgebers provisorische Jdentitätsbescheinigungen aus, die von der Polizeibehörde zur Voraussetzung der Ausstellung eines Personalausweises ge- : macht werden. Diese bedeutsame Hilfe, die das Arbeitsamt ' arbeitswilligen Leuten gewährt, wird auch von nichtjüdischen Ausländern, besonders von Deutschen polnischer Staatsangehörigkeit, in wachsendem Mähe benutzt. Ausweisungen werden in Rheinland-Westfalen erst nach Anhörung des