Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 42 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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«Ist es der Stolz, der dich so zu sprechen lehrt? Wie kannst du es im voraus wissen, wer von euch beiden für das Glück des andern mehr zu kämpfen haben wird?" sprach Salka entrüstet. „Die Zeit wird die fremden unheiligen Wahngebilde aus deinem Herzen verscheuchen, du wirst anfangen. Gefallen zu finden in deinem Hausfrauenbcrüfe, Interesse an den Angelegenheiten deines Mannes, und wenn dann die kleinen Lieblinge kommend . ." „Ich höre wohl Stimmen, doch alles übrige ist Dunkelheit", sprach jemand auf der Türschwelle. Salka stieß einen Schreckensruf aus, Zillah aber blieb ruhig sitzen, und ihre Stimme klang gefaßt, als sie sagte: „Mache Licht, Salka; Jankele, der Taugenichts, bleibt wieder so lange fort; er ist gewiß schon wieder bei seiner Mutter eingekehrt." Salka hatte inzwischen die zwei Gasflammen angezündet, und sich schnell zur Türe wendend, bemerkte sie dort den Polizei-Kommissar, vergnügt lächelnd und, sicherlich^ durch den plötzlichen Lichtstrahl, mit den Augen blinzelnd. „Ich komme zu Ihnen wie ein Gespenst in finsterer Nacht", sagte er, mit dem Lächeln noch immer auf den Lippen, seine weißen Zähne zeigend; „aber daran ist wohl die Umgebung schuld. Ich möchte nun endlich meine Schulden bezahlen — beinahe hätte ich darüber schon Gewissensbisse empfunden. Gestatten Sie." Er hielt Zillah ein Geldstück hin, die es wortlos nahm. „Ich wäre schon eher gekommen", fuhr er unbefangen fort, „allein ein politischer Verbrecher, dessen Gesellschaft die Regierung so gern genießen wollte, der sich aber ohne Abschied über die Grenze geschlängelt hatte, nötigte mich, einen kleinen Ausflug in das benachbarte Land zu machen, um den vielbegehrten Herrn hierher, in das geliebte Vaterland zurückzubegleitcn." Salka stand steif, unbeweglich am Ladentisch, den Aufdringlichen mit weit geöffneten Augen anstarrend. Zillah bemerkte es und sprach: „Ich hatte es vergessen, dir zu sagen, Salka, dieser Herr hat uns mit seiner Kundschaft beehrt, hatte aber ge- ' rade kein kleines Geld bei sich." Der junge Mann war ihrem Blicke gefolgt. „Ihre Schwester vermutlich?" sprach er, höflich seine Mütze berührend. Zillah nickte befangen; ob er sich eine Bemerkung über ihr gestriges Zusammentreffen im Walde wird entschlüpfen lassen? Ihr wäre es lieber, wenn Salka es überhaupt nicht erfährt; sollte cs aber dennoch geschehen, dann nur durch sie selbst und ohne Zeugen. Aber sie ängstigte sich unnötig. Nicht umsonst hatte er jahrelang Logik studiert. Daraus, daß sie sein erstes Erscheinen der Schwester verschwiegen, folgerte er ganz richtig, daß sic die zweite Begegnung erst recht verschweigen wollte; sic machte also ein richtiges Geheimnis daraus, und diese Tatsache befriedigte ihn ungemein. Mit seinen nächsten Worten wollte er sic darum darüber ganz beruhigen. „Wie entsetzlich öde es doch hier ist", wendete er sich an Zillah. „Ich kann absolut keinen Menschen finden, um eine auch nur einigermaßen vernünftige Unterhaltung anzuknüpfen, und aus Verzweiflung darüber unternahm ich gestern einen Spazierritt, hoffend, mein Verlangen außerhalb befiiedigen zu können. Und das Glück war mir günstig. Ich fand einige wunderschöne Aussichtspunkte und begegnete auch einem oder zwei interessanten Menschen. Es war sehr unterhaltend." „Wie hätte es auch anders sein können — draußen im hellen, goldigen Sonnenschein?" sagte Zillah ruhig. Sie wußte jetzt, daß sie es ungefährdet tun konnte. „Es lag nicht am Sonnenschein", widersprach er, ihr fest in die Augen schauend. „Es war ein heiteres Frohgefühl, das mich innerlich beseelte. Ich war so glückselig. N daß ich die darauffolgende Nacht ganz gut in einem sibirischen Schneesturm hätte verbringen können, und dennoch wähnend, daß ich auf Eiderdaunen schlafe. Jammerschade, daß solche Augenblicke so sollen kommen und dann auch nur durch Zufall/' Sic wich seinem Blicke nicht aus; er tat ihr wohl — eine behagliche Wärme durchsttömte ihr Inneres. Und gar noch der versteckte Sinn seiner Red«! Auch ihr kam es jetzt zum Bewußtsein — was aber bei ihm schon längst der Fall war — daß sie gemeinsam ein Geheimnis halten. Und der Gedanke machte sie gar nicht ttaurig, höchstens schweigsam. „Will — will — möchte der Herr heute abend noch etwas kaufen?" Es war Salka. die jetzt sprach; die Verwirrung raubte ihr die Fassungskraft. Dieser Mann, dieser Fremde, dieser — Christ unterhielt sich mir ihrer Schwester ganz vcrttaulich, wie mit einer alten Bekannten. Und ihre Schwester zeigte dabei gar kein Erstaunen, gar keine Abneigung. „Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl", ivendcte er sich lachend zu ihr; „und er kommt auch zur rechten Zeit. In zehn Minuten kommt der Pcrsonenzug aus Riga, da muß ich ja am Bahnhofe sein, um die Pässe der Reisenden zu untersuchen. Nebenbei bemerkt", er sprach wieder zu Zillah. „Sic envähnten vorhin, daß Sie den Sonnenschein gern haben — wenn Sie meinen Rat befolgen wollen, so kann ich Ihnen nur sagen, daß man diesen nirgends besser genießen kann, als in einem schattigen Walde, jo ungefähr zwischen zwei und drei Uhr nachmittags. Guten Abend, meine Damen." Er ging fyrt und ließ Schweigen hinter sich. Salka unterbrach dasselbe zuerst. „Zillah, was hat dieses alles zu bedeuten?" Ihr Gesicht war von Zweifel und Sorge bewegt. „Wie soll ich es denn wissen?" tat diese beleidigt. „Nach deiner Frage zu urteilen, müßte man vermuten, daß ich eine intime Bekanntschaft mit ihm habe." „Das kann ich zwar nicht glauben, aber du bist doch sonst so viel klüger und gebildeter als ich — und darum habe ich dich gefragt." „Nach meiner Ansicht hat er sich über uns einfach lustig gemacht. Das, waS er uns voin Sonnenschein gesagt, weiß doch jedes Kind, und er tat so. als sollten lvir von seiner Weisheit ganz durchdrungen sein." „Tu hast recht. Zillah; du hast immer recht", sprach ihre Schwester tief aufatmend, als sei ihr Gemüt von einer schweren Sorge befreit worden. „Er hat uns wirklich nur ausgelacht — auch schon, als er von seiner guten Laune gestern abend sprach. Mag er —, du machst dir doch nichts aus ihm, Zillah?" „Nicht das Geringste", erwiderte sic achsclzuckend, um ihre Gleichgiltigkeit noch zu bekräftigen: „mag er uns verspotten. Alle halten uns doch für vogelfrci, um uns nach Herzenslust verhöhnen zu dürfen. Hat nicht die ganze Welt seit Jahrhunderten versucht, uns ganz und gar aus dem Dasein herauszuspotten? Ein Stich mehr oder weniger tut unS darum keinen großen Schaden." Salka ging wieder zu der kranken Mutter, während Zillah den Stuhl näher zur Türe zog, um in die sternenhelle Nacht zu blicken. Sie dachte jetzt wiederum den Kommissar und an seine Theorie über den Sonnenschein und wunderte sich, wie schnell sie cs gelernt, ihre Schickster leichtherzig zu belügen. Jankele kam erst sehr spät zurück. Er war gar nicht bei seiner Mutter gelvcjcn, sondern hatte mit anderen Jungen Soldaten gespielt. Sein Schuldbewusstsein ließ ihm viel Schelte und ivenig Abendbrot crivarten. Er war daher ganz erstaunt, als Zillah tvciter nichts sagte als: „Jankele, schließe den Laden und nimm dir das Stück kalte Henne, das noch vom Mittag übrig ist. ES liegt auf dem Waldwege —- ich meine dort im Speiseschrank." IFortsetzung folgt.) Kon Kerg an- Tal. Bonn. Der Jüdische Jugendbund und der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hatten ihre Mitglieder und Freunde am 4. März zu einem Lichibildervortrag des . Herrn Toeplitz aus Dresden eingeladen. Ter.Redner sprach über die Sakralbaukunsk der Juden im Altertum. In