Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 42 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437091--0530-3948102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
135 »ern Unterzeichnete Petition, das LonmagSruhegesetz für die Juden z« erleichtern, der Handels- und Gewerbe-Kommission. L>t-or». Kowno. Das jüdische Gemeindegejetz in Litauen, das nunmehr von der Regierung in Kowno vcrlaulbart worden ist, hat folgenden Wortlaut: 81. Alle Juden, die in einem bestimmten One wohnen. sisid Mitglieder der lokalen jüdischen Gemeinde. Tic Gemeinden verwalten die Angelegenheiten des jüdischen Kultus, der Wohlfahrt, der sozialen Hilfe, des Schulwesens und überhaupt die Angelegenheiten geistiger Kultur und haben das Recht. Gemeindevorstände zu wählen. 8 2. Ter Minister für jüdische Angelegenheiten erläßt das Wahlreglement, bestätigt und registriert die vorschriftsmäßig gewählten Vorstände. 8 3. Tie vom Minister für jüdische Angelegenheiten besttigten Vorstände sind berechtigt, zur Befriedigung ihrer in 8 1 aufgezählten Bedürfnisie die jüdische Bevölkerung mit einer Sondersteuer zu veranlagen. 8 4. Tos System dieser Steuer und deren Größe tverden von jedem Gemeindevvrstand bestimmt und vom Minister für jüdische Angelegenheiten bestätigt.. — 8 5. Tie Größe dieser Steuer, die von jedem Steuerzahler zu entrichten ist, darf die Summe der vom selben Steuerzahler im selben Jahre aufzubringenden Staats- und Munizipalsteuern nicht übersteigen. 8 ü. Die Steuer tvird von den Gemeinden selbst eingezogen und im Reichsschatz hinterlegt. Bei denjenigen Steuerzahlern, die nicht gezahlt haben, wird die Steuer auf dem allgemeinen Wege der Steuereinziehung erhoben, wobei die rückständigen Staatssteuern derselben Person vor der Gemeindesteuer gedeckt werden. 8 7. Über die Ausführungsordnnng des Gesetzes erläßt der Minister für jüdische Angelegenheiten im Einvernehmen mit den zuständigen Ministerien eine Sonderinstruklion. Kowno. Minister Solvweitschik hat sich nach Paris begeben, um au den Sitzungen des Komitees der Jüdischen Delegationen leilzunehmen. Un^arn^ Berlin. Wie der Budapester Korrespondent deS Berliner Tageblattes initteilt, haben die Juden in Budapest von Offizieren und einem Teil der UniversikälSjugend viel auszuhaltcu. Tie Leute werden auf den Straßen zum Ausweis ihrer religiösen Zugehörigkeit aufgefordert und die Juden oder. Judenverdächtigungen mißhandelt. Tie antisemitische Propaganda wird durch die Armee und Regierung nicht nur gefördert, sondern unmittelbar auch gemacht. Jüdische Studenten haben zur Universität pnd zu vielen Mittelschulen keinen Zutritt. Sowjet-Rußland. Zürich. Tie Konferenz der russischen Zionisten soll Mitte März stattfindcn. Tie Sowjetrcgierung soll die zionistische Organisation unter der Bedingung legalisiert haben, daß sie ihre Tätigkeit auf Kultur- und Palästinaarbcit beschränke. (I. P. Z.) Berlin. Aus Kopenhagen wird telegraphiert, daß in Rostow am Ton der bekannte Führer der Schwarzen Hundert und ehemalige Tnmadelegierte W. Purijchkewitsch dem Flecktyphus erlegen ist. Schweiz. Bern. Tie bekannte Schokoladefabrik Tobler hierfelbst hat die wöchentliche Arbeitszeit auf die einzelnen Tage so verteilt, daß die Arbeiter, statt wie bisher nur den halben, jetzt den ganzen Samstag frei haben. Den in der Fabrik beschäftigten jüdischen Arbeitern ist somit die Möglichkeit geboten, von nun an den Sabbat einzuhalten. England. London. Mit der „Mauretania" ist eine Koinmission der „American Hebrew Immigrant Aid Society" eingetroffen, «die sich nach Osteuropa zu begeben gedenkt, um die Verwandten der amerikanischen Juden, die sich im Osten befinden, ausfindig zu machen und sic nach Amerika herüberzunchmen. Tie Kominission gedenkt längere Zeit in Europa zu verweilen. Aeayptrn. * Kairo. Tie jüdische Gemeinde soll auf demokratischem Grundlage reorganisiert werden. Sämtliche Schriftstückedes Gemeindcbüros sind in hebräischer Sprache abzusassen. Palästina. London. Über Kairo hier eintreffcndc Rachrichlen aus Palästina melden, daß große Kundgebungen in Jerusalem und allen anderen hauptsächlichsten Städten Palästinas stattfanden, deren Ziveck cs war, gegen die zionistischen Pläne Stellung zu nehmen und die Vereinigung Palästinas mit einem unabhängigen Syrien zu fordern. Weiter lief die noch nicht bestätigte Rachricht ein, daß bei einer anderen großen Kundgebung in Jerujalern der Emir Faijul zum König von^Syrien ausgerufen worden sei. wobei Palästina in das neue Königreich einbegriffen würde. Jerusalem. Wie „vaarctz" berichtet, ist letzthin vom Verwalter der Abteilung des Stybelverlages in Amerika, I. T. Berkvwitz, ein Brief eingetroffen, ivonach der ganze Stybclverlag demnächst nach Jerusalem übertragen werden wird. Ter Stybel-Verlag ist ein überaus großzügiges Unternehmen jungen Tatums, das seine Tätigkeit aus Rußland nach Amerika verlegt Hai. Tie Übersiedlung des Verlages nach Palästina wäre für die Entwicklung der hebräischen Literatur von größter^ Bedeutung. Jerusalem. Vom!>.—12. Februar haue Jerusalem das seltene Schauspiel eines unaufhörlichen Schneefalls. Über ein Meter hoch lag der Schnee. Mehr als hundert Gebäude sind ganz oder -um Teil durch die Schwere des Schnees zerstört worden. Eisenbahn. Telegraph, Telephon, der ganze'Verkehr war eingestellt »nd die Lerne verließen ihre Häuser nicht, da sie an solche Kälte nicht gewöhnt sind. Die Krise lm Oskjuckcnkum. Tas Lstjudcnuim durchlebt jetzt eine i^rchlbare Krise) deren Folgen aus dieses selbst und deren Einilüsse auf die weitere Entwicklung des Gesaintjudeniums heule noch nicht zu ermessen sind. Ein historischer Prozeß von uligeheurer Tragweite vollzieht sich rwr uniern Auge», ein Prozeß, der eine vollkvmuwne Unnrälzung in dem Verhältnisse der einzelnen Teile des jüdischen Volkes.zueinander sowie nicht minder in deren innerem Lebe» zur Folge habe» kan». Tas russische Judenliiiu. in der Geschichte des Diaspora wohl das größte Judcnzenlruin der Welt, ivurde in Teile und Teilchen zersprengt, dieser große Volksorganismus wurde sozusagen in seine einzelnen. Glieder nusgeteilt, wodurch gewissermaßen auch sein geistiger Apparat, der bei aller Mannigfaltigkeit seiner Funktionen doch als abgeschlossenes Ganze anzujprcchen ivar. in seine verschiedenen Bestandteile aufgelöst wird. >Ter Auflösungsprozeß entwickelt sich rasch und fast unaushaltsam: das größte jüdische Zentrum, das die Geschichte kennt, zerfällt in Trümmer. Es ist eine furchtbare folgenjchw'ere Krise, die das Ostjudenlum heute durchlebt. i \ Man bedenke: statt des einen großen russischen Judentums von sechs Millionen Seelen haben wir jetzt eine ganze Reihe von größeren oder kleineren, durch Landesgrenzen und durch die Verschiedenheit der Jnteresien von einander gesonderten „Judentümern"; wir besitzen jetzt ein ukrainisches Judentum, ein polnisches Judentum, ein litauisches Judentum, ein baltisches Judentum, ein kaukasisches Juden-