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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-03-19 · 42 (19.3.1920) · p. Seite 134

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
42 (19.3.1920)
Date
1920-03-19
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 ge» und Wirtschaflszwänge auf uns nieperhagelten, nahm die Verwirrung der sinlichen Begriffe zu. die in Wirklichkeit nichts als eine Erschütterung des moralischen Instinktes war. Was früher erlaubt, war jetzt verboten, man wußie nicht mehr aus noch ein. und schließlich ergab inan sich einer Wurstigkeit und Gleichgiltigkeit in allen Punkten der Lebensführung, die jeder Beschreibung jpottct. Man int bcuie wirklich manclws aus Versehen, worüber inan frülier die Hände über dein Mopf zusoinniengcjchlagen hätte, ivenn's einem zugeinuick worden iväre. Salopp ist der sitiliche Häusl,alt geworden und bei manchen vcrfchlainpl. Recht trübe sind dabei die Bcobgchtungen. die man an der Schuljugend macht. Es sind doch dieselben Binder, die man frülier halte, liebe, gute und brave Minbet; und man sollte doch auch meinen, daß in unseren Mittelstandskrcisen die Grundsätze der Erziehung wie überhaupt die Begriffe sich nicht ivesemlich geändert haben. Und doch ivird jeder Lehrer mir beipflichten. lvcnn ich jage: Tiefe Jugend ist keine fugend mehr. Jugend darf, ja soll übermütig sein, darf, ja soll auch über die stränge schlagen: Eine saloppe fugend aber ist ein Widerspruch iir^sich selbst. Tieje Ju- > gend ist gar nicht bösartig, nein! sie ist nicht übermäßig frech oder aufsässig, keineswegs! sic ist lediglich — salopp! sie bat gute» Willen, aber kein ausgeprägtes Gewissen! sie tut io viel aus Versehen. Unachtsamkeit, Vergeßlichkeit. Lässigkeit, daß man ihr nicht böse sein kann, aber von jähem Schrecken befallen ivird, lvcnn man bedenkt, >vas daS bedeutet. Juden, klammert euch an eure Thora! seht in eurem Judentum nicht mehr lediglich eine Sache der Pietät. sondern ein festes Gesetz, eine Sache der Erziehung, mehr noch, der Zucht! Wie weise war der Gesetzgeber, daß er Opfer verlangte für Unvorjätzlichkeitcn, Ziegen und Lämmer. d. 1). erhebliche Strafen für Vergeßlichkeit! Ein Verbrechen weckt das allgemeine Gewissen und findet seine Sühne. Ein Versehen vergibt man. Und doch liegt ein Tropfen schleichenden Giftes in jeder Unvorsätzlichkeit und viele Usnvorsätzlichkeitcn verwischen die Prägungen der Pflicht und ergeben eine Nachlässigkeit der Lebensführung, die das Volk verdirbt. Kein Jude vergesse je. daß jeder Satz auf den Tafeln von Stein mit den Worten begann: ..Tu sollst —und „Tu sollst nicht —!"f Emil Cohn. Mocdenfcbau. Tatsachen und Ergebnisse. Deutschland. München. Am 7. März ist cs hicrjelbst zu judcnfcindlichen Kundgebungen gekommen, auf die das Publikum schon vorbereitet war. Tausendstimmiges 0-eschrci: „Nieder mit den Juden!" hallte zum ersten Male durch die Straßen Münchens. Tie Kundgebung richtete sich in erster Linie gegen den Zuzug der Ostjuden und den als julenfreundlich verschrieen mchrheitsjozialistisä-en Minister des Innern, Endres. Tie Demonstranten zogen, vaterländische Lieder singend, zur Feldhcrrnhallc, um da ihre Kundgebungen fortzusetzcn, die zunächst die von der Freitreppe der Feldherrnhalle mit fortgesetztem Beifall begleiteten judcnfeindlichen Ansprachen junger Leute verhältnismäßig ruhig anhörte. Aber als der eine mit den Worten schloß: „Nur cinS fehlt uns noch: Einigkeit und Gewalt", da kam Bewegung in die Masse. Man drängte gegen das Ministerium des Innern, wozu einer der Ncdncr die Temonstrantcn. nachdem er den Minister des Innern ■- als Strohpuppe bezeichnet Hane, ausgefordert hatte. Von der nahen Nesidcnzwache eilten Mannschaften und Polizei,vehr herlvi. die unter großem Ennüstungsgeschrci der Menge Maschinengewehre aufstelllen. Beim Minister war mittlerweile eine deutjchvölkische Abordnung erschienen mit der I . . Forderung: 1. Ausweisung der Ostjuden, 2. Ausweisung aller seit August 1918 zugczogenen Ausländer vorbehaltlich weiterer Verschärfungen. Ferner, wenn cs sich als wahr erweise, daß Juden Einkäufe bei Schweinefleischlieferanten gemacht hätten, dann Entziehung der eventuellen Mehl- und Zuckerzulagen und deren Zuweisung an die Krankenhäuser. Ter Minister. versprach, die Forderungen dem Ministerrat vorzulegcit und für deren Turchführung zu sorgen. München. Bei den Münchener antisemitischen Temonstrationen vor dem Ministerium des Innern haben sich Reichewehrsoldaten in Uniform als Zettelträgcr betätigt, und der Pasiauer Theaterskandal gelegentlich der Aufführung des Lebensbildes Kurt Eisüers ist von dem Reichsivehroffizicr Hauptmann Hundinger und Leutnant Brand planmäßig dirigiert worden. Obivohl es sich um eine geschlosicne Vorstellung für die Freie Gewerkschaft handelte, waren Reichswehrsoldaten ulrd Studenten über Parkett und Ränge verteilt. Tie Soldaten begnügten sich nicht mit antisemitischen Hetzrufen, sondern warfen Reizgasbomben auf die Bühne und gingen mit Schlagringen und Bajonett, die Offiziere mit Reitpeitschen und Knüppeln (!) gegen die Theaterbesucher vor. Wie der Ensembleleiter erklärt, ließ er den Vorhang erst herab, als von der (Valerie geschosien wurde. Ter sozialistische Gewerkschaftssekretär, der einen der beteiligten Soldaten feststellen lasten wollte, wurde von anderen ReichSwehrsoldatcn verhaftet und nachts in der Zelle von Leutnant Brand und einigen anderen Mitgliedern der Reichswehr init eisernen Schlaringcn furchtbar zugerichtet. Ebenso erging es weiteren Inhaftierten. Die rohen Patrone ließen den Bewußtlosen hilflos in seinem Blute liegen. Hervorzuheben ist. daß viele Angehörige der Pasiauer Reichswehrabteilung die Ausschreitungen ihrer Kameraden in einer Zuschrift scharf verurteilen und unverzügliche Entlastung fordern. Gegen die Münchener Krawalle hat der Münchener Stadtrat in seiner Sitzung entrüstet Stellung genommen und gleichzeitig mit dem Vorstand der Münchener Kultusgemeinde die hetzerische Verleumdung widerlegt, daß den Juden mehr und besseres Mehl zugewicjen sei als ihren Mitbürgern. Frankfurt a. M. Wie aus Baden-Baden unter dem 8. März gemeldet wird, kam es gestern zu einein bedauerlichen Vorfall, der als Folge antisemitischer Hetzereien anzusehen ist. Es fand eine Versammlung statt, in der scharfe antisemitische Ausfälle vorkamen. Unmittelbar nach der Versammlung schoß ein Student, der derselben beigewohnt hatte, den Studenten Cahn, den Sohn eines bckann- > ten Bankiers, auf^der Straße nieder. Ter junge Mann war sofort tot. Hjolew "Warschau. In Turchführung der Registrierung der „Fremden", von welchen einige zehntausend Juden betroffen lverden, werden jetzt in Warschau von der Administrativbehörde an die „Fremden", welche bereits registriert wurden, „Aufenthaltskarten" auSgcgebcn, durch ivelche ihnen die Erlaubnis erteilt wird, sich bis zum l. Juli 1920 in Warschau aufzuhalten. Tie Karren enthalten auch die Bestimmung, daß nach 8 ."> der Verordnung des Ministe- riums dcS Innern vom 18. November 1919 die Fremden ihr Aufenthaltsgebiet nur mü besonderer Bewilligung der Behörden verlosten dürfen. Tie Übertretung der Vorschrift wird streng bestraft. Diejenigen, welche eine „Aufenthaltskarte'i erhalten, müssen ihren Paß abliefern. Interessant ist die Tatsache, daß sich auf den Aufenthaltskärten derjenigen, die im Bezirk Grodnv und umliegender Bezirke geboren sind, der Zusatz „russischer Jude" befindet. Lemberg. Tie Lembcrger Handelskammer beschloß, an die Regierung das Ersuckien zu richten, in Galizien die Einführung der Sonntagsruhe um eist halbes Jahr zu verschieben. Warschau. Ter Landmarschall in Warschau überwies eine von den vrthpdoren Organisationen und 301 Rabbi«-

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