Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 41 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Burg ausgestellt worben ist. Danach meldeten stch im Mo. nal Januar 152 Arbeiter, von denen nicht weniger als 132 au- Polen gekommen waren. Neben 26 Handelsangestell» ten. Schülern und Studenten waren darunter 23 Fabrikarbeiter, 11 Schlosser, Schmiede und Klempner, 19 Textilarbeiter, 18 Schneider, Schuh- und Schäftemacher. 13 Metzger und Bäcker usw. Diese Berufsstatistik beweist, daß dar Gerede von den „ostjüdischen Schiebern" in seiner Allgemeinheit «ine grobe Verleumdung ist. Noch mehr beweist das die Statistik der in ihrem Beruf untergebrachten Ostjuden. Bon den genannten 152 Arbeitern konnte das Arbeitsamt Duisburg im Ganzen 88 Arbeit verschaffen, außerdem 61 früher Gemeldeten, im ganzen 149 in einem Monat. Unter diesen befanden sich nicht weniger als 53 Hilfs-, Platz- und Erdarbeiter» die bei bedeutendsten Jndustriefirmen untergebracht wurden (z. B. bei Gebr. Kiefer, Nordd. Holzhandelsges. Raider u. Burkart, Matthes u. Weber, Thermosbau, A.-G., Hütte Vulkan. Rheinische Stahlwerke usw.). Leider ist die Tätigkeit der Arbeitsämter bei den jüdischen Gemeinden noch viel zu wenig bekannt. Es werden immer noch große Summen ausgegeben, um durchwandernden Ostjuden die Weiterreise zu ermöglichen. Viel richtiger wäre cs, wenn alle Gemeinden in Deutschland regelmäßige Subventionen den Arbeitsämtern zuwiesen. Im -Bereich des Arbeitsamtes Duisburg ist dies bereits erkannt worden. Dort unterstützen folgende Gemeinden das Arbeitsamt: Bielefeld, Bochum, Barmen, Burg-Steinfurth, Bocholt, Dinslaken, Duisburg, Elberfeld, Esten, Emmerich, Hattingen, Hamborn, Herford, Herne, Kamen, Lünen, Mülheim (Ruhr), Ruhrort, Rheine, Soest, Unna, Wanne, Witten, Marburg, Wattenscheid, Steele. Schmallenberg, Hamm. Wesel. Es ist unbedingt notwendig, daß alle deutschen Gemeinden den genannten folgen. Nur so wird es möglich sein, ein Netz von jüdischen Arbeitsämtern über ganz Deutschland zu verbreiten und damit die einzig wirksame sozialpolitische Maßnahme zu treffen, um nicht nur den Ostjudcn zu helfen, sondern auch der deutschen Volkswirtschaft eine Anzahl der jetzt so dringend benötigten produktiven Kräfte zuzuführen. _ lUdCrcbe Cckbter. \ Von Samuel Gordon. Bericht. Übertragung aus dem Engl von M. Pulvrrmann. (Fortsetzung.) 4. Salka beobachtete ihre Schwester. Die Kranke aber schlief ruhig, und Salka benutzte diese Gelegenheit, um für ein Stündchen das Krankenzimmer zu verlosten, und da sie nicht auf die Mutter aufzupasten brauchte, so beobachtete sie ihre Schwester. Es war ihr dieses zur Gewohnheit geworden, und dadurch hatte sie auch die Fähigkeit erlangt, durch den äußeren Zustand sich auch ein klares Bild von der Beschaffenheit der inneren Seelcnstimmung machen zu können. Der eigenartige Gesichtsausdruck Zillahs hielt bereits den ganzen Tag an, dennoch aber wußte Salka nicht, zu welcher Klaste sie diesen zählen sollte. Sie versuchte daher, denselben zu erraten, „Du scheinst wohl jepiand zu erwarten", fing sie endlich an; „seit du gestern von deinem Spaziergänge zurückgekommen bist, hat es ganz diesen Anschein gewonnen." „Wen sollte ich denn erwarten?" war Zillahs ruhige Gegenfrage »indem sie ihre Schwester dabei, fest ansah. Sie wußte, daß sie es bei der herrschenden Dämmerung ruhig wagen konnte. „Du hast auch den ganzen Tag nichts gemessen", fuhr Salka ernst fort. „Willst du dich auch noch krank machen »md das ganze Haus zu einem Hospital verwandeln?" ,,D<» Vit ich eben nicht. «r0 darum zwinge ich mich nicht züm Esten, wenn mein Appetit den Faulen spielt." *$>u gibst also zu, nicht gegestrn zu haben?" sagte Salka schnell, „dann glaube ich auch, daß mein Verdacht gerechtfertigt ist." „Welcher Verdacht?" Zillah richtete sich auf. „Daß du voller Erwartung bist, deinen zukünftigen Gatten kennen zu lernen; dawäre allerdings ein triftiger Grund, den Appetit zu schwächen." Zillah antwortete nicht sogleich; sie mußte sich erst ein wenig erholen. Salka faßte ihr Schweigen anders auf. ,7Jch wußte es ja im Voraus", sprach sie; „es bedurfte nur ein wenig Zeit, damit du dich mit diesem Gedanken versöhnst und vertraut machst. Gestern las ich in deinen Augen nur Angst, heute hingegen ist es Ungeduld." „Und morgen wird es weder das eine noch das andere sein, du kleine Spionin; du wirst keine Ursache mehr haben, herumzuspähen und falschst Schlüste zu ziehen. Soll ich dir die Wahrheit sagen? Dieser mein sein sollender Gatte hat mich noch keinen einzigen Gedankim gekostet. Nach dieser Seite habe ich meinen Entschluß bereits gefaßt." „Ohne erst darüber nachzudenken?" „Ohne nachzudenken. Ich habe die Absicht, mir erst die Ware anzusehen und dann erst die Preisverzeichnung daran zu hängen." „Zillah, sprich nicht so geringschätzig; bedenke doch, daß du mit dieser „Ware" vielleicht dein ganzes Leben wirst verbringen müssen." „Vielleicht — vielleicht aber auch nicht." Sie schlug ihre Hände um den Hinterkopf und lehnte sich im Stuhle zurück. Nach einem längeren Schweigen fing Salka etwas beunruhigt wieder an: «Zillah, an was denkst du?" „Wenn du mir versprichst, dich nicht zu ängstigen, will ich es dir anvcrtrauen." „Ist es denn gar so schrecklich?" -,v „Es kommt darauf an, wie du eS aufnimmst. Salka, ich möchte von der ganzen Sache abstehen und sie ganz und gar aufgeben." „Von welcher Sache willst du abstehen? Was willst du aufgeben?" * „Das schleppende, ermüdende, langweilige Einerlei, diese uferlose Einsamkeit, diesen Tod während des Lebens." „Zillah!" „Ich weiß, was du damit sagen willst; ich weiß auch, daß es die schwerste Sünde ist. so vom Elternhaus zu sprechen — von dem Paradiese, welches es eigentlich sein müßte. Allein mancher fühlt sich auch im Paradiese unzufrieden; wir wissen es ja von Adam und Eva, und ich bin doch nicht einmal so nahe dem Himmel geboren, wie diese es waren." „Hat dein Blick von vorhin dieses bedeuten sollen?" „Dieses und nocb viel anderes. Ich will dir aber nicht sagen, was noch mehr — denn ich höre doch schon jetzt deine Zähne vor Angst zusammenschlagen. Eigentlich hätte ich dir nichts sagen sollen. Aber ich konnte cs nicht mehr zurückhalten — diesmal nicht." Salka seufzte hörbar; dann sprach sie zitternd: „Wenn ich schon soviel weiß, kannst du mir auch schon getrost das Übrige mitteilen. Sage mir wenigstens, was du tun willst." „In die weite Welt gehen." „Wozu?" „Eine Krone zu tragen." „Eine Krone zu tragen? Das kannst du doch auch hier tun", sprach Salka naiv; „die Mutter hat ja eine wunderschöne Krone, du tvcist doch, mit. den sieben Steinen, die so herrlich glitzern und funkeln: grün, rot. blau und gelb. Und dann hat sie ja auch noch die goldene Kette — so dick wie mein kleiner Finger, die sie zweimal um den Hals schlinaen kann, und die doch noch so lang herunterhängt. Die Mutter erlaubt es dir ganz gewiß, sie einmal zu tragen, wenn du sie darum bittest. Soll ich sie darum ftagen?"