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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-03-05 · 40 (5.3.1920) · p. Seite 112

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
40 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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— 112 — Dieser schien es gar nicht zu wissen, daß er ihr seiner Aufdringlichkeit wegen doch mindestens eine Erklärung hätte geben müssen, denn er sprach ganz ruhig: > ..In dieser Nußschale von einer Stadt hat man nicht einntal Platz, allein zu sein. Ich bin erst einen Tag hier und tvrschmachte bereits aus Mangel an frischer Lust, und darum unternahm ich einen scharfen Spazierritt." „Ter Weg dort weiter unten ist sehr gut zum Reiten", sprach sie. trotz ihrer früheren Absicht, ein tvenig mehr entkommend zu sein. „So schnell lverden Sie inich nicht los", lachte er ohne Empfindlichkeit. „Der Weg dort tveiter unten wird sogar noch viel bcsier werden, wenn er noch ein bißchen wartet. Ich kann auch seine Bekanntschaft ein anderes Mal machen, da ich wahrscheinlich längere Zeit hier bleibe." „Wenn Sie nicht aus Mangel an Luft schon etwas früher sterben sollten." scherzte sie unbefangen. „So schlimm ist es nun gerade nicht", erwiderte er in der gleichen Tonart: „ich hatte natürlich nur die moraliscise Atmosphäre im Sinne. Aber allem Anscheine nach wird es auch damit besier norden. Übrigens haben auch kleine Städte ihren Vorzug; man Hab gar keine Gelegenheit. sein Geld auszugcbcn — höchstens in Flundern." Sie überhörte die letzte Anspielung. „Das Geld wohl nicht, doch die Zeit kann man hier verschivenden", sagte sie trüber. Was sie noch hinzufügen wollte, war: „Und die Jugend. „Zeit. Zeit," rief er mit verächtlicher Handbewegung; ..was ist die Zeit für einen Menschen in den zwanziger Jahren? Man fühlt sich gleichsam, als könnte man sie haufeniveije ivegN'erfcn. Man kann anfangen, etwas geiziger damit nmzugehen, wenn man mindestens noch einmal so alt und der Vorrat etwas knapp wird; einstweilen noch nicht." Sie gab ihm keine Antwort. Sollte sie ihm sagen, daß sie auf jeden Tag, jede Stunde eifersüchtig Ivar, die so verging und sie da zurückließ. wo sie jetzt lvar?" „Warum sehen Sie denn so traurig aus? Sie sind doch noch nicht so alt?" begann er wieder, halb scherzend, halb im Ernst. „Eigentlich noch nicht sehr, aber selbst tvenn cs so wäre, würde es bei mir keinen Unterschied machen", wich sie seiner Frage aus. „Sic sehen aber dennoch so traurig aus." behauptete er tveiter. um sich EKlegcnheit zu verschaffen, ihr länger ins (Besicht zu sehen; „ich habe cs schon gestern bemerkt, und als ich Sie gestern verließ, )mr eS mir, als wären Sie keine Fremde für mich, als hätte ich Sie schon seit Jahren gekannt." „Ich erstehe Sic nicht." „Ich habe mich zuerst selbst nicht verstanden; die Erklärung kam mir erst später. Es kam daher, tveil ich so vielen Ihrer Schn>cstern — Ihrer Glaubcnsschtvestern. meine ich — begegnet bin. Ich habe sic in allen Hauptstädten der Welt angetroffen, in Petersburg und Berlin, in Paris und London, und alle waren sie so wunderschön und alle waren sic so traurig — trotz ihrer Diamanten und Kronen. Und Ihr Anblick hat inich an alle diese wieder erinnert, denn auch Sie haben die Schönheit und Traurigkeit Ihres Stammes ererbt — wohl von den Stammüttern, die klagend an den Strömen Babylons gesesien." „Und ich gleickw jenen Frauen, fragen Sie?" „Ja. nur daß Sie alle jene nach beiden Richtungen hin übertreffen. Ich bin neugierig, wie Sie in Diamanten aussehen würden?" „Es ist sehr freundlich von Ihnen, über etwas Neugierde zu cinpfinden, >vas meine Person betrifft", sagte Zillah leichthin, um überhaupt etwas zu, sagen; dabei aber hatte sie die Empfindung, als hätte sic ihm gestattet, ihr auf dem r>erbotencn Wege einen Zoll näher zu rü<kn. Schweigend schritten sic UKiter. Zillahs Herz hämmerte. Die Ztveifel begannen sich wieder zu regen; zugleich aber auch das rätselhafte Frohlocken, dem Ziele ihrer namenlosen Sehnsucht näher gerückt zu sein. Es war gewiß nur durch das Erwähnen ihrer schönen Stammes^ schwestern in Kronen und Diamanten. Und das hat der Mann an ihrer Seite bewirkt; er hat also die Wunderwett ihrem Gesichtskreise näher gebracht; und eS waren auch keine Schatten mehr, sondern greifbare, erreichbare Wirklichkeit; er hatte sie ja gesehen, war ihnen mche gewesen. ES war ihr. als sähe sie bereits den Prunk und den Glanz vor sich, von Pracht und Hoheit umgeben. Sie war also nicht vergebens zu dem Waldorakel gekommen; es hatte ihr die begehrte Auskunft gegeben, und sie sträubte sich nicht mehr so heftig gegen den Überbringer derselben. Tiefatmend blieb sie stehen. „Ich bin zu weit gegangen — ich muß umkehven". sprach sie. „Ich auch", sprach er schnell. „Bitte, nein," sie erhoo ihre Augen zu ihm — sie wußte ganz genau, wo die Macht ihrer Beredtsamkeit lag. „Setzen Sie Ihren Spazierritt nur fort; es wäre mir peinlich, zu denken, daß ich Sic davon abgehalten hätte." „Wie Sic befehlen", sprach er enttäuscht. „Nebenbei bemerkt, ich habe ja meine Schuld noch immer nicht beglichen." Sie zögerte einen Augenblick; die Antwort schwebte ihr wohl bereits fertig auf der Zunge; allein sie aussprechen hieße mit dem Feuer spielen. Schließlich ist es aber doch manchmal eine angenehme Beschäftigung — wenn man kalt ist in Seele und Körper —. Sie wurde daherein »venig übermütig. „Ich erledige keine Geschäfte außerhalb des Ladens;" sie hatte cs wirklich gesprochen. Sie war schon fast aus scinein Gesichtskreise verschwunden. che er den richtigen Sinn ihrer Worte erfaßt hatte; dann aber verklärte ein frohes Lächeln seine Züge; federleicht schwang er sich in den Sattel, um im.gestreckten Galopp davonzusprengen. Ja. sie hatte recht — „der Weg dort tveiter guten" war sehr gut und machte Herz und Seele ftoh. ^Fortsetzung folgt.) Kon Ktltz und Tal. Andernach. Nachdem lvährend der Kriegsjahre und den Zeiten der ümtvälzung unser Gemeindeleben etwas tuhig war, setzte in dicscin Winter eine sehr rege Teilnahme der Gemeindemitglieder sowohl für Gemeindefragen wie auch allgemeine jüdische Angelegenheiten ein. Unsere den religiösen Mittelpunkt der Gemeinde bildende „Männcr- Ehewroh" wurde neu organisiert und tagt augenblicklich unter Führung der Herren Julius Gottschalk, Leo Robert, I>r. Alfred VeiS, Jakob Weber und Adolf Mat)er alle 14 Tage. Für die Ehewroh und die Gesamtgemeinde steht augenblicklich die Frage eines Synagogenneubaues im Mittelpunkt des JnteresieS. Der Betsaal, den die Gemeinde bis jetzt in Benutzung hat, entspricht in keiner Weise mehr den heutigen AnsprückM und wird hoffentlich in kürzester Frist ein neues GotteShauS für unsere Gemeinde vollendet lverden. — In den letzten Wochen ist unter Leitung unseres dem Bezirksvorstand der jüdischen Jugendvereine Westdeutschlands angehörenden Religionslehrers Dr. Veis ein neuer „Jüdisck)cr Jugendverein Andernach" gegründet worden, der bei einer Mitgliederzahl von 65 Personen beiderlei Geschlechts ein wichttder Faktor in unserem religiösen und gesellschaftlichen Gemeindeleben zu werden verspricht. — Am Samstag den 21. Febr. wurde hier nach einigen vorbereitenden Verhandlungen durch den 1. Vor- Öen unserer Gemeinde, Herrn Julius Gottschalk, auf g der Gemeindemitglieder eine „Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger' jüdischen Glaubens" gegründet und für dieselbe ein Vorstand, bestehend aus den Herren Julius Gottschalk, Siegmund Kuhn, Or. Alfred Veis, Ludwig Weber und Heinr. Llpsky gewählt. Die Ortsgruppe soll ihre Werbearbeit auch auf dst unserem Religionslehrer Dr. Veis unterstehenden Filialgemeinden der Kreise Mat)en un dAhnveiler ausdehnen, damit auch in den kleinen und kleinsten Landgemeinden der Gedanke des Kampfes gegen den Antisemitismus Platz greifen kan«

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