Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 39 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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T- . jwa'. . -iWMDWWWMWWWWWWW - 100 - London. Stuft der Feder von Lucien Dolf ist nuninehr der offizielle Schlußbericht über di« Tätigkeit der jüdisch-britischen Telegation beim Friedenskongreß erschienen. Der Bericht zeigt, daß die Delegation tatsächlich fast alle ihre Formulierungen hinsichtlich der Minoritätsrechte der Juden in Polen, Rumänien. Tschecho-Slowakei, Jugoslawien durchsetzen konnte, und daß die Texte der betreffenden Friedensverträge nahezu wörtlich den gestellten Anträgen entsprechen. Das setzt natürlich auch ein hohes Maß von Verantwortung für die praktische Ausführung dieser vertragsmäßigen Versprechungen voraus, und es ist anzunehmen. daß die englische Judenheit sich dieser Verantwortung bewußt sein wird. v Palästina. Jerusalem. Die Statuten der Jerusalemer Gemeinde sind nunmehr von den Behörden legalisiert worden. Die Gemeinde hat das Recht bekommen, religiös«, philanthropische, soziale und kulturelle Institutionen zu gründen und zu unterhalten. Sie ist durch ihren Präsidenten im Jerusalemer Stadtrat vertreten. Zeugnisse der jüdischen Gemeindeschulen sind wie Zeugnisie von Stoatsschulcn anzusehen. Diejenigen Juden, die am Sabbath nicht arbeiten, sind nicht gezwungen, den Sonntag oder andere Feiertage zu halten. Die religiöse Autorität der Rabbiner bleibt in allen religiösen Slngelegenheiten, sotvie in den Fragen der Eheschließung und der Ehescheidung erhalten. Die Gemeinde ist berechtigt. Steuern zu erheben und ihre Bücher in hebräischer oder spaniolischer Sprache zu führen. Die Schulen der Gemeinde und ihre Philanthropischen Jnsti» tutionen siird nicht abgabepflichtig. Der Staat zahlt der Gemeinde für ihre kulturellen, philanthropischen und sozialen Institutionen einen Beittag. Es ist zu hoffen, daß die Durchführung dieser freiheitlichen Verfassung für Jerusalem der Beginn eines großen Slufschwungs sein wird. Haifa. Obwohl alle Mitglieder der Haifaer Handelskammer, Juden. Christen und Mohammedaner, einer Neuwahl des Komitees auf der Grundlage des Proportionalwahlrcchts zugestimmt hatten, haben cs die Nichtjuden abgelehnt. sich dem Wahlergebnis zu fügen. Das Ergebnis war nämlich 64 Juden» 44 Christen. 66 Mohammedaner. Die Behörden find im'Jnteresie des Friedens dagegen, daß die Juden von ihren vollen durch die Wahl erhaltenen Rechten Gebrauch maäM. Jerusalem. Slm Chamischah assar b'schwat, dem Neujahrsfest der Bäuine, fand ein großes Fest statt. In Mozah, nahe der Herzl-Zypresic. wurden zahlreiche neue-Bäume gepflanzt. 6000 Jerusalemer Kinder pflanzten an diesem Tage 500 Bäume. Den Festlichkeiten wohnten Herbert Samuel und Ussischkin, von den britischen Behörden General Bols und Oberst Storres bei. ' Jüdisches Kunstardiio. Bon tkrich Toeplitz. Im Vergleich zu anderen bevorzugten Gebieten der jüdischen Kultur ist das der bildenden Kunst bisher noch nicht genügend beachtet worden, deshalb sind ihre Formen heute noch in tvciten Kreisen unbekannt, und ist ihre Tradition nahezu verschollen. Erzeugnisse der bildenden Kunst des Judentums finden sich, sotveit inan es bereits übersehen kann, in der Baukunst, dem Kunstgewerbe, der Friedhofskunst. dem Buchschmuck, sotvie der Schreibkunst, und diese Arbeiten zeigen stets eigenartige Lösungen, »venn die äußeren Umstände eine künstlerische Betätigung überhaupt zuließen. Die Denkmäler derselben drohen jedoch wehr und mehr zu verschwinden, dg ein ausreichender Schutz infolge der dauernden Wanderbeivegungen der Juden und ihrer politisch ungeklärten Lage in einigen Ländern kaum durchführbar scheint, zuinal iveder eine geeignete Rechtshandbabe dazu, noch genügend Mittel zu diesen ungemein kostspieligen Unternehmen vorhanden sind. Ein großes, jüdisches Museum wird in absehbarer Zeit wegen der bedeutenden Unkosten ebenfalls nicht entstehen können, und die Nachwelt würde von der künstlerischen Betätigung der Juden keine Kenntnis erhalten. Es ist deshalb eine unbedingte Notwendigkeit. zumindest alle noch bestehenden jüdischen Kunstdenkmäler aufzunehmen und von denen, die bereits zerstört sind, die Abbildungen und literarische Notizen zu sammeln, die sich augenblicklich nur zerstreut in Akten, Büchern und Zeitungen befinden. Mit der Bearbeitung dieses Materials wäre eine Grundlage zur Erforschung der bildenden Kunst des Judentums und ihrer Geschichte geschaffen, jedoch fehlte bisher ein dazu geeignetes Institut, wie es andere kulturelle Gemeinschaften bereits im letzten Jahrzehnt begründet haben. Bei ihnen hat die tiefere Kenntnis künstlerischer Betätigung der Vergangenheit eine Wiedergeburt derselben nach ihrem vor etwa hundert Jahren beginnenden, allgemeinen Niedergang zur Folge gehabt. Sollte der bis vor einem Jahrhundert unberechtigte Vorwurf der Kunstfeindlichkeit. des Judentums nicht Geltung erlangen, so mußte der Erforschung seiner bildenden Künste eine Stätte werden, die ihr die Möglichkeit gibt, gestützt auf die Kenntnis des alten Geistes, neue Werke erstehen zu lassen. Von welchem Wert die Erforschung der jüdischen Kunstdenkmäler für die Wissenschaft des Judentums ist. braucht ncht erst erörtert zu norden, aber äuch für die allgemeine Kunstgeschichte würde die Kenntnis der jüdischen Kunst von großer Bedeutung sein. Beachten doch die heutigen Kunsthistoriker immer mehr den Einfluß des Ostens, besonders Kleinasiens auf die Kunst des Abendlandes und die Einwirkungen der internationalen Handelsbeziehungen, deren Träger die Juden infolge ihrer eigenartig politischen Lage bereits seit der historischen Zeit sind, auf die künstlerische Entwicklung überhaupt. Slus diesen Erwägungen heraus habe ich schon seit einigen Jahren begonnen, ein Inventar der jüdischen Kunstdenkmäler aller Länder und Zeiten und eine dazugehörige Vorbildersammlung zu schaffen, aus denen sich das „Jüdische Kunstarchiv" entwickelt hat. Von den nachstehenden Fachleuten sind meine Arbeiten gepnift und im Sinne der beiliegenden Richtpunkte für das „Jüdische Kunstarchiv" brauchbar gefunden und als zweckmäßig erachtet worden: Reg.-Baum. Baerwald, Berlin. — Geheimrüt Dr. Phil. Robeit Bruck, ord. Profesior für Kunstgeschichte an der technischen Hochschule Dresden, Leiter des sächsischen Denkmalarchivs. — Geheimrat Dr. phil., Dr. ing. h. c. Cornelius Gurlitt. Profesior für Baugeschichte und Städtebau an der technischen Hochschule Dresden. — Dr. phil. Paul Herrmann, Direktor < der sächsischen Skulpturensammlung im SIlbertinum, etatsm. Honorarprofesior für antike Kunstgeschichte an der technischen Hochschule Dresden. — Diplom- Ingenieur Hecker, Haifa. — Prof. Dr. Peter Thomsen, Dresden. — Prof. Dr. Winter, Rabbiner der isr. Kultusgemeinde Dresden. — Geheimrat Prof. Dr. phil., Dr. jur. Karl Woermann, Direktor a. D. der sächsischen Gemäldegalerie. Das „Jüdische Kunstarchiv" kann, natürlich nicht dauernd und nicht erfolgreich aus privaten Mitteln erhalten iverden, außerdem bedarf es des Jntercsies und der Mitarbeit des gesamten Judentums unh auch der nichtjüdischen Wissenschaftler, die sich mit Kunst- und Kulturgeschichte befasien. Darum wäre es erforderlich, daß die Vereine und Privatpersonen, die sich für die jüdische Kunst der Vergangen, heit und ihre Wiedergeburt interessieren, das „Jüdisch« Kunstarchit/' finanziell und ideell fördern. Neben der reichlichen Gewährung von Geldmitteln, ohne die die Wei- ' terführung der Arbeiten des I. K. unmöglich sein würde, ist es dringend erforderlich, diesem Jnstttut Abbildungen, Photographien, Postkarten, Bücher u nd a ndere Na chr i chte n ü ber j ü d i s che Ku n st, denkmäler aller Länder und Zeiten zu übersenden oder es mindestens von ihrem Vorhandensein in Kenntnis zu setzen, ganz gleich, ob sich dies« Dinge im Besitz der jüdischen Gemeinden, Bibliotheken, Vereine.