Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 38 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Berncastel. Am 1. Januar wurde hier ein Jüdischer Juaendbund der Mittelmosel ins Leben gerufen, der am 8. Februar unter zahlreicher Beteiligung seine, erste Hauptversammlung abgehalten hat. Daß die Neugründung einem wirklichen Bedürfnisse entgcgenkommt, beweisen die Einschreibungen der Mitglieder, deren Zahl sich schon-auf 60 beläuft. Ter Verein sucht Anschluß an den neutralen Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands und an die lvestdeutsche Bezirksgruppe desselben. Ten Vorstand bilden z. Zt. Lehrer Friedmann, Berncastel, 1. Vorsitzender, Frl. Paula Wendel-Rachtig, stellv. Vorsitzende, Frl. Herta Thal- Berncastel, Schriftführerin, Frl. Rosa Schömann-Lösnich, stellvertr. Schriftführerin, Artur Stmuß-Dusemond, Kassierer, Willi Baum-Berncastel und Moritz Leib-Niederemmel Beisitzer. Rachtig. Mit der Rückkehr der Herren Sali Grünhut und Gustav Marr aus amerikanischer bczw. französischer Gefangenschaft zu ihren Familien sind die Kriegsteilnehmer aus unserer Kultusgemeinde wieder alle glücklich zu Hause, j Außer einem Schwerverwundeten, der aber inzwischen wie- | der hergestellt ist, hat sie.weiter keine Verluste erlitten, ob-; wohl alle Kriegsteilnehmer als Kämpfer in der Front! landen. Durch Errichtung einer frommen Stiftung beab-; ichtigen die Zurückgekehrten ihrem Dank gegen Gott bleibenden Ausdruck zu geben. . Köln. Am 7. Februar haben sich 15 hiesige Chaluzim 1 zu einer Kölner Ortsgruppe des „Hcchaluz" zusammcngeschlosien. Köln. Im Jugendverein Gabriel Riesicr-Köln sprach > am 12. Februar Herr Rabbiner Dr. Eschelbachcr aus Düssel- , dorf — kein Unkfonnter in den Räumen des Vereins — > über das Thema Judentum und Sozialismus. In zweistündigem außerordentlich fesselndem Vortrage legte der - Redner dar. daß die modernen sozialistischen Gesetze und , Ideen nicht etwa neu sind, sondern bereits in stärkstem 1 Maße im alten Judentum vorhanden waren. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Dieser Grundgedanke des Judentums, er lehrt die Menschenliebe und damit die Freiheit. , Keine Sklaven soll es geben unter euch, nur mir seid ihr untertan, sprach Gott. Die jüdischen Arbeiter in Egypten, schwer unter der Knute des Pharao seufzend, lechzten nach Freiheit, und da kam Mose, nicht aus ihrer Mitte, nein, das Proletariat wählt sich seine Führer stets aus höheren Kreisen. Als vornehmer Egypter erzogen, zog es ihn zu seinen Stammesgenosien, um ihnen zu helfen und um sie aus der Knechtschaft zu erlösen. Wer über seine Zeit keine Verfügung hat. ist kein freier Mann, also schuf Gott den Sabbat, den Ruhetag nach sechs Arbeitstagen. Der Sabbat schützt den Menschen vor Arbeit und Beruf, d. h. er schützt ihn vor dein Vcrfachsimpcln in seiner Arbeit, er gibt ihm einen Tag Ruhe, an dein er seine Berufstätigkeit einstellt und seine Oiedanken andern Dingen widmet. Der Mensch hat also ztvei Seelen, eine Arbeitsseele und eine Sabbatseele: derselbe (Gedanke, der der Einführung der achtstündigen Arbeitszeit zugrunde liegt. iiiacf) Freiheit und Arbeitszeit kain der Referent auf Eigentum zu sprechen. Eigentum soll dem Menschen die Frucht seiner Arbeit sein, nicht wie der heutige Kapitalismus mühelos immer »veitere Kapitalien an sich zieht. Dagegen dehört der Grund und Boden allen. Als die Juden nach dem Auszug aus Egypten Kanaan eroberten, wurde das Land unter die Stämme erteilt und war unveräußerlich. Dennoch aus Not verkauftes Land fiel im 50. Jahre, dem sogen. Jubeljahre, wieder an den ursprünglichen Eigentümer zurück: also nur eine Verpachtung der Anzahl der Ernten. Damals wie heute: man denke nur an den Pachtvertrag von Kiautschou u. a. m. Der Redner zog dann aus dem Vergleich der neuen Zeit mit dey alten Gesetzen den Sä^uß: Diese Gesetze sind eben Naturgesetze, die bestehen' norden, solange die Menschheit besteht. Düsseldorf. Zur Verbreitung jüdischen Wisiens und zur Festigung der Beziehungen zwischen den Gcmeindemitgl jeder» hat die hiesige Synagogiengcmcindc regelmäßige. jüdisch-wissenschaftliche Vorträge eingerichtet, die in der Aula der Luisenschule stattfinden. Die erste Reihe von sechs Vorträgen hält Rabbiner Dr. Eschelbachcr über „Grundlegende Ideen des Judentums, ihren Ursprung und ihre gegenwärtige Wirksamkeit." Osnabrück. Auf Anregung der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens traten vor kurzem Vertreter der verschiedenen politischen Parteien und Konfessionen zusammen, um firn vom politischen Parteigetriebe und frei von jeder Leidenschaftlichkeit in sachlicher Aussprache zu dem Thema „Lstidentum und Antisemitismus" Stellung zu nehmen. Referent des Abends war Dr. Holländer, Syndikus des Zentralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (Berlin), der einleitend den gegenwärtigen großen Verunglimpfungen der Juden im Inland« die törichten Verlästerungen des deutschen Volkes im Auslande gegenüberstellte. Vlotho a. d. Weser. Hier feierte unter herzlicher Teilnahme aller Gemeindemitglieder und vieler christlicher Freunde Frau Berta Cutmann ihren 70. Geburtstag. Könner Nachrichten. Bonn. Die Verbindung jüdischer Studenten „Kadimah" veranstaltete anläßlich der Einweihung ihres Hauses einen Festkonvcnt, zu dem außer den Bertrctem des Kartellpräsidiums und der Kartcllkorporationen erschienen waren der Vorstand der Bonner Synagogengemeinde, der Vorstand des Rcpräsentantenkollegiums, ferner Herr Rabbiner Df. Cohn, die Vertreter der Rheinlandloge, des Literaturvercins, der zionistischen Ortsgruppe, der Chewroh, des Frauenvereins, des Jugendbundes; ferner ein Vertreter der zionistischen Vereinigung für Deutschland, der zionistisch-volkssozialistischen Partei „Hapoel Hazair", außerdem Vertreter des Herzlbundes und des Wanderbundes „Blauweiß". Der Erstchargicrte der Verbindung, Herr Cand. jur. Weiler, eröffnete den Festkonvent mit einer kurzen Begrüßungsansprache. Das Haus, sagte er, solle mehr sein, als eine Kneipe, es solle sein ein Jungbrunnen jüdischen Geistes, jüdischer Geselligkeit und jüdischen Wollens. Nach ihm ergriff das Wort zur Festrede Herr Rechtsanwalt Dr. Nathan-Köln. Er gedachte der gefallenen und verstorbenen Bundesbrüder, deren Andenken durch Erheben von den Plätzen geehrt wurde. Tann schilderte er kurz die innere Entwicklung, die das Kartell seit nunmehr 20 Jahren genommen hat. Danach ergriff Herr Rabbiner Dr. Cohn das Wort und übennittclte seine Glückwünsche. Trotz seines revisionistischzionistischen Standpunktes übersehe er doch'nie. die Gemeinsamkeit des Endziels. Herr Bankier David übermittelte die Grüße der Gemeinde, Herr Schuster beglückwünschte mit humorvollen Worten die Verbindung im Namen der Rheinlandloge zu ihrer „rechtlich gesicherten Heimstätte" in Bonn. Jm> Namen des Literaturvereins sprach Herr Sanitätsrat Dr. Lichtenstein. Alle Juden, so sagte er, müßten sich jetzt in den Zeiten der Not zusammenschließen. Wenn er auch nicht zur zionistischen Partei gehöre, so gebe er gerne zu, daß die Verdienste des Zionismus auch innerhalb der deutschen Judenheit ganz gewaltige seien. Anstelle von Herrn Justizrat Bodenheimer, der zurzeit wegen der Sitzung des Aktionskomitees in London weilt, übermittelt« Herr Georg Landauer die Grüße der zionistischen Vereinigung für Deutschland. Als Vertreter des Kartellpräsidiums sprach Herr Dr. Ostrowski, für den Altherrenbund der Bonner Verbindung Herr Rechtsanwalt Dr. Elkan. Herr Dr. Tiefenthal übermittelte die Grüße des Bezirksverbandes der K. I. V.er im Rheinland. . Herr Rechtsanwalt Dr. Gotilieb sprach für den Bezirksverband Westfalen. Herr Rechtsanwalt Dr. Gidion beglückwünschte die Verbindung im Namen der Kartellkorporationen.