Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 38 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Bote erzählt: Mische «Schier. Von Samuel Gordon. Prrkchligtr Übertragung au# dem Englischen von M. Pulverm^nn. sFortsepung.j „Welche Sprache redet ihr eigentlich hier?" stützte er lächelnd, und einen Blick auf das Buch werfend, das Zillah offen auf den Ladentisch gelegt, fuhr er in fliehendem Deutsch fort: „Ah, die herrliche Sprache Heinrich Heines! Ich denke, wir werden einander gut verstehen." Seine Stimme war klangreich, voll und melodisch — keine schnarrende, unfreundliche Stimme. „Was wünschen Sie?" fragte Zillah mit Selbstbeherrschung. Der junge Mann vergaß zu antworten; er war in ihre Augen vertieft. Bald aber kam er wieder zu sich und sprach lächelnd: „Ich bin behext; ich tveiß nicht, was mit mir ist; ich leide an einer unbezwinglichen Sehnsucht nach geräucherten Flundern, die Ihr Juden so gut zu bereiten versteht; wenn Ihr doch sonst nichts Schlimmeres tun inöchtet." Zillah stand wie eine Statue unbeweglich da. „Wie viele wünschen Sie?" stagte sie gleichgiltig wie vorhin. , „Einstweilen werden einige genügen." „Jankele, ein paar Flundern für den Herrn; packe sie aber ordentlich ein", sagte Zillah zu diesem. Im nächsten Augenblicke hatte sie wieder ihr Buch ergriffen und lehnte sich itn Stuhle zurück, als habe sie alles, andere bereits vergehen. Ein spöttisches Lächeln umspielte die Lippen des junges Offiziers, als er Jankeles plumpe Versuche sah. den erhaltenen Auftrag zustiedenstellend auszuführen; er konnte aber von da aus noch Zillahs feingeschnittenes Profil und ihre langen, seidenweichen Wimpern betrachten und sogar auch deren fein gekräuselte Endchen. Jankele muß doch nicht so ganz ungeschickt gewesen sein,.wie er vorhin dachte,' denn in einer wunderbar kurzen Zeit hatte er das Päckchen doch fertig gebracht. Der Käufer fragte: „Was habe ich dafür zu zahlen?" , „Zwanzig Kopeken, bitte", antwortete Zillah, ein Blatt im Buche umschlagend. Gemächlich zog der junge Mann seine Brieftasche hervor, der er einen Hundertruöelschein entnahm und auf den > Tisch legte. > Zillah sah ihn prüfend an. „Ich kann Ihnen nicht so viel, herausgeben", sprach Zillah. den Schein wieder hinlegend. „Dann kann ich wohl auch die Flundern nicht mitnehmen? Ich habe nämlich kein kleineres Geld bei mir", sprach er mit demselben Lächeln wie vorhin. „Bitte, nehmen Sie sie nur ruhig mit; Sie können das Geld herschicken." Er faßte dies nicht als eine Verabschiedung auf, sondern blieb stehen und trommelt« mit seinen Fingern auf dem Ladentisch hemm. „Das Buch muß sehr interesiant sein", sprach er weiter. i „Ja", erwiderte sie einsilbig. > „So interesiant, daß Sie dadurch ein hochbedeutsames Ereignis übersehen, wenigstens einen Fall, der bisher wohl einzigdasteht." s Zillah erhob ihren Kopf, doch nicht die Augen. „Sie wollen wisien, wieso? Nun, «in Offizier seiner kaiserlich-russischen Majestät kommt in den Laden eines Juden, Einkäufe zu machen, »vährend die Inhaberin da anwesend ist, und sie erlaubt es, daß er von einem Lehrling bedient wird, dessen Finger keineswewi über jeden Zweifel «haben find. Ich emchte diesen Umstand alS ganz besonders originell." Diesmal zwang er sie, anzusehen. „Wenn ein Offizier ferner kaiserlich-russischen Majestät". wiederholte sie seine Worte, „in einem jüdischen Laden etwas kauft.'ffo bekommt ct das, wofür er bezahlt; aber er kauft nicht damit auch zugleich die Besitzerin." „Sie ist wohl um keinen Preis zu haben", unterbrach er sie neckend. Ohne ihm zu antworten, sprach sie weit«: „Jankele, wasche dir die Hände und gib dem Herm zwei andere Flundern." ' „Bitte, bemühen Sie doch nicht erst den vortrefflichen Jankele". unterbrach er sie spöttisch. „Ich hatte übrigen» nie die Absicht gehabt, diese Fische zu verzehren, und sich«, lich haben wohl auch Sie die ganze Zeit über dieses schon gewußt. Ich kam übrigens nur her — können Sie mir sagen, wamm?" „Ja", erwiderte sie scharf, „um mein Volk, meinen Stamm mit Beleidigungen zy überschütten." „Aha, das hat gewirkt", bemerkte er mit kurzem Lachen. „Ich versichere Sie auf Ehrenwott, ich hatte nicht die Absicht, zu beleidigen. Es war nur ein klein« Versuch, um etwas zu entdecken." Weder durch Wott noch durch Miene stagte sie nach dem Sinn dieser Rede. „Sie scheinen wirklich gar nicht neugierig zu sein, was man sonst von den Angehörigen des weiblichen Geschlechtes, von Mutter Eva an gerechnet, durchaus nicht behaupten kann", fuhr er unbeirn weiter plaudernd fort; „aber ich bin fest überzeugt. Sie möchten es trotzdem ganz gern wisien. Ich wollte nämlich hevausfinden, ob das ruhige, unbewegliche Äußere, ivclches Sie mir gezeigt, auch irgendeine erregbare Empfindung beherbergt. Anfänglich wurde ich ganz irre; aber ich bin ganz froh, lange genug gewartet zu haben,, um für meine List belehrt zu tverden: ein Vulkan unter einem Eisberge ist eine selten schöne Erscheinung. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag." Lächelnd schritt er der Türe zu; doch dort angelangt tvendete er sich noch einmal um. „Wisien Sie, tvelchen Lebensberuf ich Ihnen Vorschlägen möchte? Mackfen Sie eine Rundreise durch die griechisch-katholischen Dörfer und lassen Sie sich als Madonna anstaunen. Schon Ihre Augen ivürden Ihne» viele x Gläubige zuführen." Fünf Minuten, nachdem er den Laden verlasien .blickte Zillah zufällig auf Jankele. der ttaurig und niedergeschlagen dastand. „Was ist denn mit dir los? Fehlt dir uns?" fragte sie ihn. „Zch iveiß es selbst nicht", stotterte er; „doch wenn ich wie Sie wäre, würde ich doch ettvas mehr — mehr freundlich zu diesem Herrn sein. Wisien Sic. iver er war? Der neue Polizei-Kommissar." „Und was weiter?" lächelte sie. ■ > „Er könnte Ihnen die Konzession abnehinen? „Und dann?" „Tann hätte ich keine Stelle mehr und müßte wieder nach Hause gehen, um wieder mit den anderen Geschtvistenr gemeinschaftlich zu hungern." lFortsktzung folgt.! Uon Krry und Tal. Münster i. W. Der Inseratenteil dieser Numnier enthält eine Anzeige der Marks-Haindorssck)en Stiftung hiersclbst, auf die wir unsere Leser besonders aufmerksam machen. Berncastel. Der seitherige Synagogenverein zu Berncastel hat sich unter Zugrundelegung neuer Satzungen unter dem Namen „Israelitische NeligionSgemeinde zu Berncastel-Cues" neu gebildet und ist als fo!d>e in das Vereinsregistcr eingetragen worden. Der Vorstand besteht, aus den ferren Bernhard Hönigsbcrg, Salomon Thal uno Moritz hal.