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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-02-20 · 38 (20.2.1920) · p. Seite 86

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
38 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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- 86 fast endgilligrr Verzicht, sie wieder zu steigern, mindestens aber ein Zugeständnis, sicher vor allem ein Rückzug und kein strategijck-er. Allzu straff gespannt zerspringt der Bogen. wird man einlvenden. Aber nur ein wenig nachge» lasien, fällt der Pfeil vor dem Ziele nieder. Jeder gut gebaute Bogen aber hält mehr aus. als der Alltatz ihn spannen läßt. To äußerlich aber die Steuerpolitik einer Gemeinde erscheinen mag. ist sie doch eine gewaltig innerliche Saclw, n>eil all diese Verzichte nur Verzichte auf Opfer und Hingabe sind, und das ist das zweite, was man wisien muß: Ohne Opfer kann eine Religion überhaupt nicht erhalten werden, darum ist die Pflege der Opferfreudigkeit die Hauplaufgabe jeder Gemeinde. Das heißt den Hausbau nicht pom Dach, sondern vom Grunde aus beginnen. Denn die Opferfreudigen, die Hingabefähigen, d. h. diejenigen, die das Herz treibt, das sind die, die auch ihrerseits das Rad des ÖKschehens treiben, sind in mehr als einem Sinne die Gebenden: Sie sind das Leben selbst _ Emil Cohn. Soeben Icbau. v Tatsachen und Ergebnisse. Deutschland. Berlin. In einer eindrucksvollen Kundgebung gegen das Ausliefrungsbegehren gestaltete sich eine stark besuchte Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Orasgruppe Berlin Westen, in welcher Herr Rabbiner Dr. Lange (Esten) sprach. Der Vorsitzende, Rechtsanivalt Dr. Alexander I., gab der Empörung die alle Deutscl>cn untcrschiedlos ergriffen habe, über das Auslieferungsvcrlangen Ausdruck und betonte, daß sich sicherlich kein Deutscher, u>elchen Glaubens 'oder Stammes er auch sei, jemals bereit finden werde, deutsche Volksgenostcn an fremde Mächte zur Aburteilung auszuliefern. .Karlsruhe. Tie Studentenschaft der Technischen Hochschule Karlsruhe hatte, wie bereits gemeldet, gegen die Berufuifg des Direktors Dr. Max Meiner (Berlin) auf den chemiich-technologischen Lehrstuhl der Hochschule Karlsruhe wegen dessen jüdischer Abstammung Stellung genommen. Diese Stellungnahme der Studentenschaft wurde von dem Ministerium des Kultus und Unterrichts als ein unberechtigter Eingriff in das Vorschlagsrecht der Fakultät und des Senats und in das Berufungsrecht des Ministeriums auf >as schärfste verurteilt und in der Folge das chemische Jntitut als Maßregel gegen das Vorgehen der Studentenchaft gcschlostcn. Run ist in der Angelegenheit zwischen Rektor und Senat und der Studentenschaft.eine Einigung zustande gekommen. Tie Studentenschaft gab eine Erklärung ab. durch tvelche die beiderseitigen Mißverständnisse beseitigt ivorden sind. Tie Erklärung besagt, daß die Studentenschaft keine Teilnahme am Berufungsrecht will und daß sie den Schritt, der entgegen ihrer Absicht ein Eingriff^/ in das Berusungsrecht war. bedauert. Rektor und Senat haben dagegen die verfügte Maßregel aufgehoben. Inzwischen hat Direktor Dr. Äever den Ruf an die Technische Hochschule Karlsruhe, unabhängig von der Stellungnahme der Tludentcnschaft, ganz aus persönlichen Gründen abgelehnt. Bcilin. Dft Hauptversammlung des Verbandes der Deuijcheu Fudcn. die am 30. November v. I. hatte stattsiiiden jollttt. aber wegen der Berkehrsschwierigkeiten verlegt tverden mußte, soll nach dem inmmehrigcn Beschluß des Gesamtausschusses des Verbandes am 2. Mai d. I. stattfinden. X Hamburg. Hier sind, hetzerische Flugblätter des antiscmitischen Schutz- und Trutzbundes verteilt worden, die den Genehmigu»gsr»eriiierk des Garnisonältesten tragen. Der Vorstand der Deutschen demokratischen Partei in Hamburg hat sich deshalb mit einem Einspruch an den ReichsN'ehrminister tzewandt. , Leipzig. Henriette Goldschmidt, die Vetemnin der deutschen Frauenbewegung, zu der die gesamte deutsche, insbesondere die jüdische Frauenwelt mit freudigem Stolze seit länger als einem halben Jahrhundert in Liebe, Verehrung und Bewunderung aufgeblickt hat, ist am 30. Ja- ' nuar in Leipzig, der Stätte ihres segensreichen Lebens und Wirkens, im 95. Lebensjahre gestorben. ^Polcu^ Warschau. Anläßlich der sich in letzter Zeit wieder häufenden üeberfälle auf jüdische Bahnreisende wandte sich der Klub der jüdischen Abgeordneten an die Regi erung mit der Bitte, energische Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Pastagiere zu treffen. In seiner Antwort erklärte der Kriegsminister, daß sich das Ministerium an das polnische Militärkommando gewandt habe, damit dieses entsprechende Verordnungen erlasse, die die Wiederholung solcher Vorfälle. wie sic der Jüdische Klub mügeteilt habe, in Zukunft unmöglich machen. Posen. Der Vizeininister für das ehemalige Deutsch- Polen erklärte einer Delegation des JüdisclM Volksrates, daß die Prozcntnorm auf der Po,cner Universität baldigst aßgeschafft werden dürfte. Warschau. Auf einer Beratung von jüdischen und christlichen Arbeitern, deren Zweck war, die beiderseitigen Gewerkschaften. zu vereinigen, verlangten die polnischen Arbeiterführer/ daß die jüdischen Arbeiter die jüdische Sprache aufgeheben und in allen Versammlungen polnisch sprechen. Warschau. Auf der am 10. Januar stattgefunden Sitzung der Organisationskommistion für die Einberufung einer allgemeinen Hilfskonferenz in Polen wurde beschlosten, diese Konferenz für den 23. Februar einzubcrufen. An der Konferenz sollen sich Vertreter aus ganz Polen beteiligen. Tie Vertreter der jüdischen Hilfskommistioncn m Weißrußland, Litauen und Ostgalizicn sollen angefragt werden, ob und unter welchen Bedingungen sie sich an der Konferenz beteiligen wollen. Ungarn. Budapest. Ein Teil der Personen, die, teils aus Furcht vor dem Bolschewismus, teils auS Furcht vor der Reaktion, aus dem Judentum ausgetreten sind, lasten sich wieder in die Listen der jüdischen Gemeinde aufnchmen. Die Vertreter der freien Berufe im ungarischen Judentum, die dem allergrößten Teil der geistigen Arbeiten im Zeitungstvesen und der wissenschaftlichen Forschung Ungarns geleistet haben, hoffen die Heranwachsende Jugend dadurch schützen zu können, daß eine eigene jüdische Universität und technische Hochschule gegründet wird. Es ist bereits eine Art jüdisch-medizinisch-naturwistenschaftlicher Akademie geschaffen worden. Auch wird das jüdische Spital der Budapester Kultusgemeinde als Forschungszentrum ausgestaltet. Selbst jüdische assimilatorische Politiker bekunden warmes Jnterestc für diese Pläne. ' Wien. Aus Budapest wird der „Wiener Morgenzeitung" berichtet: Ministerpräsident Huszar hielt in einer # im Redvutensaale abgehaltenen Monstcrversammlung eine Rede zugunsten der von ihm eingeleiteten Notstandsaktion für die notleidende Bevölkerung Budapests. Er teilte mit, > daß sein Notschrei hisher eine Sammlung von etwa vier-! zehn Millionen ergeben habe, während er zumindest fünft tig Millionen haben müste, um dem großen Elend wenigstens. teilweise abhelfen zu können. Er hoffe wohl, aus dem Auslande, an welches er sich mit seinem Appell gleichfalls gewendet habe, ansehnliche Zulvendungen zu erhalten, doch sei'es vor allem notwendig, daß das Inland seine Opfer bringe. Bei diesen Worten des Ministerpräsidenten ertönte aus den ersten Sitzreihen der Zwischenruf: „Nehmt es den Juden weg!" x Der Ministerpräsident: Das Problem ist nicht so einfach. Wer hungert, den ftage ich nicht, ob er Jude ist oder Christ. Und wer heute praßt und dabei den Notleidenden gegenüber geizig ist, dem verzeihe ich nicht, ob er Jude ist oder Christ. Das kann keine Konfestionsfragc sein. Hier

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