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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-02-20 · 37 (20.2.1920) · p. Seite 77

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
37 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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„Wem eigentlich nicht?" war Sakkos Bescheid. Ein leises Pochen in der oberen Stube wurde hörbar. „Die Mutter ist erwacht", rief Salka erleichtert, die peinliche Unterhaltung abbrechen zu können, „komm, wir müssen ihr den Brief vorlesen." Zillah hielt sie zurück. „Nicht ein Wort — sage ihr kein Wort, wie ich jetzt darüber denke", flüsterte sie keuchend, „vielleicht später — ein anderes Mal — wenn sie kräftiger ist." Salka nickte schweigend, und beide begaben sich nach dem geräumigen, luftigen Schlafzimmer. Eine kränkliche, abgemagerte Frau lächelte ihnen entgegen, als sie dort eintraten. „Eine gute Nachricht vom Vater!" rief Salka, „höre nur..." Wortlos nahm Zillah ihr den Brief aus der Hand. „Ich bin die ältere", sprach sie gelassen. Und fest und klar gab ihre Stimme jedes Wort des Briefes wieder — und sie bebte nicht einmal bei der Neuigkeit, gegen die ihr Herz mit aller Macht sich auflehnte. Das glückselige Lächeln der Kranken vertiefte sich noch mehr, und mit einem frommen Augenaufschlag sprach sie leise: „Gott sei Tank und Lob, daß es dem Vater gelungen ist! Zillah. küsse mich! Kind, das war ein kalter Kuß; doch vielleicht ist es meine eigene Schuld: meine Lippen sind jetzt nie mehr warm. Also von heute über acht Tage!" Salka sah schweigend zum Fenster hinaus. „Zillah, es sind Leute im Laden", rief sie dieser zu. ^Und Zillah ging in den Laden, im stillen der Vorsehung dankend, daß sie ihr eine solch kluge und hilfsbereite Schwester gegeben hatte. 2. Es war am nächsten Nachmittag. Zillah stand in der Ladentüre, unbestimmt in die Ferne blickend. Während der schlaflosen Nacht hatte sie genügend Zeit gehabt, sich die ganze Sachlage klarzumachen und dabei etwas tiefer in das eigene Herz zu blicken; leider aber war auch diese Selbstbetrachtung nicht geeignet, sie glücklicher oder auch nur zufriedetrer zu machen. Es war nicht nur der einfache Gedanke, einem wildfremden Menschen, an Händen und Füßen gebunden, wehrlos ausgeliefert zu werden, der sie so sehr peinigte, sondern noch mehr das Bewußtsein, daß mit einer solchen Heirat auch die allerletzte Aussicht verloren ging, sich jemals von den Fesseln der gegenwärtigen Gefangenschaft befreien zu können. Denn der Mann, der augenblicklich den Beifall ihrer Eltern erlangt, stimmte sicherlich auch mit deren aydern Ansichten und Wünschen vollkominen überein. Und die Ansichten der Eltern stimmten nicht immer mit den ihrigen überein. Freilich hat sie bisher den Befehlen der Eltern stets Gehorsam geleistet; der Aufruhr in ihrem Innern hatte sich bisher nur gegen sich selbst gerichtet. Doch jetzt verlangten sie von ihr die Pforten ihres Kerkers zu verschließen und den Schlüssel weit von sich zu werfen. Sie sollte sich jetzt mit Pflichten belasten, die eigentlich nur niedere, untergeordnete Dienstverrichtungcn waren. Sie sollte ein häuslicher Packesel werden. Das war ja das Schicksal aller der Frauen, die sie kannte; nur daß jene die Zügel sich freiwillig angelegt, — nein, noch mehr, sie prunkten sogar noch damit, als sei es ein Ehrenstand, gegen solche, die sich noch nicht in das Joch gespannt. Aber jene Frauen waren auch nicht mit der Erkenntnis begnadet worden; der Ruf der Welt war gar nicht oder doch nur ganz undeutlich in ihr Ohr gedrungen — sie waren nicht einmal fähig, zu begreifen, daß dieser Ruf etwas zu bedeuten habe. Und auch sie sollte jetzt den süßen Ton. den Zauberklang vergessen! Tie grellen Sonnenstrahlen schmerzten ihren Augen. Aber sie war froh darüber — der physische Schmerz schien ihre innere Qual ein wenig zu lindern, und der erstere war erträglicher, r Vor ihr breitete sich ein Streifen grünen Rasens aus, der die gegenüberliegende Straßenseite tvie mit einem Teppich bedeckte. Und es tat ihr wohl, ihre Augen darauf ruhen zu lasten. Ein großer Mann schritt gerade über den Rasen hin, während sein Säbel leise an den Sporen klirrte. Als er in Zillahs Nähe kam, hob er zufällig und gedankenlos seinen ^Blick. anscheinend ohne überhaupt sehen zu wollen, wer oder was eigentlich dastand. Doch bald wurde sein Blick fester und gestaltete sich zu einem Anstarren. Sie blieb unbekümmert stehen. Sie war daran gewöhnt — seit sie fünfzehn Jahre zählte, sahen die meisten Menschen sie auf der Straße an und blickten ihr nach; einige nahmen sich sogar die Mühe, die Augengläser zurechtzurückcn, um einen besseren Anblick zu gelvinnen. Und dadurch wußte sie. daß sie schön sei. Die Blicke der jungen Leute bildeten einen verläßlichen Spiegel. Der Mann ging vorüber, doch mit langsamen Schrit- ' len. Zweidreimal blickte er zurück, aber seine Augenhuldi- : gungen waren an Zillah vcrschlvendet; denn gleichgiltig sah sie auf den grünen Rasen, der ihren schmerzenden Augen so wohl tat. Und als diese sich erholt hatten, ging sie wieder in den Laden, zu ihrem Buche, zu ihrem Sorgenscheucher zurück. Im Geschäfte war cs, wie gewöhnlich zu dieser! Tageszeit, sehr still, und sic hatte eine lange Mußestunde vor sich. Der Roman näherte sich dem Brennpunkte, und | sie war auf die Entwicklung sehr gespannt; eilig, heiß- I hungrig überflog sie eine Seite nach der andern. Plötzlich stieß sie einen zornigen Ruf aus; ein Schatten war auf das Buch gefallen und wollte nicht weichen. Unwillig blickte sie auf; der große Offizier vow vorhin stand vor ihr, unentschlossen sich nach allen Seiten umblickcnd. Ihr Ausruf jedoch brachte ihn zu einer Entscheidung; er trat näher, bej rührte höflich grüßend seine Mütze und hob den Säbel auf. lum ein Klirren zu verhindern. Zillah blieb ruhig sitzen.- lIorlsetzung folgt.! Uon Kerg und Tal. Bonn. Einen überaus fpstelnden Vortrag hielt Herr! Rabbiner I>r. Cohn jm hiesigen Jugendbunde über die Tefi- ' loh, deren Ursprung auf die Zeit der babylonischen Gcfanj gcnschaft zurückzuführe» sei. Jene, für die Juden so vcr-! zweifelte Lage, die für ihre geistige Entwicklung von größi irr Bedeutung nar. Denn hier begann das Volk, sich auf ' stck) selbst zu besinnen, es erwachte Liebe l>nd Sehnsucht nach Zion in ihm. Die völlig eniirurzel'.ea fK'den. die »och keinen Sabbath kannten, suchten nun in ncugebildetcn Versaminlungshäusern in tröstlicher Aussprache und Erbauung Ersatz für den gefallenen Tempel. Bald uuirbc in diesen Versammmlungcn eine bestimmte Regelmäßigkeit Gesetz, und das Geber, das stets im Miiielp nli stand, entwickelte sich zu einem festen Bau. Sv eiilstanden die Anfänge der Tefiloh, die dem bedrängten Volke Erinnerung und Verheißung brachte. — Der Redner sprach mit hinreißenden Worten von jenem schlichten Büchlein, au dem Jahrhunderte und Jahrtausende gearbeitet haben, ein klarer Spiegel der jüdischen Volksseele» Durch tiefempfundene Vorlesungen ivußte er seinen Zuhörern einen Einblick zu geiväbren in die herrliche, starke, lehrreiche Kunst, die die Tefiloh in sich birgt. Bonn. In der Reihenfolge zionistischer Vortragsabende batte Herr Cand. j»r. Lion das Referat über den Aufbau Palästinas übernommen. Die nüchternen und sachlichen Ausführungen des Redners gaben ein gutes Bild ven der künftige» Gestaltung der jüdische» Heimstätte in Palästina. Lechenich. Der kt > äb gearündeie ..Verein der jüd. Jugend Lechenichs und der llmaegend" eröffnete nnt Sonntag! 1. Februar, sein ernstes Programm mit einem Vorträge des Herrn Georg Landauer aus Köln. Der Vor sitzende, Herr Lthrer Reubaus Lechenich. begründete einleitend in kurzen, eindringlichen Worten die Notwendigkeit des Zusammenschlusses zur Erhaltung und Dlärkung »»sereS Judentums. Er wies nach, ivie die Unkenntnis in jüdischen Dingen und der Mangel an jüdischem Wiste» hauptsächlich schuld sei an der Lauheit uiid'Gleichgilngkeil allem gegenüber, was „jüdiich" heißt und auch die Ursache iei des Abfalls vom positiven Jndeniutn, Darum »uific es als die

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