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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-02-06 · 36 (6.2.1920) · p. Seite 66

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
36 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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sie schon wieder in jenem Zauberlande herum, wohin jene ihr nicht folgen konnten — in dem Zauberlande, das sie sich selbst geschaffen,^ aus den Büchern, die sie beständig gelesen — gelesen — und immer wieder gelesen. Fünf Jahre lagen bereits zwischen ihrer Rückkehr aus Preußen und dem heutigen schwülen Sommernachmittag. Im Laden war wenig oder eigentlich nichts zu tun. und Jankele benutzte die freie Zeit, um in einer leeren Heringstonne sein Mittagschläfchen zu halten. Ter salzige Geruch drang ihm in Hals und Rase und er ließ ein heiseres Schnarchen hören. Zillah achtete nicht darauf; sie saß in einem Korbstuhle und ihre Hände spielten müßig mit einem Buche, das in ihrem Schoße lag. Sie träumte mit offenen Rügen — derselbe alte Traum, von dem Unerreichbaren. Aber auch das Träumen ermüdete sie heute. Gelangweilt stand sic aus und ging zur Türe. Jankele wurde dadurch wach; mit einem Seufzer setzte er sich auf und rieb sich die verschlafenen Auge». Aus der Küche wurde ein anderer Fußtritt hörbar, und Salka kam leise heran. ..Mutter schläft jetzt", sagte sie. „ich werde zur Post laufe», uni nachzufragen, ob etwa ein Brief vom Vater da sei. Wenn die Mutter rufen sollte . . Zillah nickte schweigend. Sie sparte sich immer das Reden, wenn Zeichen genügten. Vielleicht war cs die Schweigsamkeit, die den ernsten Zug um ihre Lippen gelegt. Salka blieb länger fort, als es gewöhnlich der Fall zu sein pflegte, so daß sie bei ihrer endlichen Rückkehr eine Erklärung dafür zu geben sich verpflichtet hielt. „Tenke dir nur, Zillah, der Polizeikommissar ist tot — plötzlich gestorben", sagte sie, „und darum wartete ich. um das Nähere darüber zu erfahren. Tie Aufregung in der Stadt ist sehr groß und jeder spricht darüber, was für ein Mensch der neue sei» mag. Schade um den alten Boguslaw; er war nicht der größte Judenfeind." „So groß ist die Aufregung", sprach Zillah spöttisch; „wirklich, erst durch einen Todesfall erinnern sich die Menschen hier, daß sic überhaupt noch leben. Ist Brief da?" „Beinah hätte ich cs vergessen", sagte Salka verwirrt, daß sie über den Tod eines Fremden den lebenden Vater vernachlässigt; „ja", sprach sie weiter, „ein recht großer — ich fühle es durch den Umschlag. Sollen wir warten, bis die Mutter aufivachr?" „Rein", entschied Zillah. „wenn er gute Nachrichten enthält, dann hört sie es zweimal — zuerst durch unser Erzählen und daun durch das Lesen. Wenn aber etwas nicht io ist, wie es sein soll, dann werden wir wenigstens wissen, was wir verschweigen sollen." Sie riß den Umschlag auf und entnahm demselben ein sehr umfangreiches Schreiben — viel, viel umfangreicher, als seine Briefe sonst zu sein pflegten; cs fing mit der üblichen Mitteilung an. daß der Schreiber sich wohlauf befinde, daß das Geschäft gut gehe, ivobei er alle Einzelheiten bei seinen Einkäufen umständlich, beschrieb und ebenso ausführlich von dem ganzen Verlauf seiner Reise berichtete. Schon ivährcnd des Lesens machte sich ein großes Erstaunen bei Zillah bemerkbar. „Ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll", unterbrach sie sich, „der Pater schreibt heute ganz, ganz anders als sonst. Mie scheint es.^ als ob er gern etwas mitteilen möchte, aber dabei sich nicht recht traut, und es deshalb immer noch hinausschiebl — ah, da ist es ja schon!" Sie hatte inzwischen die nächste Seite schnell überflogen und endlich gefunden, was sie vermutete. Es lautete wie folgt: „Und nun. meine Liebe», habe ich eine recht freudige Neuigkeit für euch. Wie der Geizige sein Geld, so habe auch ich diese Freude voll ausgekostet. In acht Tagen kehre ich zu euch zurück, und — nicht allein. Ich bringe mit mir — aber einstweilen sage ich euch nicht, wen, sondern daß dadurch unserem Hause eine große Ehre widerfährt. Ihr werdet mit mir zufrieden sein. Inzwischen mag euch das Bewußtsein genügen, daß, - wohin ich auch gehe, was ich auch unternehme, euer Glück allein mir stets am Herzen liegt." Als Zillah fertig gelesen, sah sie ihre Schwester ftawend an. Doch diese erwiderte den Blick mit einem schelmischen Lächeln. „Was soll denn das alles bedeuten, Salka?" drängte Zillah; „du scheinst doch das Geheimnis zu kennen." „Du kennst es doch auch, und wenn nicht, so will ich dir einen kleinen Wink geben — im vorigen Sommer warst du schon zwanzig." „Nun? fragte Zillah weiter, den Verdacht, der sich ihr aufdrängte, gewaltsam unterdrückend. „Und der Vater nahm dein Bild mit", fuhr Salka fort. Zillah erbleichte. Dann blickte sie sich nach allen Seiten um; der Laden war leer. Jankele war heimlich fortgeschlichen. wahrscheinlich, um über das große Ereignis von dem Tode desPolizeikommistars etwas Näheres zu erfahren. „Es bedeutet also — meine — meine Verheiratung?" Salka war gerade daran, die Frage mit fröhlichem Lachen über die gelungene Überraschung zu bejahen, als sie Zillahs zusammengepreßte Lippen bemerkte, die einen peinigenden Schmerz anzudeuten schienen. „Mein Gott, nur das nicht!" rief Zillah erregt; „nur das nicht, Salka. Muß es denn sein? Habe ich mich denn über meine Lage schon beklagt? Habe ich euch denn gesagt.! daß ich unzufrieden bin? Ich soll jetzt einem Mann übergeben werden, dessen Gesicht ich noch nie gesehen, besten Stimme ich nie zuvor gehört? Ihm soll ich fest angekettet! werden, für das ganze Leben, während meine Seele nach > Freiheit lechzt? Salka, geliebte Schwester, sage mir, was j soll ich denn tun?" j Salka schlug die tränenschweren Augen nieder. „Ver- , traue unserem Vater", sprach sie sanft, „er ist nicht der i Mann, um Fehler zu machen. Ich weiß es ganz bestimmt,! daß er sich vorher genügend überzeugt hat, daß derjenige,! den er dir als deinen künftigen Gatten bestimmt hat, all die * Eigenschaften besitzt, die man nur von einem solchen be- 1 ansprnchen kann. Schreibt er nicht heute wieder, daß er l nur aus unser Glück bedacht ist?" ' „Wer jagt denn, daß ich nicht auch so glücklich bin?" brauste Zillah auf, „oder verlangt ihr. daß ich den ganzen Tag singen und tanzen soll, wenn der Schatten von Mutters Krankheit das ganze Haus verdunkelt? Und wenn euch das nicht genug ist, so verspreche ich euch, daß ihr von heute ab keinen unzufriedenen Zug in meinem Gesichte, keinen verdrossenen Blick in meinen Augen sehen sollt; nur zwingt mich nicht gewaltsam zu etwas, was meine Kräfte übersteigt." „Es wird den Vater sehr traurig machen — und auch die Mutter", sagte Salka leise. Zillah rang verzlvcifelt die Hände. „Ich habe bisher nie an mein eigenes Wohl gedacht", sprach sie bebend vor Zorn, „sondem nur stets an das eurige; drum könnt ihr doch wenigstens dies eine Mal ein wenig großmütig mir gegenüber sein!" Plötzlich leuchteten ihre Augen auf. „Es ist doch auch möglich, daß ich dem Manne gar nicht einmal gefalle." j lJorlsetzung folgt.! Uon Kerg und Tal. Esten. Hier wurden in der letzjen Woche über 50 000 Mark für die jüdischen Kinder in Wien gesammelt und ein Ausschuß begründet, der die Kinder in Landfamilien Westfalens und des Jndustriebezirks unterbringen soll. Bochum. Am Sonntag den 4. Januar wurde hier ein Jüdischer Kulturverein zur Verbreitung der hebräischen Kultur gegründet. 25 Mitglieder sind dem Verein beigetreten. Erster Vorsitzender ist Herr K. Buchholz. Ein ' hebräischer Kursus wurde eröffnet; als Lehrer fungiert Herr K. Buchholz. v Bochum. Hier starb der Klempnermeister Salmon Simon im Alter von beinah« 78 Jahren. Erst vor sechs Jahren war es ihm vergönnt, das seltene Fest der goldenen Hochzeit zu feiern. Auch in der jüdischen Gemeinde hat sich Herr Simon erfolgreich betätigt. Über 30 Jahre war er

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