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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-02-06 · 36 (6.2.1920) · p. Seite 62

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
36 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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dich!" und wird zu einem grundlegenden Worte jeder Erziehung. die auS dem Menschen herauShalen soll, waherauSzuholen ist. wa» aber nur geschehen kann durch die strengste Ökonomie der geistigen und seelischen Kräfte. DaS heißt nicht mit seinen Kräften knickern oder gar.die Kälte des Gefühles fordern, sondern nut der uferlosen Gefühlsseligfeit den zähmenden Damm deS Willens entgegensetzen, der wahre Hingabe allein fruchtbar zu machen versteht. Der Augenblick letzter, restloser und selbstvergessenerHingabe wird dennoch kommen und das Leben krönen. Aber jeder soll fühlen, daß e r das Leben nicht schafft, weil er eben nur ein Augenblick ist, daß er aber daS Leben krönt, wie eben nur ein Augenblick eS krönen kann. EmilCohn. aiocbenfcbau. Tatsachen und Ergebnisse. •- tsr Deutschland. Berlin. Durch verschiedene Blätter ging kürzlich die Nachricht, die preußische Regierung plane die Errichtung von Konzentrationslagern für Ausländer. An zuständiger Stelle wird der „Dtsch. Allg. Ztg." erklärt, „daß diese Frage sich noch im Anfangsstadium der Erwägungen befinde und daß es nicht zutreffend sei. daß diese Lager schon sehr bald und in irgendeiner bestimmten Form geschaffen werden. Das Staatsministerium hat sich mit dieser Angelegenheit noch nicht befaßt. Wenn nun in der polnischen Presie eine große Erregung darüber inszeniert wird, daß im freien sozialistischen Deutschland und Preußen Ausländer in Konzentrationslager gesperrt werden, so muß doch erklärt werden, daß gerade die polnische Regierung und die polnischen'Presse den geringsten Anlaß haben, sich^ über diesen Plan aufzuhalten, daß wir aus rein menschlichen Gründen die zahlreichen unerwünschten Elemente, die aus dem Osten einwandern, nicht zwangsweise über die polnische Grenze schieben können, weil sie dort wahrscheinlich totgeschlagen oder zwangsweise wieder an die deutsche Grenze beförbert würden. Gerade die unmenschliche Politik Polens zwingt uns, solche Leute in unserem Lande zu belassen, auch wenn sie uns unerwünscht sind." Berlin. Das Berliner Wohnungsamt hat vorgeschlagen, die große Zahl neuerdings eingewanderter polnischer Flüchtlinge in Barackenlagern unterzubringen, da die derzeitigen Unterkunftstätten absolut menschenunwürdig sind. In manäM Straßen Hausen zehn bis zwölf Personen in einem einzigen Raum. Berlin. Der Verband der deutsclM Juden und der Gemeindebund, die bekanntlich wegen der Führung einer zu schaffenden Gesamtorganisation in Konflikt geraten waren, haben sich nunmehr geeinigt. Der in Aussicht genommene Entwurf sieht einen freiwilligen Zusammenschluß der Gemeinden auf Basis der Gleichberechtigung der „Richtungen". die Schaffung ziveier getrennter ..Kultuskommissionen" und eine Vertretung der durch die Seminare dargestellten religiösen Richtungen im Zentralorgan vor. Berlin. In der Vonnittagssitzung des Zentrumsparteitages am 21. Januar ergriff Universitätsprofessor Dr. Schreiber das Wort zur antisemitischen Bewegung und führte, von Zustimmung und Beifall wiederholt unterbrochen. unter anderem folgendes aus: _„Die Politik des Zentrums gegenüber den Israeliten bat nicht bloß ihre Grundsätze, sondern auch ihre geschichtliche Grundlage. Die Partei hat stets in der Geschichte die (Gefährlichkeit der antisemitischen Bewegung erkannt. Windthorst hat die antisemitische Haltung von Ctoecker. Ahlwardt und deren Epigonen nicht mitgemacht. Er wollte keine Ausnahmegesetze für die Juden, weil er genau wußte, wie schwer die Katholiken selbst an den Ausnahmegesetzen des Kulturkampfes zu tragen hatten. Di« Katholiken haben am eigenen Leib« erfahren, wall nparität and Zurücksetzung in Beamtenstellungen und im öffentlichen Leben bedeuteten. WaS die Katholiken nicht wollen, das ihnen selbst geschieht, dürfen fie den Juden nicht zumuten. In Köln haben sich zwischen dem gläubigen Judentum und der kölnischen Zentrumspartei stetfreundliche Beziehungen ergeben. Ich verweise nur auf die ausgezeichnete Rede deS Rabbiners Dr. Ccheftelowitz in einer aroß«t Zentrumsversammlung dieses Winter-, in der die Katholiken und gläubigen Israeliten gleichzeitig sich gegen jene Vergewaltigung wandten, die ihnen vom Ministerium Adolf Hofftnann drohte. Ich fasse zusammen: Die antisemitische Bewegung ist im Grunde genommen christentumsfeindlich. Sie ist politisch unfruchtbar und überaus gefährlich. Deshalb ist von unserer Presse, die es mit dem Christentum und mit der Zentrumspolitik ernst nimmt, zu erwarten. daßsiesichnichtindenBahnendeS Antisemitismusverliert. Wir haben in dieser Hinsicht in letzter Zeit vereinzelt Erscheinungen zu beklagen, die zum Glück nicht die Regel sind, die aber doch nach allen einzelnen Erscheinungen bedauerlich sich anlassen. Es gilt für diese Blätter eine Nachprüfung ihres Standpunktes im Sinne des Zentrumsgrundsatzes, der die Wahrheit betont und dabei christliche Wahrheiten nicht erschüttert wissen will, im Sinne jener Freiheit, die sich gegen Ausnahmegesetze wendet, im Sinne des Rechts, das auch das Recht der Minoritätskonfession schützt. Wer Antisemit ist, besorgt die Geschäfte der Deutschnationalen, und daß Anhänger der Zentrumspartei die Geschäfte eines politischen Gegners besorgen, das darf nie und nimmer geschehen I" Heidelberg. Ter „Verein deutscher Studenten im Kyfshäuserverband" wollte seine Ziele am Schwarzen Brett in der Universität veröfftntlichen, die u. a. den Satz enthielten: „und bekämpfen den Einfluß des rassefremden jüdischen Elements." Dieser Satz wurde vom Rektor, Geheimrat H. Kassel, nicht genehmigt, weil er in der „heutigen nervösen Zeit unangebracht sei" und sich durch rhn „ein großer Teil des deutschen Volkes beleidigt fühlen würde". Die antisemitische Presse ist über die neutrale Haltung des Rektors sehr aufgebracht. München. Das bayerische Ministerium hat den Grafen Arco, den Mörder Eisners, begnadigt. Die alldeutsche Presse jubelt über' den „ehrenvollen" Ausgang des Prozesses. Die ..Kreuzzeitung" betont, daß ein deutscher Graf den Juden Eisner erschossen habe. Die Wotanverrhrer mit dem Hakenkreuz müssen aber Wasser in ihren Wein gießen; denn Graf Arco stammt zur Hälfte von Juden, ©eine Mutter ist eine geborene Oppenheim ans Köln. Dem Adel zu Liebe ist dieses Glied der bekannten Familie katholisch geworden: Eine andere Linie der Oppenheims ist protestantisch und die dritte hat ihren Stolz bewahrt und ist jüdisch geblieben. Berlin. Für die von der Siedlungsgesellschaft D e g e l I e h u d a m.' b. H., Berlin, geplante Groß-Siedlung in Palästina sind die Vorarbeiten und die Kapitalswerbung in gutem Fortschreiten; die Gesellschaft fotbert auch Achusah-Gesellschaften und andere Einzelgruppen auf. sich der propagierten genossenschaftlichen Siedlung anzuschließen, die auf Grundlage von Industrie und intensiver Landwirtschaft entstehen soll. Die Geselsschaft vertritt den Standpunkt, daß sich vieles in Palästina unternehmen läßt, wenn man nicht mit Zwerggründungen vorgeht, sondern wenn gleich vom Beginn an ein gewisses Ausmaß" Vorhänden iflidle Siedlung foll deshalb mit einer Seelenzahl von 1000 begonnen werden und auf 5000 bis 6000 anwachsen. Sie soll aus einer Reihe von Gruppen bestehen, die sich um einen gemeinsamen Mittelpunkt entwickeln; einige dieser Gruppen sind bereits in Deutschland organisiert, andere sind in Gründung. Die Siedlungsgesellschaft Tegel Jehuda entsandte vor kurzem Herrn Ernst Hertmann (Haifa) nach Bielitz (Ost-

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