Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 35 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437078--0442-3948021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m Der Bote erzählt: — Her Anteil an -er ander« Wrlt. > Schluß.) Es wurde halb zehn, es wurde zehn, er hörte von Reb Mosche noch immer nichts. Drei Stunden! So lange konnte die.Arbeit selbst unter den ungeschickten Händen nicht dauern. Sollte ihm etwas widerfahren sein? Er suchte seine wachsende Unruhe noch eine'Viertelstünde lang zu zügeln, dann litt es ihn nicht länger in der Stube. Er schlich aus den Fußspitzen hinaus, um die Schlafenden nicht zu wecken, und als er sich einige Schritte von seiner Wohnung entfernt hatte, eilte er zu dem Grabe hin, bei dem er Reb Mosche gelassen halte. Tort war alles finster und stille. Er sah weder Reb Mosche noch die Laterne, lim das offene Grab war ein Wall loser Erde aufgehäuft. Hatte der Mann sich entfernt, ohne die Grube nieder zuzuwerfen? Er trat vorsichtig an dcir Rand des schwarzen Loches, um mit dem Fuße nach der Schaufel zu lasten. Ein entsetzlicher Verwesungsgeruch quoll aus der Öffnung und schlug ihm an die Kehle, daß er zurücktaumclte und fast unwohl wurde. Er raffte sich indes zusammen, holte seine Tabakspfeife aus der Tasche, stopfte sie rasch, zündete sie an, tat einige kräftige Züge, näherte sich wieder dem Grabe und leuchtete mit einem ziveiten Streichholz hinab. Als es ausflaminte, erblickte.cr am Boden der Grube, von Erdschollen halb bedeckt, Reb Mosche, der mit dem Gesichte nach unten reglos dalag. Ter Totengräber stieß einen Schreckensschrei aus. War ■ der Mann tot? Tas wäre eine schöne Geschichte. Sö unvorsichtig es ivar, er halte keine Wahl. Er eilte in seine Wohnung, holte eine Kerze und suchte bei ihrer Flamme, die er nach Möglichkeit mit der Hand verbarg, nach der Laterne. Sic lag erloschen im Grabe neben dem unbeweglichen Manne, zu lief, um von der Hand erreicht zu werden. Er rief Reb Mosche an. zuerst leicht, dann lauter, er erhielt keine Antwort. Es blieb nichts übrig, als ins Grab hinabzusteigen, worin er bis zur Schulterhöhe verschwand. Er faßte Reb Mosche am Arm und rüttelte ihn; da hone er ihn zu seiner liefen Erleichterung einen Seufzer ausstoßen. Er schüttelte kräftiger und suchte mit der einen freien Hand seinen Kopf emporzuheben. ..Herr Rosenthal!" rief er. „Herr Rosemhal! Stehen Sie auf! Was ist Ihnen?" Eine Stimme, die in dem engen Loch dumpf und fern klang, ließ sich schwach vernehmen und flehte mit einem Ausdruck der Angst, der durch Mark und Bein drang: „Laß mich, Hirsch, du hast doch jetzt das Deinige." „Heraus! Heraus!" rief der Totengräber aufgeregt, „hier kommen wir beide um." Er zündete die Laterne mit zitternder Hand an, stellte sie zu seinen Füßen, warf die ausgelöschtc 'Kerze zum Grabe hinaus und wandte Reb Mosche um. Sein Gesicht war weis; und schlaff wie das eines Toten. Tie geöffneten Augen starrten mit unsagbarem Grauen auf den Totengräber. Tieser verlor keine Zeit mit Erkundigungen. Er setzte Reb Mosche auf, brachte ihn dann auf die Beine und hob ihn schließlich mit äußerster Anstrengung aus dem Grabe hinaus. Reb Mosche war leicht, aber der Totengräber nicht besonders kräftig und von jenem wurde ihm nicht die geringste Hilfe; er ließ sich zerren und heben wie ein Bündel. Als er oben war und die Fäuste des Totengräbers ihn losließen, sank er wieder kraftlos zu Boden. Ter Totengräber schwang sich nun auch über den Rand des Grabes, schleifte ihn ein wenig bei Seite und begann zunächst mit fliegender Last. das Loch zuzuwerfen.- Sein Blick, der ber ersten Schaufel voll Erde folgte, sah am Grunde des Grabes flüchtig, daß eines der dünnen Tannen- * brctter des Sarges zerbrochen war, doch hielt,er sich bei keiner Betrachtung von Einzelheiten auf, sondern warf Scholle um Scholle hinein, bis das Grab notdürftig gefüllt war. Z« kunstgerechten Aufhäufelung dekleinen Hügel-, zur * * Säuberung des Bodens, zu feiner Bedeckung mit einer Schneeschicht, die verhindern sollte, daß die Stelle durch ihre Entblößung auffiel, war jetzt keine Zeit. Diese Arbeit mußte er vor Tagesanbruch verrichten. Jetzt hatte er sich mit dem unbequemen Gaste zu beschäftigen und zu sehen, wie er ihn los wurde. Reb Mosche war in der frischen Nachtluft, vom Pesthauch der Verwesung befreit, ein wenig zu sich gekommen und hatte sich auf ein Nachbargrab gesetzt, wo er stumm und starr wartet«, bis der Totengräber sich zu ihm wenden konnte. „Können Sie gehen?" fragte er mürrisch. Er erhielt keine Antwort.' Er leuchtete iym mit der Laterne ins Gesicht. Das wirre Haar war ihm durch Schweiß an die Stirne geklebt. In den Bart hatte sich Erde aus dem Grabe gemischt. Die Kleider waren besudelt. Die Augen blickten leer. In diesem Zustande konnte Reb Mosche nicht in sein Wirtshaus gebracht werden, ohne daß er größtes Aufsehen erregte und zu gefährlichen Nachforschungen Anlaß gab. Dem Totengräber war die Genugtuung über seine zweihundert Mark vergällt und er verwünschte feine Nachgiebigkeit gegen den Versucher. Aber das half jetzt nichts. Es mußte Rat geschaffen werden. Er faßte Reb Mosche am Arm, richtete ihn auf und führte ihn nach seiner Wohnung. Er ging schlotterbeinig mit, wie ein Kind bei seinen ersten 'Gehversuchen. Ter Totengräber rüttelte seine Frau aus dem Schlafe, befahl ihr barsch, aufzustehen, nichts zu fragen, über alles reinen Mund zu halten und zu tun, was ihr geheißen wurde. Sie entkleideten Reb Mosche und legten ihn in ihr eigenes Bett. Die Frau reinigte vor der Tür die schmutzigen und entsetzlich riechenden Kleider und inzwischen eilte b<r Totengräber, obschon es Zur Mitternacht ging, ins Wirtshaus, wo man über das Ausbleiben des Gastes sehr unruhig war, und erzählte, Herr Rosenthal sei bei ihm plötzlich erkrankt, man solle sich aber um ihn nicht sorgen und nur das Pferd füttern. Die Nacht wurde von der Totengräberfamilie in Anstrengung und Angst verbracht. Reb Mosche schlief, fuhr aber jeden Augenblick mit Würglauten auf, vor denen sich die aus dem Schlaf geweckten Kinder entsetzten, so daß sie bang zu weinen begannen und die Mutter nicht wußte, wen sie zuerst beruhigen und pflegen sollte. Am Morgen war der Totengräber mit seiner Arbeit am Grabe fertig und setzte sich erschöpft ans Bett, wo Reb Mosche nun auch wach nun und still ächzend dalag. Als er ihn fragte, ob er sich kräftig genug fühle, um aufzustehen, da bekam er verworrene Antworten. „Er bat mich bei sich behalten wollen", murmelte Reb Mosche, „er hat nach seinem Papier gegriffen und einen Seufzer getan, wie er es gehabt hat. Und dann hat er mich umgerissen und wie ich hingefallen bin. hat er mir ins Ohr geraunt, was er gelitten hat. Das andere habe ich vergesien. Der Malech hamowes hat mir mit dem Finger den Kopf berührt und das hat mir das Gedächtnis genommen." „Scht!" herrschte ihn der Totengräber an und gebot den Kindern, aufzustehen, sich anzukleiden und in die Küche Zu gehen. Reb Mosche blieb iin Bette, bis seine Frpu, durch einen geheimnisvollen Brief des Totengräbers verständigt, kam und ihn hcimholte, nachdem sie das Vergangene erfahren hatte. Er machte eine schwere Krankheit durch, in der er schreckhafte Gesichte hatte, und blieb monatelang in einer.. Dämmerzustand. Allmählich kehrte jedoch sein Bewußtsein wieder und im Herbste konnte er von neuem seinem Handel uachgehen. Von seinem Abenteuer behielt er eine gewisie Gedächtnisschwäche, außerordentliche Verschlosienheit, übermäßige Frömmigkeit, häufiges Alpdrücken und die sonder- T»are Gewohnheit zurück, den Personen, mit denan er zu verkehren hatte, am Schlüße jedes GespräckS ins £Xjr z„ tau.- ncn: „Geben Sie nur aus.Ihren Chelek bolam habo acht."