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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-01-30 · 35 (30.1.1920) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
35 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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BjglBHfclfraUMSggl von Ehajim Bloch, AtzgerSdors. In Luck wohnte ein mächtiger Fürst, ein kränklicher Mann von finsterer Laune. Alle, selbst seine Hofsleute, fürchteten ihn. . Einmal erfuhr der Fürst, daß in Miedzlborz ein Rabbis seinen Sitz haben, der ebenso tpie er jähzornig und stets traurig sei. . Da sprach der Fürst zu seinem Kanzler: „Gewiß tut es der Rabbi, um meiner zu spotten, ich will ihn daher eines Besseren belehren." Er ließ seinen Wagen anspannen und fuhr nach Miedziborn. '• v Als der Fürst in Miedziborz einlangte, ließ er den Rabbi zu sich rufen. Der Rabbi war aber seit einigen Tagen verreist und sein Verwalter begab sich zum Fürsten, um das Nichterscheinen seines Herrn zu entschuldigen. Der Fürst aber ließ dem Verwalter sagen: „Wenn Dein Herr von der Reise zurügekehrt sein wird, dann hat er innerhalb dreier Tage nach Luck zu kommen, um mir auf folgende Fragen Bescheid zu geben: 1. Wie groß ist der Boden, den ich mein Eigen nennen darf? 2. Wie viel wiegt der Mond? 3. Wie viel ist der Fürst wert? 4. Was glaubt der'Fürst? Wenn ich binnen drei Wochen auf meine Fragen keine Antwort habe, dann werde ich Euren Rabbi und sein ganzes Hausgesinde in den Keller werfen." Man kann sich denken, wie bestürzt die Leute des Rabbi wurden, als sie von dem seltsamen.Befehl des Fürsten hörten. Aber sie bcschlosien, dem Rabbi davon keine Mitteilung zu machen, damit sich sein Gemüt nicht noch mehr verdüstere und seine Seele ganz in' Trauer gehüllt werde. Sie hofften, daß der Ewige ihren Meister vom Unglück bewahren wird. * Tags darauf kehrte der Rabbi von seiner Reise zurück, j Nun berieten die Leute nochmals, was sie da zu tun j haben. > Da sprach der .„Hofnarr" Hersch Ostropoler: „Ich! werde nach Luck fahren und mich dem Fürsten als unser! Rabbi vorstellen; ich werde ihm Rede und Antwort stehen." „Und wie würdest Du es anstellen?", fragten die Leute, über den närrischen Einfall ganz erstaunt. „Ganz einfach," erwiderte Hersch, „gebt mir einen! Chalatf) und einen Spodek*) und ich sage dem Fürsten, ' ich bin der Rabbi von Miedziborz: ich werde auf seine > dummen Fragen dumme Antworten zu geben wisien."! Man kannte Hersch und man wußte, daß es ihm gej lingen iverde, dem Fürsten eine treffende Antwort zu! gebest. Schließlich hatten sie doch keinen anderen Ausweg, i Hersch zog einen Chalat an und setzte einen Spodek! auf. nahm einen silberbeschlagenep Stecken in die Hand und! trat die Reise nach Luck an. Er meldete sich gleich beim Hofmarschall des Fürsten! und dieser meldete seinem Herrn, daß der Rabbi von Miedj ziborz eingetroffen sei. j ßcha» erschie«. ließ er sich tk Als Hersch vor dem Fragen, vorlegen. \ Auf die Frag«: „Die groß ist der Boden, den ich mein Eigen nennen darf?" erwiderte Hersch: ,Hch könnte das sagen.- wenn ich wüßte, wie viel an Wasserfläche dem Fürsten gehört: ich bitte daher, mir früher genau anzugeben. wie groß die Teiche und Bäche in Euren Ländern sind." Da sprach der Fürst: „DaS ist «in jüdischer ftniff. Ihr wollt Euch, Rabbi, der Beantwortung dieser Frage entziehen. Also diese Frage sei Euch geschenkt. Nun aber chir zweite Frage: Wie schwer ist der Mond?" „Er wiegt genau ein Pfund." erwiderte Hersch, „wenn Ihr es aber nicht glaubt, dann geruhen Euer Gnaden, Nachwiegen zu lassen und Ihr werdet Euch gleich von der Richtigkeit meiner Antwort überzeugen." Der Fürst lachte. Und es war das erste Mal seit seiner Geburt, daß der Fürst lachte. ~ „Nun", sprach er, „sage mir noch, wie viel bin ich ivert?" ' ..So viel als unser Erzvater Abraham." anwortet« Hersch gelassen. Der Fürst fühlte sich damit sehr geschmeichelt. Doch sprach er: „Und das wäre?" Es steht in der Heiligen Schrift," erwiderte Hersch. „daß Abraham zu Gott sprach, er sei Erde und Asche. Es steht nicht, wie viel Erde und wie viel Asche, doch da wir die Bescheidenheit Abrahams kennen, so müssen wir annehmen.' daß er dabei an die vier Ellen Erde, die sein Eigen sein werden, wenn er zur Asche werden wird, gedacht habe." Dem Fürsten gefiel die Antwort vorzüglich und gab sich mit ihr zustneden. Schließlich kam die vierte Frage: „Was glaubt der Fürst?" Hersch antwortete: „Ihr glaubt, der Rabbi von Miedziborz stehe vor Euch, in Wirklichkeit aber steht vor Euch nur sein niedrigster Diener, nämlich: Hersch Ostropolski." * * * Sprüche au» dem Oste». Ißt ein Armer ein Huhn, so ist er krank, oder daS Huhn ist'S. » Das Geld ist rund — aber ein Hund bleibt ein Hund. » Alles ist eitel — aber „eiteln" muß man doch. Ein Apikores (Freigeist) in einem kleinen Städtel frißt Gries mit Talg '). Pinchas, Sohn Eleasars, Sohn des Hohenpriesters Aaron, — uyd hat er kein Geld, so ist er doch ein Parch * 2). O Wer ist ein Held? — Wer einen Witz — nicht macht. i * „Tu hast uns auserwählt vor allen Völkern" — Gott, was haben dir die Juden getan? * 'Ein Goj ist als Kind klein, als Erwachsener groß — der Jude umgekehrt. . Ter Jude ist das kleinste Geschöpf — und jeder stößt sich an ihm. * 1) AuS dem demnächst erscheinende» Buch: „Hersch von Ostro- > »->le, ein jüdischer Till Eulenspiegel deS 18. Jahrhunderts. Seine! Beschichten und Streiche." Hersch von Ostropole war ein berühms Irr Spaßvogel. _ . _ . ~ 2) Rabbi Baruch von Miedziborz, ein berühmter llhassidimj führ», Enkel d«S Baalschem, starb 181b. Er war melancholisch veranlagt und Hersch wurde als „Hofnarr" berufen, um ihn aufjvheitern. S> Ein Oberkleid der Ehasiidlm. ßj Eine Zobrlmüpe, welch« die jüdischen Heiligen in Polen zu trag» pflegen. Ulster Nichtjuden ist gut leben, aber sterben will ich unter Juden. * _ Ein Jude hats besser als ein Getaufter — eriunn sich_ noch taufen. ein Getaufter nicht. \ Was immer ein Jude sein mag, ein Narr ist er nicht. 1j D. h. er erbricht sich lieber, alS daß er eS unterläßt, dem Ritus ein Schnippchen zu schlagen. 2) Ein Lump. . , I

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