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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-01-30 · 35 (30.1.1920) · p. Seite 53

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
35 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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fitz« der wenigen hochgelegene^ Häuser nahmen die Unglücklichen und teilten mit ihnen Raum und Brot. Er ging recht knapp her, denn die Stadt war von Wasser und EiS umwogt und von jeder Zufuhr abgeschnitten. Nach zwei Tagen kam Linderung. Am Sabbat-Mittag löste fich dar EiS. und das Wasser fiel zusehends. In dem Augenblick, als der Ruf erscholl: „Der Rhein geht!" waren alle Schrecknisse vergessen. In der Abtei zu Deutz erscholl der Ambrofianische Lobgesang. Die Juden dort stimmten zu gleicher Zeit einen so verworrenen und lärmenden Lob- «sang an, daß die Christen, „die der hebräischen. Musik nicht gewöhnt waren," davon betäubt wurden. Nach einigen Tagen war der Rhein in sein Bett zurückgegangen. Die Flüchtlinge konnten ihre Wohnungen, soweit sie erhalten geblieben, wieder aussuchen. Allerdings fandenkie darin an Stelle des HauSratS Eisklumpen und Äser. Ein Pferd war auf das Dach eines jüdischen Hauses geschwemmt worden und dort verendet. Man holte den Kadaver später herunter, nicht ohne Gefährdung des wankenden Gebäudes. — Am Montag, dem 1. März, kam zunächst das Domkapitel von Köln den Hungernden zur Hilfe und ließ Lebensmittel ohne Rücksicht auf das Bekenntnis verteilen. Die Juden vergalten bald diese Guttat. Ter Bonner Vorsteher und der Rabbiner übersandten in reichem Maße Nahrungsmittel, Kleider und Geld. Der Chronist (Kopenhagen) versichert, nie zuvor sei in Deutz ein Purimtag wie der im Unglückswinter 1784 gefeiert worden. Kon Kerg und Tal. Hamm a. d. Sieg. In letzter Zeit hat sich in unserem »och nicht allzu lang wieder ins Leben gerufenen Jüdischen Jugendbund ein eifriges Vereinsleben entwickelt. So wurden an drei Samstagen hintereinander Vorträge bzw. Vorlesungen von den Herren Cand. med. Hans Hirsch hierselbst, Referendar Steinhardt, z. Zt. Wissen a. d. Sieg, und Cand. jur. Block-Oberhausen gehalten, die allesamt wohlverdienten reichen Beifall erntete», wobei besonders auch aus dem Munde der als Gäste erschienenen Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde der Wunsch laut wurde, noch öfters derartige Nachmittage bzw. Abende zu veranstalten. Selbst aus den Reihen der Vereinsmitglieder heraus beschäftigt man sich aktiv mit jüdischen Gegenwartsfragen. So wurde vor einigen Wochen dem Jugendbund von seinem Schriftführer Herrn Willi Bär eine Denkschrift: „Der Antisemitismus speziell hiesiger Gegend und seine Bekämpfung" überreicht, die hoffentlich ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Auch hierzulande nimmt man also, wie man sieht, in jungjüdischen Kreisen rege Anteilnahme an den jüdischen Problemen und Bewegungen der Gegenwart. Hennef a. d. Sieg. Am 8. Februar findet hier der Gründungstag eines Kreisverbandes des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt. In persönlicher Werbung wurden bereits 2,30 Mitglieder gewonnen. Der vorbereitende Ausschuß versendet einen Aufruf, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Der Weltkrieg ist vorüber. Deutschland, das auf der Höhe seiner Siege seine Armee ausspannte von den Küsten Flanderns bis zu den sagenumwobenen Ufern des Tigris, ist niedcrgebrochen. Ruhmvoll unterlag es übermächtigen Kräften, wie Jerusalem einst dem allgewaltigen Rom. Den Gefallenen unsere Trauer, den Rückgekehrten unserr Hilfe! Was wir Juden bei Ausbruch des Krieges geglaubt und gehofft, daß unter uns Deutschen ein Unterschied im Religionsbekenntnis nicht mehr Platz greifen würde, sondern wir Schulter an Schulter mit Andersgläubigen stehen, uns dkr Hand reichenund eiirbrüderliches Verhältnis im Kampfe um die Lebensnotivendigkeit Deutschlands eintreten würde, hat sich leider nicht verwirklicht. Trotzdem wir Juden — die Kämpfer an der Front und die in der Heimat am häuslichen Herd — nach jeder Richtung hin. dem Rufe, einzutreten für unsere deutsche Heimat, ihre vollste Pflicht getan, wurden wir unaufhörlich al- Bürger zweiten Grades behandelt. Der Schimpf, eine Zählung der in der Etappe befindlichen jüdischen Soldaten seitens de- KrieaSministerS an. geordnet zu sehen, um diese Soldaten der Drückerei zu bezichtigen. und der weitere Schimpf, daß antisemitische Flug, blätter in den Schützengräben und in den Etappen unter Billigung von höheren Offizieren verteilt wurden, wird für uns Juden unauslöschlich bleiben und den Stachel der Wehmut niemals aus unserem Herzen reißen könkien. WaS in der Heimat für Verdächtigungen über Kriegswucher und anderen unlauteren Taten uns zur Last gelegt wurde. daS alles einzeln aufzuführen, würde zu weit gehen. Jetzt, wo eine neue, hoffentlich freisinnige Regierung, die Geschicke Deutschlands zu lenken berufen ist, gilt eS für uns Juden, sich zusammen zu schließen, um einer für alle und alle für einen die uns bisher angetanen Beschimpfungen und Zurücksetzungen abzuwehren und die uns zustcyenden Rechte als deutsche Staatsbürger nicht zu erbitten, sondern zu verlangen. — Lasset uns einen Zusammenschluß im Siegkreise finden! Freudenburg a. d. Saar. Am Dienstag den L. d. M. sprach hier Herr Georg Landauer aus Köln über jüdische Gegenwartsfragen. Herr Landauer verstand es in ausgezeichneter Weise, seine Zuhörer über einige akute jüdische Fragen, der Ostjudenfrage, der Palästinafrage und der Erhaltung des jüdischen Volkes aufzuklären. Er legte in klarer Sprache dar, lpie schlver es heute sei, den Antisemitismus zu besiegen, der nicht nur im Oosten. wo er blutige Pogrome zur Folge hat, sondern auch in Deutschland mehr denn je auftritt. Eine andere Frage war die der Assimilation, die nur dadurch behoben iverden könne, daß in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen entstehe, > das sein Leben nach jüdischen Gesetzen regelt. Tie sich an den Vortrag anschließende Diskussion ließ die Bedeutung Palästinas für die Erhaltung des Judentums noch klarer erkennen. Witten. Hier fand am 18. ds. im vollbesetzten Gotteshause die feierliche Einweihung einer Okdenktafel für unsere auf dem Felde der Ehre gefallenenGemeindemitglieder statt. Nach einem Orgelvorspiel trug ein ans Mitgliedern des Synagogenchors, nämlich den Herren Hanf und Ostermann. sowie den Damen Frl. Martha Kaufmann und Frau Helene Löwenstein, gebildetes Quartett weihevolle Lieder vor. Die Sologesänge der Frau Helene Löwenstein waren wie immer künstlerisch vollkommen und tief ergreisend. Auch die Weiherede unseres Predigers, des Herrn Lehrers Mar Mayer, machte auf die Zuhörer, unter denen sich zahlreiche Andersgläubige befanden, ersichtlichen Eindruck. Den kanioralen Teil der Feier halte als Ersatz für den anläßlich eines Vortrages in unserer Geineinde engagierten, leider aber infolge Unpäßlichkeit verhinderten Oberkantor Davidsohn-Berlin der 1. Kantor der Dortmunder Synagvgengemeinde, Herr Rektor Heymann, übernommen, der sich seiner Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit entledigte. So verlief die schöne Feier in allen Teilen erhebend und würdig. Dinslaken. Bei der diesjährigen Rcpräsentantenwahl wurden wiedergeivählt bzw. gewählt die Herren L. I. Elkan, Julius Bernhard, Julius Jacob. Sally Moses. Krefeld. Innerhalb der hiesigen Gemeinde ist die Schaffung einer Fürsorgestclle für jugendliche Gefährdete geplant. An ihrer Unterhaltung und Wirkung sollen alle Jnteressenlengrnppen beteiligt werden. Godesberg. Hier findet am Samstag den '28. Febr., abends 7 Uhr, in den Sälen des» Rheinhotel Drecsen ein Purim-Ball statt. Der Reinertrag ist zum Neubau der Synagpge bestimmt. In Anbetracht des mit dem Ball verbundenen guten Zweckcsnmckmituir jchon jetzt-mrsere Leser auf diese Veranstaltung aufnierksam. Wir vemvisen auf den Anzeigenteil unserer Zeitung. '

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