Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 35 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Regierung in bezug auf den nationalen jüdischen Staat zu verwirklichen. Wie das Blatt hinzufügt, sei die britische Regierung entschlossen, die moderne Methode des Wirtschaftslebens in Palästina eiuzuführen. Paris Herbert Samuel, der sich auf der Reise nach Palästina befindet, wurde in Paris im Komitee der jüdischen Delegationen von desien zionistischen Mitgliedern, sowie von einigen Repräsentanten der französischen Zionisten begrüßt. Der Vorsitzende. Mr. Sokolow, feierte Herbert Samuel ivegen seiner Verdienste um die Erlangung der politischen Möglichkeiten für das Judentum in Palästina. Wie er darin Großes geleistet habe, so werde seine Aufgabe in» Hinblick auf die großen wirtschaftlichen und sozialen Ziele der Juden in Palästina von historischer Be-! deutung sein. Herbert Samuel gab die Versicherung ab. daß er bemüht sein werde, die großen jüdischen Kolonisationsprojekte der englischen Regierung nahezulegen. Es sei ihm bekannt, daß die englische Regierung den festen Vorsatz halv, ein modernes Wirtschaftsleben im Lande auszubauen. Es sei nicht Absicht der englischen Regierung, die Kolonisation auf groß-kapitalistijck>er Grundlage mit den j Möglichkeiten von Lalifundienwirtschaften auszubilden, sondern es iverde sich darum handeln, in erster Reihe die Jnteresien der kleinen Kolonisten und der Arbeitermasien mit dem Jnieresie der Entwicklung des Landes in Einklang zu bringen. Die Ausführungen Samuels tveckten großen Beifall. Amerika. New N»rk. Das Komitee der Reiv Yorker Delegierten des amerikanisch-jüdischen Kongrcsies hat für den 4. Januar eine Konferenz der Delegierten aus Neiv 2)orf und Umgebung einbernfcn. Tie Beratungen sollen sich mit dem. Termin der Wicdereinberusung des amerikanisch-jüdischen Kongresses beschäftigen, sowie mit der Frage, ob sich dieser Kongreß auch mit konstruktiver Hilfsarbeit befassen soll. Auch über eventuell zu unternehmende Schritte ztvecks Einberufung eines alllvelilichen jüdischen Kongresses sollen Beratungen statkfindcn. New Aork. In den nächsten Tagen ivird nach Warschau eine Delegation der großen Emigrationsgesellschaften in Neiv Zlork abreiscn, die die Ausgabe hat, in Polen hinterlassenc Familienmitglieder von Emigranten zu ihren Familienvätern »ach Amerika zu überführen. Bis jetzt haben sich in Neiv Aork, .Kanada und anderen Teilen Amerikas mehr als öO 000 Juden gemeldet, die von der diesmaligen Vermittlung Gebrauch mack-cn ivollc». Tie Delegierten sind von Seilen der Regierung und der Schiffsgesellschaften mit »reitgehendsten Befngnisien a»rsgestattet. Palästina. Jerusalem. James v. Rothschild-London überwies der Zionistischen Lrganisation 500 Pfund als „Debora- Preis für hebräische Poesie an der künftigen jüdischen Universität in Jerusalem. Tie Zinsen des Kapitals sollen alle drei Jahre an einen Studenten vergeben werden, der die besten hebräischen Gedichte während dieser Periode verfaßt hat. Jerusalem. Seil einiger Zeit erscheint hicrselbst ein amerikanisches Tageblatt unter dem Namen „Jerusalein News" in englischer Sprache. Das Programm der Zeitung ist diü Wiederaufrichtung der Herrlichkeit Jerusalems, in der Einheit und Friede herrschen soll. An der Spitze der ersten Nummer erschien ein Brief von General Allenby und des amerikanischen Konsuls. Demnächst soll auch eine griechische Zeitung ersckreincn. i - Air Wassersnot im Jahre 1784. Bon S. Andornitrefeld. Ter wiederholte „Wasserschwall" in diesen Eröffnungswochen des Friedensjahves 1920 hat wohl manchen Spürer veranlaßt, gleicher Erscheinung und Gefahr in vorigen Jahren nachzugehen. Al» der schlimmsten geilen eine wird der Winter 1784 bezeichnet, der «ine furchtbare Überschwemmung-brachte. Ihre Wirkung machte sich besonders den Städten Bonn, Köln, Mülheim, Deutz fühlbar. Zu den Betroffenen gehörten auch die jüdischen Gemeinden in diesen Orten in ihrer Gesamtheit und manche Eimclperson aus ihrer Mitte. Über die Entstehung und den Verlauf dieser Wassersnot gibt Brisch in seiner „Geschichte der Juden in Köln und Umgebung eine Darstellung, die dem Berichte der Augenzeugen Simon Kopenhagen entnommen und deren S a ch g e h a l t hier wiedcrgegeben ist: „Vom 11. Januar bis 27. Februar (1784) hatte sich eine 10—15 Fuß hohe! Eisdecke über den Rhein gelegt. Während er in den Niederllngen noch fror, war am Obcrrhein Tauwetter eingetreten. Ein machtvoller Eisgang trat auf dem Strom und feinen Nebenflüssen ein. Er fand an der Eisdecke des Niederrheins eine Hemmung. Die Schollen türmten sich zu Bergen, sperrten den freigewordenen Wassermassen den Abfluß und nötigten sie. sich in Strömen landeinwärts zu j ergießen. In wenigen Stunden wurden ganze Ortschaften zugrunde gerichtet, die brausenden Fluten entwurzelten die stärksten Bäume, und die gewaltigen Eisblöcke schnitten die Gebäude von ihren Fundamenten. Besonders empfindlich wurde die Überschwemmung den Juden der schon erwähnten Orte, die ihre Wohnungen in den Stadtteilen am Strom hatten. I n B o n n drang am 27. Februar die Flut in die Judenhäuser. Die Bewohner mußten in die oberen Stockwerke flüchten. Auch dort fanden sie keine Sicherheit vor den heranrückenden Schollen. Durch die Fürsorge des Kurfürsten Maximilian Friedrich wurde ihnen Hilfe in der Not. In aller Frühe schon erschienen der Premier-Staats- und Konserenzminister, Herr v. Gyinnich, der Konferenzminister und Kammerpräsident Graf v. Metternich und der General v. Kleist und blieben stundenlang, um durch ihre Gegenwart das plünderungssüchtigc Gesindel in Schach zu halten. Zugleich trafen sie Vorkehrungen zur Rettung der Gefährdeten. Tie meisten Juden verließen, nachdem sie die Thorarollen aus der Synagoge geholt hatten, die überflutete Straße. In den höher gelegenen Stadtteilen fanden sie bei christlichen Mitbürgern freundliche Aufnahme. Der kurfürstliche Leibarzt Moses Wolfs und der Vorsteher Baruch ben Simon Mergentheim zeichneten sich durch aufopfernde Tätigkeit aus und öffneten den notleidenden Glaubensbrüdern Haus,, Herz und Hand, so daß diese beruhigter den kotnmcnde'i» Tagen entgegenjehen konnten. In Deutz floh der größte Teil der Stadtbewohner in die Benediktiner-Abtei. Die Juden kämet» mit manchen christlichen Nachbarn in dem Hillicheimschen Hause zusammen. Doch der Festigkeit dieses Gebäudes konnten sie nicht lange vertrauen; sie baten um Aufnahme in das Klostergebäude. Sie wurden ihnen bereitwilligst zugestanden, die Klosterleute räuinten ihnen Zellen ein und gaben ihnen Brot, Butter und Trinkwasser. Am Freitag, dem 28. Februar, »vagten sich einige beherzte Männer in die Synagoge, holten die Thorarollen heraus uird brachten sie. den Rückweg über die Dächer nehmend, in Sicherheit. Am Sabbat- Nachmittag sttirzte die Synagoge zusammen. — Ain schlimmsten jedoch hauste das entfesselte Element in Mülheim. Der Überfall kam so schnell, daß die gefährdeten Bewohner nackt und bloß flüchten mußten. Hunderte von Menschen wurden in den Häusern von Wasser ünd Eisblöcken eingeschlossen, flüchteten vom ersten Stockwerk in das ztveite und auf den Speicher und wurden doch zum Teil Opfer der nachfolgenden Fluten. In kürzester Zeit tvaren 164 Häuser spurlos verschwunden, darunter die am Rheinufer aufgebaute Synagoge und vier von Juden I bewohnte Häufer.^Hier warmes unmöglitäge wesen, etwas i zu retten. Auch sechs Thorarollen mit ihrem Schmucke wurden von den Wellen fortgetragen. Auf einem kleinen Fleck, der wie eine Insel auS dem Wasser ragte, kauerten Tausende von Unglücklichen, Juden und Christen, Katholiken und Protestanten, die alles verloren hatten — starrend vor Frost, ohne Obdach, ohne Nahrung. Die Be-