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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-01-30 · 35 (30.1.1920) · p. Seite 51

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
35 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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München Die Polizetdtrektion teilt mjt : Fanatisch« Mitläufer der antisemitischen Bewegung haben, um ihre " politische Überzeugurm noch weiter in die Öffentlichkeit zu ttagen, auch zu dem Mittel gegriffen, auf Papiergeld. Dar. lehenkastenscheinen ufw., mit Schreibmaschine oder Gummialn gehässige Äußerungen über das Judentum aufzut. Diese Form des Kampfes wird zweifellos von den allerweitesten Kreisen auf das Schärfste mißbilligt. Sie schädigt aber auch den Verkehr, weil die für den Geldumlauf zur Verfügung stehenden Zahlungsmittel an Umlaufssähigkeit verlieren, da die Bevölkerung nicht bereit sein wird, derart verunzierte, gelegentlich auch mit unflätigen Bemerkungen versehene Papiere anzunehmen. Die Papiere verlieren selbstverständlich in ihrem Wert durch solche Aufdrucke nicht. Die Banken sind indes bereit, solches Papiergeld in einwandfreies Geld umzuwandeln. (Reichsgeld bei der Reichsbank, bayerisches Geld bei der Staatsbomk usw.) Trotzdem wird die Bevölkerung zur Bekämpfung des Unfugs aufgcfordert, solche Scheine im Verkehr nach Möglichkeit zurückzuweisen. München. Das bayerische Staatsministerium des Jnnem hat an seine Nachgeordneten Polizeibehörden folgende Verfügung gerichtet: „Die Anzeichen einer sehr lebhaften antisemitischen Propaganda mehren sich fortwährend; insbesondere wird durch massenhaft verbreitete Flugblätter gegen die Juden gehetzt. Bei der im Volke ohnehin schon vorhandenen Erregung ist es erforderlich, daß nicht auch nach dieser Richtung hin Beunruhigung geschaffen wird. Die Polizeibehörden sind daher unter Hinweis auf die M.-B. vom 7. Juni 1919 (Staatsanzeiger Nr. 145) anzuweisen, dieser Erregung ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist wichtig, die Personen zu ermitteln, die derartige Flugblätter und Anklebezettel Herstellen, aber auch die Personen, die diese Erzeugnisie ankleben oder sonst verbreiten, damit in allen geeigneten Fällen Strafeinschreitung erfolgen kann. Auch die judenfeindliche Presie ist ständig geeignet zu beobachten. Etwaige besondere Beobachtungen auf diesem Gebiete sind in den Wochenberichten zu erwähnen, gez.: Endres." Österreich. Wien. Tie Österreichisch-Israelitische Union fordert in einem Rundschreiben sämtliche Kultusgemeinden Österreichs auf, sich in Eingaben an die Staatskanzlei gegen die staatsrechtliche Anerkennung der jüdischen Nationalität auszusprechen, weil die Erfüllung dieser Forderung zur gleichzeitigen Durchführung der von den antisemitischen Parteien daran geknüpften Folgerungen führen müßte. Es sind dies: Ausschluß vom Recht des Grunderwcrbs, Ausschluß aus dem Heere, Prozentnorm bei der Beamtenemennung sowie beim Schul- und Bildungswesen, Aus- ' schluß aus dem Richterstande und der Staatsverwaltung. Wien. Nach entsprechenden langwierigen Vorarbeiten ist es jetzt der Jüdisch-Palästin. Reise- und Transport- Gesellschaft m. b. H. in Wien gelungen, neben verschiedenen anderen auch in Palästina zwei Zweigstellen zu errichten. Am 25. Dezember 1919 wurde durch Herrn Heinrich Stobinski die Zweigstelle Haifa eröffnet, während ungefähr zur selben Zeit Herr Dr. Emil Stein die Leitung des Büros in Jaffa übernommen hat. Es ist dies der Anfang zur Schaffung der für die gesamte jüdische Einwanderung nach Palästina so wichtigen und oft geforderten Jmigrationsämter. Für Deutschland besteht bereits seit längerer Zeit eine Ztveigstelle unter Leitung des Herrn Paul P. Lindenbcrg, Berlin SW. 61, Blückerstr. 23.wobiuaüe. den technischen Teil der Übersiedlung betreffenden Anfragen zu richten sind. Polen. Warschau. Die Warschauer Naje Arbajter Caitung, / das Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Poale-Zion) Polens, veröffentlicht, wie der Berlsner „Vorwärts" vom 7. Januar mitteilt, folgenden Brief. der dem Abgeordneten Dr. Schipper von politischen Gefangenen. verschiedener sozialistichen Parteien aus dem Minsker Gefängnis zugegangen st: „Genosten! Erreicht euch denn nicht der Berzweif» lungsschrei eurer Gcnosien, die in den polnischen Gefängnisten in Minsk schmachten? Wißt ihr nichts von den grausamen Taten, die gegen eure verhafteten Genosten begangen werden? Oder wißt ihr vielleicht doch, aber ihr habt keine Möglichkeit, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen? Allabendlich werden di« Räume des Minsker Spionagedienstes in ein Schlachthaus verwandelt. Die politischen Verhafteten werden wie Schafe gebunden, Hände und Füße zusammen, und sie werden auf bloßen Leib mit eisernen Ruten mörderisch geschlagen. Damit' sie^nicht schreien, wird ihnen der Mund mit Tüchern verburMn. Auch .Frauen werden mit Ruten-auf Roßen Leib ge»- schlagen. Kranke und schwache Frauen werden in kalte und finstere Einzelkammern eingesperrt. Wenn der Abend anbricht, wird die Stimmung unter den Verhafteten aufgeregt, denn niemand weiß, ob nicht heute ihn das Schicksal treffen wird. Genosten! Organisiert eine Protestaktion, damit die breiten Masten ihren Zorn gegen die an ihren verhafteten Genosten begangenen Gewalttaten zum Ausdruck bringen. Verliert keine Zeit, denn Zeit kostet Opfer. (Folgen mehrere Unterschriften.)?. 8. Wir legen einige blutgetränkte Tücher als Betveis bei. Sorgt dafür, daß alle sozialistisck)en Zeitungen unseren Hilferuf zum Abdruck bringen. Litauen. K o w n o. Tie litauische Regierung verkündete ein Gesetz, das die jüdischen Gemeinden als öffentlich-rechtliche Institution anerkennt und sie mit dem Recht auf Zwangsbesteuerung ausstattet. Holland. Amsterdam. Tie Weltkonferenz des Misrachi ist am 14. Januar in Ainsterdam eröffnet ivorden. Delegationen aus allen Ländern sind eingetroffen. Tie palästinensische Delegation besteht aus dem Chacham Baschi Benzion Usiel, Rabbi I. L. Cohen Fischmann und S. Meisel. Diese Delegation, die am 18. Dezember in London eintraf, hat eine Summe Geldes für die Kriegs- und Pogromopfer der osteuropäischen Länder mitgebracht. Suglaub. London. Die englisck)c Negierung hat den Vorsitzenden des „Advisory Committee for Palestine", den ehemaligen Minister Herbert Samuel, zum Ratgeber des Oberkommandierenden, Lord Allenby, für Palästina ernannt. Samuel wird in den nächsten Tagen nach Palästina reisen, um das Amt anzutreten. (Herbert Samuel ist einer der führenden Köpfe der englischen liberalen Partei. Er' war zweimal Minister, erst Postminister, dann Minister des Innern und im Kriegskabinett Asquith Blockademinister.) London. Wie schon gemeldet, hat sich Sir Stuart Samuel kürzlich für eine Beteiligung des Board of Deputies an dem Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz ausgesprochen. Aus London wird nun berichtet, daß die diesbezüglichen Verhandlungen einen günstigen Verlauf nehmen und daß Sir Stuart Samuel und Lucien Wolfs in die Delegation eintreten dürften. ^Stuart Samuel, der Chef der englischen Kommission zum Studium der Judenfrage in Polen, ist der Bruder Herbert Samuels.) ' Fraukreich Paris. Nach einer Mitteilung des „Temps" wird Sir Herbert Samuel, der zum administrativen und finanziellen Beirat des Marschalls Allenby auserjcl-rn ist. in diesen Tagen nach Palästina abreifen, um die Pläne der britischen

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