Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 35 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Man kommt aus ganz trübe Gedanken dabei und muß an den Narren denken, der da sagte: „ES ist meiner Mutter ganz reckt, daß ich friere, warum kauft sie mir keine Handschuhe?" Nein und tausendmal nein! Wir Juden wollen unS n>ahrlich nicht lächerlich machen mit solchen faulen und feigen Worten. Dazu aber müsien wir wisien, daß.es ein Mittel gibt, sie unmöglich zu machen: Dieses Mittel heißt Gcmcingeist. Wo Gemeingeist herrscht, wo ein wahrhaft brüderliches Zusammenhalten sich paart mit einem?roßen, idealen Ziel, da verkriechen sich solche Worte wie die Nachtvögel, wenn die Sonne kommt. Auf dem Misthaufen de- Partikularismus, der Zanksüchtelei, der Zweck- und Ziellosigkeit aber, da gackern die Hühner: „'s wird nischt!" und obenauf kräht lächeitlich der Hahn: „Ich Habs gleich gesagt!" E m i l C o h n. vllockenfwau. Tatsachen und Ergebnisse. « MNÄ i> ÄS8 I £ Deutschland. Berlin. Am Sonntag den 11. Januar fand Hierselbst im Büro des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes die 5. ordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge unter Vorsitz des Herrn Sanitätsrats Tr. Wreschner statt. Aus dem vom Schriftführer Dr. Neumann über die Vorgänge innerhalb der Deutschen Zentralstelle und der ihr angeschlosienen Kassen feit der letzten Mitgliederversammlung am 10. Mai 11-4 erstatteten Berichte ist folgendes hervorzuheben: Allen aussichtsreichen Arbeiten machie der Kriegsausbruch ein Ende. Die erste Kricgsmaßnahme bestand in der Instruktion der angeschlosienen Kasien bezüglich der in Kurorten vom Kriege überraschten Glaubensgenossen aus feindlichen Ländern und Unterbrechung der zwecklosen Weiterbeförderung der Wandcrarmen. Spätere Instruktionen betrafen dicq Beförderung der österrcichischen Heerespflichtigen, die Beförderung ode Zurückhaltung der Galizier je nach der Kriegslage in ihre Heimat, die Heimführung der aus den Konzentrationslagern Entlasienen. In den letzten Kriegs- >ahren trat die Frage der Rückbeförderung der von der Deutschen Arbeitszciurale nach Deutschland gebrachten, vielfach für die ihnen zugewicsene Arbeit nicht geeigneten oftlüdischen Arbeiter in den Vordergrund. Kurz nach Aus- Lnruef) der Revolution brachten die Pogrome die Welle der ostjüdisckwn Flüchtlinge ins Land. Trotzdem die Statuten dafür keine Handhabe bieten, haben doch die Provinzialkasien und die Berliner Durchreisekommission die richtige Empfindung gehabt, sich der Ausgabe der Beförderung, Belwrbergung und Unterbringung der Unglücklichen, soweit in ihren Kräften stand, sich nicht entziehen zu sollen. Zur Ostjudenfrage nahm das Referat des Herrn Gencralsekrerärs Dr. Kahn: „Die Aufgaben unserer Lrganisarion l»cim Hilfsw'erk für die Ostjuden" Stellung. Es streifte die Aufgaben, die dem Arbeiterfürsorgcamt, einer durch den Namen nicht erschöpfend bezeichnet«!! freiwilligen Bereinigung der mit der Ostjudenfürsorge sich beschäftigenden Organisationen, zuerst durch die halb zwangsweise Einführung der ostjüdischen Arbeiter, dann durch die beschleunigte Entlassung beim Friedenswerk. jetzt durch die Pogromflucht erwachsen. In dem sich anschließenden Referat des Herrn Dr. Neumann ülwr „Reorganisation der Einrichtungen _ der Deutschen -Zentralstelle" wurde ansgeführt, daß durch die neue Aufgalv der innere Aufbau und die bewährte Arbeitsmethode der Deutschen Zentralstelle kaum eine Veränderung zu erfahren brauche. Einen weiteren Ausbau erfordern allerdings die bisherigen Einrichtungen für Arbeitsbeschaffung und das Herbergsweseir. Ein Zusammenschluß aller örtlichen einschlägigen Institutionen zu Gunsten der Ostjulen unter Leitung der Provinzialkafsen ist unerläßlich. Zur Vermeidung von Zersplitterung ist eS notwendig, daß das Berliner Arbeitsamt darauf verzichtet, an Orten, w» bereits Institutionen der Deutschen Zentralstelle und der ihr angeschlosienen Institutionen, insbesondere deS Verbandes der Arbeitsnachweise bestehen, neue Einrichtungen zu treffen oder mit den bestehenden unter Umgehung der Deutschen Zentralstelle in Verbindung zu treten. Wo Abkommen mit dem Arbeitsamt getroffen find, ist deren baldige Beseitigung anzustreben. Für die Hebung der Leistungsfähigkeit hat «ine großzügig« Propaganda bei den Gemeinden und Privatpersonen auch innerhalb der bisher von der Organisation sich fernhaltenden Reichsteile Sorge zu tragen, aber auch der „Verein der Ostjuden" und die eine oher andere Organisation hätten sich der Deutschen Zentralstelle anzuschließen, die innerhalb des Arbeitcrfürsorgeamtes in bezug auf ihre speziellen Aufgaben ihr« SelbständiMit bewahren müsse. Die besonders durch die rheinische Kasie erfolgte Wiederanknüpfung der Beziehungen zu den westlichen Ländern ist der Ostjudenfürsorge nutzbar zu machen. Die an die beiden Referate sich anschließende anregende Debatte, an der sich außer den Referenten und dem Vorsitzenden ein großer Teil der Anwesenden beteiligten, erstreckte sich gleichzeitig auf die Ostjudenfrage im allgemein nen, auf die Reorganisation der Deutschen Zentralstelle und auf ihr Verhältnis zu den anderen Organisationen. Die allgemeine Meinung ging dahin, daß die Deutsche Zentralstelle erhalten und reorganisiert und mit dem Arbeiterfürsorgeamt zusammenarbeiten solle. Einstimmig gelangte der folgend« Antrag Caspary zur Annahme: „Die Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge tritt dem Arbeiterfürsorgeamt bei. Sie schließt ihre im Lande bestehenden Verbände und Kasien zur Mitarbeit bei der Fürsorge für die in Deutschland befindlichen Ostjuden zusammen und hilft dem Arbeiterfürsorgeamt bei jeder Fürsorge für die Ostjuden." Der Rechnungsbericht wurde angenommen und Decharg« erteilt. In den Vorstand wurden durch Züruf die nachbenanntcn Herren gewählt: Sanitätsrat Dr. Wrefchner-Berlin I. Vorsitzender, B. Feilchenfeld-Köln und Dr. Kahn-Berlin stellv. Vorsitzende, Dr. Neumann-Berlin und Dr. Hirsch-Halberstadt Schriftführer. H. Aron-Berlin und M. Beer-Berlin Schatzmeister. Einige Herren wurden dem Beirat zugewählt. Die Sitzung wurde um 2 Uhr geschlossen. Berlin. Ein Auftuf des Vaterländischen. Bundes jüdischer Frontsoldaten besagt: „Gewisienlose Hetzer versuchen, durch angeblich amtliche Zahlen, uns, die für das deutsche Vaterland mit Gut und Blut genau so gekämpft haben wie unsere christlichen Kameraden, als Drückeberger vor der Öffentlichkeit hinzustellen. Wir brauchen daher als Gegenbeweis wahrheitsgemäße Zahlen, die allein für sich sprechen. Es ist somit Ehrenpflicht eines jeden Juden, der an der Front gekämpft hat, zur Verteidigung seiner Ehre und des Andenkens unserer gefallenen jüdischen Kameraden unverzüglich seine genaue Adresse^ nebst Angaben über seine Fronttätigkeit dem Vaterländischen Bund jüdischer Frontsoldaten, Berlin W., Mohstraßc 69, einzusenden und möglichst auch dem Bund als Mitglied beizutreten. Der Bund kann seine Aufgabe, unsere Ehre zu verteidigen, nur erfüllen, wenn wir alle ihm als Mitglied zur Seite stehen und ihm durch unsere Zahlen die zur Abwehr nötigen Waffen geben." Hainburg. Der antisemitische Kampf mit den „geistigen Waffen" des Pogroms scheint sich auch gegen den tyten Stein zu richten. An dem von der Kaiserin^lisabeth von-Osterreich errichteten, abei7 rww Mlhelm IT.aus Corfu" verbannten Heine-Denkmal, das im Hofe eines großen Kontorhauscs in Hamburg eine Zuflucht gefunden hat, haben vandalische Hasser deS heute wieder so lebendig gewordenen toten Dichters ein Bubenstück schlimmster Art verübt. Sie haben das Standbild besudelt und den Zeigefinger der rechten Hand von der Figur abgeschlagen. * 1