Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 34 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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38 sichtbare Wirken des göttlichen Armes. Dieser Arm schob plötzlich die Geschichte Israels mit einem Rucke um ein Karret Stück vorwärts. Unter dem Schweigen der Hunderttausrnde vollzog sich das Unerhört«: Egypten vom Meere verschlungen. Israel frei! Das war einmal und nie wieder. Drei Wochen später kam Amalek nach der Wüste gezogen, um mit Israel zu streiten. Da mußte es selber kämpfen, mühselig, vom Morgen bis zum Abend, lind Amalek wurde wohl besiegt, aber nicht vernichtet. Es war für Israel kein Stillstehen und Schauen. — Di« Zeit der Wunder ist vorbei. ES spalten sich heute keine Meere mehr, auch gibt es keine Wogen, die wie ein Damm stehen zu unserer Rechten und Linken. Oder doch? Gibt eS noch Wunder? Nur daß wir sie nicht sthen? Daß sie unS sehr erklärlich sind? Jedenfalls: ES gibt mehr als wir sehend Di« Hilfe Gottes kommt öfter, als'es unS offenbar scheinen will. Wir merkens nicht. Woran liegt das? Ich glaube, unS fehlt das, was unser« Väter hatten, die Fähigkeit, stehen zu bleiben: Steht still und schauet! Die Stille ist die Mutter aller Religion. Darum hat allzeit die Nacht eine so große Rolle im religiösen Leben gespielt. Wie reden unsere gotterfüllten Psalmisten vom nächtlichen Lager, dasie mit Tränen netzen, vom Dunkel, das ihnen wie Licht ist, vom Sinnen und Suchen in finsterer Kammer, vom Schweigen und Zittern auf dem Bett? Das ist doch nur. weil die Nacht Stille bedeutet. Wenn die Wälder ruhen und das Meer der Ähren sich regungslos über die Felder dehnt, wenn die Vögel schlafen und alle Kreatur still atmend in den Armen des Schlummers liegt, dann kommt auch der Mensch zur Ruh«. Die Arbeit steht, das Schweigen tritt über die Schwellen der Häuser. Und mit dem Schweigen kommt das Sinnen, und die großen Lebensfragen tauchen auf. Wie kleine Steinchen fällt es uns in die Seele. Das sind die kleinen Tagesgedanken. Aber dort, wo sie hinfallen, ziehen sich Kreise auf der Flut. Und diese Kreise werden weiter und weiter, und so lange geht es, bis sie an die unendlichen Gestade stoßen. Stille muß man sein, um Religion zu haben. Um Religion zu lernen, muß man lernen, stehen zu bleiben. Ich gebe ohne weiteres zu. daß das heute nicht leicht ist. Die Zeit reißt uns fort. Wir müsien hetzen und jagen, raffen und reißen, streben und schaffen. Nicht wir sind es, die das Tempo angeben, sondern das. was um uns vorgeht. Die ' Maschinen sind schneller geworden. In fiebernder Hast geht der Pulsschlag der modernen Welt. Da heißt es nun: Steht still und schauet. Das ist schwer. Wir sind heute Kugeln auf wilder Bahn. Wir müsien erst ausrollcn, brauchen Zeit, um religiös zu sein. Jedenfalls um es zu werden. So liegt ein Krümchen Wahrheit in dem, was ein Spötter über Religion sagte: Ich habe keine Zeit dazu. Es gibt nun freilich in der Tat Menschen, die keine Zeit haben. Nehmen wir das schsimmste Beispiel: das Fabrjkmädchen, das an der Maschine sitzt. Für sie gibt es keinen Feierabend. Kommt sie abends nach Haus, so muß sie auch dort noch arbeiten, oder sinkt todmüde aufs Lager. Das find die unglücklichsten Menschen. Ihnen gegenüber gilt nur eines für uns: Kätnpfen wir dafür, daß jeder Mensch Zeit hat. jeder einen Feierabend. Das wäre ein Kampf für die Religion. Je mehr Zeit die Menschen haben werden, um so religiöser werden sie sein. Nur muß die Zeit auLgenutzt werden. Man muß sich in stillen Stunden die agen vorlegen. Fragen, die mehr sind als Tagesfragen, ragen, die ans ganze Leben gehen. Denn wenn erst ge- ^ggt wird,, so wirdmich geantwortet. Und-wenn di« Ant-- wort auSbleibt, so erwacht doch die Sehnsucht nach einer Antwort. Dann fängt die Hoffnung an zu blühen, und die Zuversicht streckt ihre Knospen heraus. Und die Bitte, kommt, das Gebet an den. den wir nicht kennen oder nicht,' kennen wollen. f So wird die Stille reich an Lauten, und das Stehenbleiben bringt uns weiter. Und wer es erst einmal versucht hat, in die Stille htnauSzuhorchen und im Stehenbleiben «in «eiterkommen zu sthen, der wird immer Wied« zurückkehren zu diesen Stunden, immer wieder Zeit gewtp. nen zum Stillstehen und Schauen, und schließlich wird «G ihm ein Wunder Vorgehen. Er wird einen Winkel in stirtchc Seele haben, der immer still ist, einen Winkel, in den er Wh jederzeit zurückziehen kann, auch im größten Lärm de» u« ges. Er mag selbst ein noch so unruhiger, lebhaftiger, sta». ker, heftiger, vorwärtsdrängender Geist stin, an einer Stele wird er doch ruhig, werden, sei» auch nur ein Pünktlein, du» in all dem Wirbel seiner Sinne und Triebe stst und stil bleibt. Diestr feste Punkt wird schließlich der MittelpuM seines Wesens werden, die Achst feines Lebens. Wie wo»n wir ihn nennen? Ich denke: Gott l E m i l C o h n. {Rochen rcbau. Tatsachen und Ergebnisse iSHBogsagsi Deutschland. Berlin. Professor Albert Einstein, der geniale Schöpfer der modernen Relativitätstheorie, hat sich, wie sch« mitgeteilt, bereit erklärt, an den Besprechsingen zur Gründung einer jüdischen. Universität in Jerusalem teil-sinehmen. In der englischen Presie war diese Nachricht »it der Absicht des Gelehrten, nach Palästina überzufiedek», motiviert worden. Professor Einstein dementiert die MAdüngen der englischen Blätter von stiner Übersiedelung m die zu begründende Universität in Jerusastm. Er sagt hierüber: „Nichts liegt mir ferner. Ich fühl« mich hier i» Berlin außerordentlich wohl. DaS sonderbare Gerücht kan« nur dadurch entstanden sein, daß ich als Jude selbstve»- ständlich lebhaften Anteil an derartigen Bestrebungen nehme. Ein Lehrauftrag für die Universität Jerusalem ist „ für mich schon deswegen eine Unmöglichkeit, veil ich ttir nicht der hebräischen Sprach« mächtig bin. Und danNw«e wohl theoretische Physik ein Lehrgegenstand, an den «nn wohl erst in allerletzter Linie bei der neuen Hochschule i« Jerusalem denken wird. Man fängt doch bei dem Böu eines Hauses nicht mit dem Dache an. Ich habe diesem { Gerücht nicht widersprochen, weil ich viel zu tun hätte, wenn ich all« die über mich umlaufenden Gerüchte widtelegen sollte." München. Der am 4. Januar hier abgehaltene Bertretertag der Deutschen Volkspartei beschäftigte sich zuerst mit der Judenfrage. Es heißt in der diesbezüglichen Entschließung: \ „Unter Ablehnung einer radikalen Entschließung, die keine Juden mehr in die Partei zulasten will, verwirft d« Vertretertag doch alle Bestrebungen, die unser deutsch»» Empfinden zurückdrängen zugunsten weltbürgerlicher und' wesensfremder Auffassungen. Er fordert die Zurückdrängung und Wiederausweisung der dem deutschen DoMtum so schädlich gewordenen Ostiuden und bekämpft insstesondere die seit der Revolution eingetreten« Übei^lutuUtz der leitenden Stellen durch fremdstämmigc Elemente." Köln. Folgendes Schreiben an ein Mitglied des V»rstandes des Kölner Bundes Kriegsbeschädigter, Kriegsteilnehmer und Hinterbliebener, Ortsgruppe Sülz-Klettenkektz, wird uns zur Verfügung gestellt: . _, .^öln-Sülz, den 20. Dezember ISIS.! Herr * Es ist mir nach unstrem wiederholten Zusammensttn und Zusammenarbeiten doppelt peinlich, Ihnen heute mitteilen zu müsten, daß verschieden« der Kameraden unsere» Kölner Bundes Anstoß an Jchrrm Wirken, d. h. Urrr Zug'wigkeit zu unserem Vorstand« nehmen, weil Sie nchch em Eigenen Zugeständnis der Abstammung nach Jode . j w ■