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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-01-09 · 33 (9.1.1920) · p. Seite 30

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
33 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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80; — \ Sonn. Am 24. Januar wird im hiesigen Bonner Bür- «rverein der rühmlichst bekannte Konzertsänger Raumow- FleischMann einm Liederabend veranstalten. Erst kürzlich durften wir in der Bonner Liedertafel den vollen Wohllaut feines sonoren Baritons bewundern. Er gilt zurzeit 'als einer der ersten Baritonisten des deutschen KomertsaaleS; bedeutende Musikverständige wie Humperdinck, Prof. Rob. Kahn, Prof. Trautmann-Gießen haben schon seit Jahren auf seine wundervoll gepflegten Mittel hingewiesen. Da ihn mannigfache Band« der Verwandtschaft und Freundschaft mit unserer Gemeinde verknüpfen, weisen wir unsere Leser schon heut« auf den vielversprechenden Abend hin, dessen Klavierpart der bekannte Frankfurter Komponist Bernhard SekleS übernommen hat. Bonn. Am letzten Sonntag fand nach fünf KriegSnrrn zum ersten Male wieder eine Generalversammlung Vereins für jüdische Geschichte und Litttatur statt. In mehrfachen, zwischen den Vertretern der verschiedenen Organisationen der Bonner Gemeinde gepflogenen Vorbesprechungen war man zu der Überzeugung gekommen, daß eine Wiedereröffnung des Vereins in alter Form und in altem Sinne den Zeitverhältnissen nicht mehr entsprechend sei, sondern daß mehr als bisher die brennenden Lebensfragen deS Judentums in Vorträgen des Vereins behandelt und durch Diskussionen geklärt werden mühten. Man kkrsprach sich davon eine Erweckung des jüdischen Lebens in Bonn. Die Neuwahl des Vorstandes hatte folgendes Ergebnis: Dr. Lichtenstein, 1. Vorsitzender; Rechtsanwalt MayerkI, Rabbiner 0r. Cohn. Kantor Baum. Frau Solo Simon, Frau Emilie Cahn, Frau Emma Stern. Louis David, Rechtsanwalt Herrmanns, Ma; Goldreich. Der Bote erzählt: — Der Anteil a» der undern Welt. lForisehung.) „Wen siehst du? Was geht vor?" wiederholte Frau Blümele die Frage, aber Reb Mosche antwortete nicht, sondern machte Licht, sprang vom Bette, zog rasch Beinkleid und Pelzrock an, setzte sich trotz'aller Mahnungen und Bitten seiner Frau an den Tisch, schlug seinen Folianten wieder auf und las stundenlang darin, länger als Frau Blümele abwarten konnte, denn sie schlief nach einer Stunde äußerst unruhiger Beobachtung wieder ein. Am folgenden Tage fühlt« sich Reb Mosche so zerschlagen und elend, daß er eine notwendige Reise unterließ und zu Hause blieb. Allem Drängen seiner Frau, die um eine Erklärung bat, setzte er hartnäckiges Schweigen entgegen. Er blieb stundenlang unbeweglich über seinen Talmudfolianten und ging nicht einmal in die Synagoge, sondern verrichtete zu Hause die drei Gebete. Tagsüber stumpf und düster, wurde er mit anbrrchender Nacht unruhig und rastlos und seine Auflegung wuchs in dem Maße, wie es spät und später wurde. * „Geh schlafen", flehte Blümele ein über daS anderemal. „Laß mich in Ruhe", gab er barsch zurück. „Ich werde schon selbst willen, wann ich schlafen gehen soll." Als der Zeiger an der Wanduhr zehn Minuten vor Mitternacht zeigte, öffnete Reb Mosche «inen Schrank, nahm di« Hawdala heraus, zündete sie an und. klebte fie auf den Tisch neben die Lampe, die er zur vollen Helle aufschraubt«. Diese Vorbereitungen erfüllten Frau Blümele mit unsagbarem Grauen. Sie starrt« mit verhaltenem Atem auf ihren Mann und verlor kein« seiner Betonungen. Reo Mosche achtete nicht auf sie, schien aber nicht minder aufgeregt und las mit halblauter, unsicherer Stimme in leidenschaftlichem Singsang den Gemara-Text, den kr vor fich auf. geschlagkn hatte. Plötzlich ertönte von der Wanduhr der erste Schlag der Mitternacht. Reb Mosche warf den Kopf in di« Höhe, in dem Luftzug, den er davürch erregte, flackerte die Hawdala auf. er keuchte: „Schon wieder!" Frau Blümele stieß einest Schrei aus, fuhr mit gesträubtem Haar zu» Tür hinaus in die Nebenstube, wo die Kinder schliefen, und siel mit Gepolter zu Boden. Sie hörte aber noch, wie Reb Mosche mit der Stimm« eines von Todesangst Geschüttelten röchelte: -.Was willst du von mir? Was Hab ich dir getan? Geh. in deine Ruhe! Geh in deine Ruhe!" Die Kinder erwachten und fingen an zu zetern, das ganze Haus geriet in die größte Auflegung, auch daS christliche Dienstmädchen stürzte aus der Kammer herein. Di« Gegenwart der Polin brachte Reb Mosche zur Besinnung und Selbstbeherrschung, er schickte allezu Bette, chat auch Blümele. sich zu beruhigen, und legte fi<6 ebenfalls auf sein Lager, um ein gutes Beispiel zu geben. Aber er ließ Lampe und Hawdala brennen, was sowohl ihn wie Frau Blümele verhinderte, auch nur die Augen zu schließen. Ihr« unablässigen Bitten, ihr doch endlich zu erklären, was vorging, vermochten nicht, seinem eigensinnig geschlostenen Mund ein Wort zu entlocken. Als eS Tag wurde, sagte Frau Blümele entschlossen: „Mosche, so geht eS nicht weiter. Seit drei Nächten schlaf ich nicht. Ich kann nicht mehr auf den Füßen stehen. Du auch nicht. Sag nur, waS dir fehlt." „Mir fehlt'nichts." „Du siehst Geister." Reb Mosche erbebte. „Hast du ihn auch gesehen?" „Nein, du hast mich verwirrt gemacht. Aber eS war nichts zu sehen. Es find Einbildungen von dir. Du bist krank. Du mußt zum Doktor fahren/' Reb Mosche schüttelte den Kopf. „Das ist keine Sache für Doktoren." y „Das meinst du. "Geh, Mascheleben, tu mir den Gefallen. Fahr zum Doktor. Sonst schick ich nach Lisia und bitte ihn. hnauszukommen." „Nicht unterstehen!" braust« Reb Mosche auf, da aber Frau Blümele nicht ablieb, verlangte er, daß fie ihn zufrieden laste, am Nachmittag werde er sehen, was zu tun sei. Er ging in die Synagoge und nach dem Morgengebet« machte er trotz Kälte und Schnee einen langen einsamen Spaziergang auf der Landstraße.' Das Ergebnis seines Grübelns war. daß er beschloß, nicht zum Doktor, wohl aber zupr Rabbiner zu gehen, fich ihm anzuvertrauen, ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Er kehrte um und ging raschen Schrittes nach der Wohnung des Rabbiners, den er zu Hause traf. Er erzählt« ihm die Geschichte von dem Chelek bolam habo, den. er Hirsch Guttmann im Spiel abgenommen hatte, legte ihm den Abtretungsschein vor und fügt« mit banger, kaum hörbarer Stimme hinzu: „Seit Hirsch gestorben ist, kommt er jede Nacht zu mir und ringt die Hände und jammert, er will seinen Chelek bolam habo wiederhaben." „Im Traum?" fragte Rabbi Herz Hirschberger kopfschüttelnd. „Nein. Reb Herz, ich bin wach, ich seh ihn, ich hör ihn. ich spür seinen Grabgeruch." Rabbi Hirschbcrger war «in vergleichsweise aufgeklärter Mann und glaubte nicht recht an Gespenster. «Ich hatte nicht gedacht, daß Sie ein so überspannter Mensch find, Reb Mosche", sagte er. 1 „Schlagen Sie sich die Geschichte aus dem Kopf. Es war eine große Sünde, mit heiligen Dingen ein Spiel zu treiben. Aber Sie sind durch Ähre Angst ^cnug gestraft/ Morgen ist Freitag. Fasten tnair genug geitraft. weorgen t|t iftertag, _ Sie «inen Tag, lasten Sie sich SchabbeS auflufen- und schnobern Eie für di« Armen, das ist genügende Buße." Reb Mosche hört« kopfhängend zu, schien aber nur halb beruhigt. „Und was soll mit dem Schein geschehen?" „Verrennen Sie ihn. Das ist doch Stuß. Seinen -Chelek bolam habo kann man vielleicht verlieren, aber man kann ihn nicht verkaufen."

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