Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 32 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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,Hch scherze Sicht. Wenn du nicht «mimmst! so werde» wir wlffm, daß dü an die andere Welt nicht guugft" JBfc willst du mir deinen Anteil an der andam Welt «btreten?" ,Mie? Wir machen die Sache schriftlich fest. Ephraim. Zid mir Tinte und Papi«." Schlesinger, der in dem krausen Einfall «inen guten Ulk sah. beeilte sich, da» Verlangt« zu bringen. Mir hoch schätzt du deinen Thelek bolam habo?" fragte Reb Mosche, während Hirsch in jüdisch« Schrift eine förmliche Abtretungsurkunde über seinen Anteil an der andern Welt aufsetzte. ,Piel wird « nicht wert sein", warf d« Krüger mit versteckt« Anspielung auf die Gerüchte über, pirsch Gull« mannS zweifelhafte Frömmigkeit ein; „sagen wir 1 Mark." „Eine Mark!" rief Hirsch empört, „bin ich «in Mefchmned')? ° Hast du mich Chaser essen sehen?" ,Hch nicht", erwiderte Schlesinger blinzelnd. „Sind dir fünf Mark und die Uhr rechts" ftagt« Reb Mosche. DaL Geschäft war ihm im Grunde unbehaglich und er wollte «in Ende machen. „Da komprst du noch immer wohlseil zu einem feinen Ehelek bolam habo", sagte Hirsch nicht ohne eine Abficht, leisen Spottes erraten zu lassen, legt« daS unterschrieben« Papi« hin und begann di« neue Parti«. Er spielte mit einer Art Galgenhumor, Reb Mosche eigentümlich ängstlich und ernst. Die Aussichten wechselten. Als Hirsch Guttmann einmal mit einem Trumpf stach, witzelte er: „So wird mir mein Chelek bolam habo doch ein. mal zu etwas nütze gewesen sein!" Reb Mosche hatte eigentlich nicht gewinnen wollen. Aber eine gewisie Spielereigenliebe und die vom Willen des Handelnden unabhängige Logik der Handlung selbst rissen ihn fort, er nahm sich nach Möglichkeit zusammen und gewann tatsächlich wieder. Er steckte mit der Uhr und dem Gelbe das Papier ein und sagte: „Wenn du charote hast, kannst du deinen Chelek bolam habo wieder haben. Du sollst mich billig finden? „Nein, behalte ihn nur. Er ist bei dir in guter Hand", stotterte Hirsch, «hob sich und rängerte schläftig seinen un- «schlachten Leib. Im Weggehen bewerte er halblaut zum KÄger: „Wenn mein Anteil im Gehenom') liegen sollte, so würde Reb Mosche ein schlechtes Geschäft gemacht haben." Am nächsten Morgen verließen Guttmann und Rosenthal in gewohnter Weise das Dorf, um ihren Geschäften nachzugchen. Montag nachmittag kam Reb Mosche heim und die erste Frage, nachdem er seine Blümele geküßt und auf ihr« Erkundigung nach seiner Gesundheit und den Geschäften während der beiden Tag« geantwortet hatte, war wie immer: „Was ist Neues in der Kille?" „Denke dir. Mosche", erzählte die Frau. ,,d« Vetter Hirsch ist gestern in G. gestorben." Reb Mosche wurde totenblaß und faßte mit beiden Händen nach dem Tisch in der Wohnstube, wo er mit seiner Frau stand. „Hirsch Guttmann?" brachte « heraus und lispelte fast unhorbar: „Boruch dajon emes." „Ja, Hirsch Guttmann. Aber was ist dir. Mosche? Bist du krank?" rief Frau Blümele besorgt, als sie die Zerstörtheit seiner Züge bem«kt«. „Nichts. Ich komme aus d« Kälte", murmelte Reb Mosche, knöpfte seinen Pelzrock auf, setzte sich und wischte sich den plötzlich auSgebrochcnen Schweiß von der Stirn. „Wie ist das geschehen?" „Heut ist Pferdemarkt in G. Hirsch hat gestern abend mit Bauern im Wirtshaus Branntwein getrunken und wie «ist aufgestanden und hinausgegangen, hat ihn vor.der Tür der Schlag getroffen und er ist auf der Stelle tot geblieben." „Ohne sein« Leut« um sich", sprach Reb Mosche vor sich .Hat man das Meß hergebracht?" „Nein. Seine Betty ist mit dem ältesten Sohn vormittagnach G. gefahren." Reb Molche sagte kein Wort mehr und blieb in Gedanken vertieft. Er gtna in die kleine Synagoge pm Abendgebet, nach dessen Beendigung die Hausväter wte gewöhnlich kurze Zeit im Vorraum zusammen blieben. Do» Gespräch dreht sich ausschließlich um den plötzlichen Tode», fall und man «örterte eifrig, ob die Beerdigung in G. oder im Heimatsdorft stattfinden werde. Die allgemein« Meinung ging dahin, daß das Herschaffen d« Leiche zu kostspielig und umständlich sei und di« Famlli« best« tu» würde, Hirsch Guttmann in G. begraben zu lassen, wen» die dortige Chewra kadischa keine allzu unbilligen Forderungen stellen würde. Auf dem Heimwege sagte Ephraim Schlesinger zu Reb Mosche: „Dahat sich d« arme Hirsch Guttmann voraestem auch nicht ttäumen lassen, daß «fei* nen Chelek bolam habo sobald würde nötig haben." Reb Mosche antwortete nichts, sondem verließ den Krüg« rasch und ging allein nach Hause. - Er berührte kaum sein Abendbryd und begab sich früh zur Ruhe. In d« Nacht fuhr « einigemal« mit einem lauten Schrei aus dem Schlaf empor und setzte sich mit einem Buch« im Bett auf, so daß er auch Blümele weckte. „WaS hast du. Mosche", fragte sie jedesmal angstvoll, als sie ihn mit weit aufgeristenen Augen dafitzen und in d« Richtung zur Tür in di« Dunkelheit starren sah. Er murmelt« nur «inen hebräischen Spruch, zog die Baumwollnachtmütze üb« die Augen und legte sich in die Kisten zurück, bis der Vorgang sich eine Stunde später wiederholte. Bei Tagesanbruch stand « auf, brummte auf die dringenden Erkundigungen seiner Frau nur unverständliche Worte und setzte sie durch sein sonderbares Beginnen in Erstaunen. Er machte nämlich alle Mesusoth von den Türpfosten los, zog die P«gamentstreif«n aus den Messinghülsen rnitder kleinen verglasten' Öffnung, rollte sie auf und prüfte aufmerksam und lange die Schrift. Er entdeckte anscheinend nichts Unregelmäßiges, denn er schob sie in die Kapsel zurück und nagelte di« Amulette wieder an die Pfosten. Beim Morgengebet in der Synagoge «fuhr «. daß Hirsch Guttmann in G. begraben werden würde. Er entschloß sich sofort, zur Beerdigung hin zu fahren. Man fand daS natürlich, da « «in V«wandt« war, aber d« Familie und den Juden in G., die dem Leichenzug folgten, fiel sein Kuminer auf, den sie für übertrieben erklärten, und während er am Grabe mit auß«ordentlicher Inbrunst und Selbstversunkenheit betete, stellten sie untereinander Betrachtungen darüber an. ob er ein Heuchler sei und welchen Vorteil « sich wohl davon verspreche, daß er so unttöstlich tue. Kaum waren alle nach dem Dorfe heimgrkehrt. da ging Reb Mosche zur Witwe, die vorschriftsmäßig in Strümpfen am Fußboden saß, und sagte ihr, er komme nicht nur, um „Mcnachem owcl" zu sein, sondern auch, um ihr wiederzugeben, was dem Verstorbenen gehörte und was dieser ihm scherzweise am Sadbathabend zur Aufbetvahrung anvertraut habe. Er steckte ihr die silberne Uhr und die fünf Mark, die er im Spiel gewonnen hatte, in die Hand. Er war mit der Absicht gekommen, auch die Schrift zurückzugcben, ab« im letzten Augenblick wurde er andern Sinnes. Er scheute daS Gerede der Gemeinde über den frevelhaften Handel. Diesen Abend blieb er bis zu später Stunde üb« «inen Talmudfolianten gebeugt und es war nahe an Mitternacht, als «sein Lager aufsuchte. Er hatte kaum eine halbe Stunde geschlafen, da fuhr er wieder mit einem furchtbaren Schrei in dfe Höhe. Blümele schrie auch auf. faßte ihn am Arm und tief: „Mosche! Mosche! Was fehlt dir?" Reb Mosche machte seinen Arm los, streckt« ihn gegen die Finsternis aus und flüsterte, am ganzen Leibe wie Espenlaub zitternd, und sagte: „Siehst du ihn denn nicht?" „Wen, Mosche, wenT Seine Angst machte sie nun gleichfalls bang und sie wagte kaum, nach der Tür zu blicken, auf die sein« bebende Hand wies. >»>«> > 1) Anteil an der künftige» Welt. 2) I» der Hdlt.