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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-12-26 · 30 (26.12.1919) · p. Seite 345

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
30 (26.12.1919)
Date
1919-12-26
Page
Seite 345 (sequence 7)
Language
German
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unterI" So ist emit Israel: Sein Wohl und Wehe liegt in der Hand jedeeinzelnen Juden. Talmud. » » - Der angesehen« Berliner Landgerichtsrat L. wurde dereinst in- Ministerium gerufen und ihm von dem betreffenden Dezernenten nahegelegt, sich taufen zu lasten, er würde daun sofort Landaerichtsdirektor werden. L. antwortete, er sti zwar kein gläubiger Jude, habe aber noch «ine altfromme Schwiegermutter, der zuliebe er den Schritt nicht tun könne. würde für die alte Dame einen furchtbaren, nie zu verwindenden Schlag bedeuten, ivenn der Gatte ihres einzigen Kindeabtrünnig würde. Der Ministerialrat zeigte lebhafte- Verständnis für diests Argument und entließ L. mit dem Ausdruck vollkommener Wertschätzung. Nachdem etwa ein Jahr vergangen, imnty L. abermals ins Ministerium gebeten, wo derselbe Ministerialrat ihn mit den Worten . empfing: „Na. mein lieber L.? Lebt Ihre Schwiegermutter noch?" * » * Profeffor Linst ein. Ein jüdischer Name und ein großer Name, der sich durch seine Entdeckung deauf die Zeit angewandten „Relativität-Prinzips" nicht nur im Fluge die Welt erobert, sondem auch die ganze Welt in unserm Kopfe erschüttert hat. Seit Kopernikus kam und die Kugelgestalt der Erde bewies, ist auch di« Relativität des Raumebewiesen, d. h. bewiesen, daß „oben" und „unten" je nach dem Standpunkt des Beobachters ganz verschiedene Begriffe find: Am Südpol'ist oben die Richtung, die am Nordpol unten ist. Prof. -Einstein in Berlin, der Jude, hat die für den Laien von heute unfaßbare, aber gefühlsmäßig als gewaltig empfundene Entdeckung gemacht, daß für die Zeit dasselbe gilt: Auch für die zeitliche Folge kommt es auf den Standpunkt des Beobachters an, und tvas nach der Taschenuhr gleichzeitig ist, ist noch lange nicht gleichzeitig. Wer nur eine Spur von Vorstellungskraft hat, muß, auch wenn er vor dem Verständnis des gefundenen Gesetzes die Waffen streckt, ahnen, welche ein« Umwälzung diese Entdeckung auf dem ganzen Gebiete des menschlichen Denkens nach sich ziehen muß. Wahrlich, ein großer Name, der Name Einstein, und ein jüdischer dazu. Aber dieser Tage hat Einstein bewiesen, daß er nicht bloß dem Namen, sondern auch oem Fühlen nach ein ganzer Jude ist. Die Times in London sprach nämlich bei Behandlung der Entdeckung, deren Bestätigung jetzt eine astronomische Expedition von Engländern fand, immer'nur von dem' „Schweizer Juden" Einstein, während die Berliner Blätter von dem „Triumph der deutschen Wiffenschaft" schrieben. Dies veranlaßte Einstein zu einer Bemerkung, die den Schluß einer in der Times erschienenen Abhandlung bildet, und ebenso wahr wie witzig ist, vor allem aber für Einsteins jüdisches Empfinden zeugt. Er sagt: „Mittels der Anwendung der Theorie der Realivität auf den Geschmack der Leser werde ich heute in Deutschland ein deutscher Gelehrter genannt, während ich in England als ein schweizerischer Jude hingestellt werde. Falls ich einmal als «in schwarzes Schaf betrachtet würde, würde man die Bezeichnungen wohl umkehven: ich würde für die Deutschen «in schweizerischer Jude und für die Engländer ein deutscher -Gelehrter tverbcn. Wir haben dazu zu bemerken, daß es angesichts solcher Tatsachen wieder einmal zu bedauern ist, daß wir Juden „keine eigene Firma" haben, wie der gescheite Dr. Pinsker einmal sagte. oder noch bester keiwrigenes Konto, durch des-, sen jederzeit vorzeigbare Bilanz wir der Welt auch jederzeit beweistn könnten, was der Jude zu leisten vermag. » » » Ein guter Kauf. Berthold Geigenmayer ist im Westend geboren und erzogen und hat von der Religion seiner Väter nur noch blasse Vorstellungen. Da sein« Geschäftsfreund« sich auS vörsenkreisen rekrutieren, so führen ihn sein« Wege auch öfters in die Oststadt. Am Hauschonohrabbomorgen bez sucht er leinen Freund Jona- Blum in einer geschäftlichen Angelegenheit. Herr Blum steht beim Eintritt Geigenmchiers am Telefon, in Abwicklung eines Geschäftes begriffen. Unwillkürlich ist Geigenmayer Zeuge dn Verhandlung. Blum ruft in den Apparat: „Ich must es haben, Geld spielt keine Rolle. Sie können für mich bieten bi- 690—700 Mark. Es ist eine sehr gute Sache ..." Geigenmayer denkt: Blum ist ein geriebener Geschäftsmann. Denn er eine Sache für sehr gut hält, so ist sie auch sehr gut und wenn er für «inen Artikel 700 M. zahlt, so ist er für ihn, Geigcnmalfer, um 50 Prozent mehr wert. Cr bietet auch gleich, nachdem das Telefongespräch zu Ende ist. darauf los: . „Ich kauf« Ihre Ware unbesehen für 800 Mark!" „Nein, mein Lieber," lehnt Blum ab, „um die Bagatelle gebe ich sie nicht weiter/' „Neunhundert!" „Nicht unter Tausend!" „Gut!" „Abgemacht!"- EinenLag nach Simchasthora meldet sich der Diener eines Beshamidrassch in der Oststadt beim Herrn Geigenmaller und repräsentiert eine Quittung über 1000 Mark. Im Begleitschreiben liest Herr Geigenmayer: „Im Aufträge von Herrn Jonas Blum wurde fiir Sie „Choson Thauro" gesteigert und zum Preise von 1000 Mark gekauft. Wir danken Ihnen für die schöne Zuwendung im Namen unstres Lchrhanses und teilen Ihnen mit, daß wir in Ihrer Abtvesellheit die Würde unserem Vercinsrabbiner übertragen haben, der Ihnen hiermit ebenfalls seinen herzlichsten Jascherkauach sagen läßt. Den Betrag wollen Sie gütigst dem Überbringer diests. unserem Vereinsdiener, aushändigen." * Herr Geigenmayer wird nächstens, wenn er am Hauschanohrabbo im Ostviertel Geschäfte macht, etwas vorsicbtiger zu Werke gehen. („Israelit.") » „Kannste mir 1000 M. leiben?" „Wozu?" „Nebbkch, ich Hab 2000 M. Nedan') versprochen, und cs fehlen mir 1000 M." \ „Chammer! Haste 2000 M. 'versprochen, brauchst« doch nur 1000 M. zu geben!" „Ja, d i e 1000 M. fehlen mir eben." l> Mitgift. Die jüdische Geschichte ermahnt die Juden: „Nobleste oblige." Das Vonecht, zu einem.Volke zu gehören, den, der ehrenvolle Titel eines Veteranen der Geschichte verliehen wurde, legt ernste Verpflichtungen auf deine Schulter:-Du mußt zeigen, daß du deiner heroischen Vergangenheit wü» big bist. S. M. D u b n o w. Sücherschaa. „Di« Indische Wtnderunz". Di« Jüdische Emigratio»S-Orga- »isation sJ. T. O.s gibt soeben da» erste Heft ihrer Mitteiluno-n unter dem Titel „Die Jüdische Wanderung" herau». Die Mitteilungen enthalten zahlreiche Artikel und Nachrichten au» dem Gebiete der jüdischen WanderungSsrag«. Pros. Dr. Silbergleit behandelt da» Problem der Ostjudeu, Prof. I)r. S. Äolischer weist ans die kommend« Judenwanderung hin und bespricht die Verwendung von Ostjuden beim Wiederaufbau Nordfrankreich», ein Gedanke, der von Br. Kinkel nach den verschiedensten Gesichtspunkten weiter ausgesponnen wird. -Bk Dheodor Metz sgranksurt a.M.)-bespricht den Stand der jüdischen Wanderung»frage. Der Zweck der I. E. O. sowie speziell der Mitteilungen wird von Br. Sußnitzki und von Br. Marx behandelt. Interessant« Berichte au» Schlesien svon Waldstcin-BreSlauj, au» Litauen svon Wilentschuk-Sownol und au» den verschiedensten anderen Ländern schließen sich an. „Die Jüdisch« Wanderung", die den Mitgliedern der I. E. O. zugebt und einzeln zum Preise von l M. zu beziehen ist. weis« in der Mischen Publizistik eine neue, interessante Rote auf. * * * Dr. L. «einder,-. ..Da» jüdische Palästina". Di« soeben im Verlag „Jüdische Rundschau" erschienene Schrift gibt, von

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