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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-12-26 · 30 (26.12.1919) · p. Seite 344

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
30 (26.12.1919)
Date
1919-12-26
Page
Seite 344 (sequence 6)
Language
German
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war ein Erkertürmchen, zu gleicher Erde altf den Gassenstein stotzend, von außen vergittert, von innen mit einer drehbaren Wand versehen, an die gefesselt der arme Sünder mit entblößter Brust herausgeschoben ward, um den Schimpfwörtern der Menge und den Steinwürfen des Pöbels preisgegeben zu sein. Diese scheußliche Prozedur, die das menschliche Gefühl empört und die tieri chen Leidenschaften aufstachelt, hatte die fromme evangelische Regierung wieder eingeführt, nachdem die gottlosen Franzosen sie bei uns abgeschafft hatten. Und da sollte nun der ausgestellt werden, der, leider Gottes! zu unserer Familie gehörte, auf der kein Untätelchen eines Makels jemals gehaftet hatte. Den Tag vergeß ich nie. Er war für die ganz« Gemeinde ärger als Tischo-b'af. Die Läden der Juden blieben alle «schlossen, auf der Straße war keiner zu sehen; selbst die Kinder behielt man aus der Schule zu Hause, damit ihnen die Gassenjungen ekin Leid antäten. „Ich muß dir sagen, Kind, daß ich mir feig und ctenb' vorkam. zu Hause zu bleiben und an mich zu denken, wo die arme Tante Guttraud in Kummer und Herzeleid vergehen niußte. Ist es ein gottgefälliges Werk, zu Sterbenden zu gehen, wie darf man da eine allein lassen, deren Seele eines hundertfältigen Todes stirbt? Ich sagte es deinem Vater. „Tu, was du willst!" sagte er, ,>ich geb schon auf die Kinder Obacht." Ich nahm mein Tuch und lief hinüber, ohne mich umzusehen, aber ich fand die Tür verschlossen und rüttelte vergebens. Die Nachbarin, die Schneiderin Engelbrecht, kam auf die Stiege und sagte mir, die Mädchen hätten sich von innen eingeriegclt und die arme Madame sei fort. — Fort! fort! Wohin? „Weiß mans denn?" sagte die Cngelbvechtin achselzuckend, „der Mensch in der Verzweiflung weiß nicht, lväs er tut. Herrje, die arme Frau dauert mich." Ich schlich davon mit noch schwererem Herzen. Solltest du's glauben, Kind, ich war imstande, das, was die Frau gedacht, der Heiligen zuzutrauen. Ja wohl! Sie hat sich was angetan. Aber wie schämte ich mich, als ich erfuhr, was sie sich aMtan hatte! „Die Stunde war gekommen; eine unzählige Volksmenge füllte den Markt; die brutale Masie freute sich auf das brutale Schauspiel und johlte Schimpflieder auf die Juden. Man hatte Polizeidiener und Militär aufgestellt und die nächsten Zugänge zum Rathaus abgesperrt. Vom großen Fenster herab verlas ein Gerichtsschöffe das Urteil, dem die Menge schallend zujubelte, und' nun drehte sich die verhängnisvolle Wand und mit entblößter Brust, das Antlitz gesenkt, das der im Kerker verwilderte Bart noch mehr entstellt«, ward der Unglückliche sichtbar. Ein neues, noch wilderes Geheul. Schon bückten sich einzelne nach Kieselsteinen, die den Verbrecher treffen sollten, da (alles, was ich dir hier erzähl«, war im Wochenblättchen genau beschrieben), da öffnete sich die kleine Tür des Rathauses in der Fischaasse und sie trat heraps, Tante Guttraud. in den von den Soldaten abgesperrten Raum^ und statt hindurch zu gehen, blieb sie am Eckstein vor dem Pranger stehen, hob sich am Eisengitter mit der dürren, nackten Hand empor und stand, frei und allen sichtbar, dicht neben dem Mann auf der Schandbühne, dem Manne, dem sie unter der „Chuppe" Treue geschworen hatte. So stand sie stundenlang, und nicht mit der Berzweiflungsmiene, wie man die Mutter unter dem Kreuz abgemalt sieht, nein, ruhig, als ob sich das von selbst verstünde, mit den-Lippen nur leise zuckend, als ob sie innerlich bete, und die Augen auf ihn geheftet, der za ihr hinabsah, toährend dicke.Tränen in seinen Bart fielen, die er sich nicht abtrocknen konnte. I „Das war. wie wenn ein.,Blitz, neiir, wie, wennciru Lichtstrahl von Gott auf die Menge gefallen wäre. Die Schimpfwort« und das Geheul waren verstumnu. „Sein .Mldiges Weib!" rief eine Tiele schlichen sich' Soldaten kein Gedränge mehr abzuwehren Pfarrer Matthias, der zum Abendsegen in die 'eti wollte und der das Vorgefallene in der Marktgasse eifuhr, trat nahe heran und zog den Hut ab. „Wie ein Lauffeuer wars durch die ganze Gemeind« geflogen und nach und nach war alles auf den Markt geströmt. DaS Gefühl der Schande war aus ollen Herzen gewichen und hatte dem des Stolzes Platz gemacht. DcS Derbrechen war überall und zu allen Zeiten erhört; unerhört war Nur das Märttsrertum der ehelichen Treue. DaS war ein stilles Bewundem, ein Kopfschütteln, ein Zucken, ein Schluchzen der Rührung, und der alte Raf hob die Hände empor und rief laut: „Gott, verzeih mirs, so alt ich bin, weiß ich doch nicht, waS man darüber für eine Brache machen soll. i- „Jch glaube immer, es war auf deS Bürgermeisters Schomburg Einschreiten, daß die Zeit abgekürzt wurde und der Arme bald darauf den Blicken entschwand. Nun wollte die Menge das Spalier durchbrechen; sie hätten vielleicht auf den Händen die Tante Guttraud nach Hause getragen, aber sie war durch dasselbe Türlein verschwunden, durch das sie eingetreten war. Man hat sie auch vergebens besuchen wollen, obwohl der Parneß und die ganze Gemeinde jetzt auf einmal den Weg zu ihr fanden. Sie war bei ihm in seiner Zelle oder schloß sich mit den Ihrigen ein. Einmal fand ich sie nach vielen fruchtlosen Versuchen, und es zog mir die Knie herab, als wenn man Kaurim' fällt, aber sie sah mich mit strafenden Blicken an und sagte: „Betty, was tust du für eine Ewere! Was würde deine Mutter, der Friede sei mit ihr! denken; sie wahr zehnmal bester als ich." ,Äls die Kurprinzessin auf die Welt kam, wurden viele begnadigt und vielen die Strafzeit abgekürzt. Da ist „Er" auch herausgckommen. Aber in den feuchten Kasematten waren seine Hände und Füße gichtbrüchig geworden,.und so lag er den Rest seines Lebens darnieder, wie du ihn noch gesehen hast, eingewickelt in Kampferkisten und von seinem treuen Weibe gepflegt wie ein krankes Kind. Die Familie steuerte eine bescheidene Jahresrente zusammen, die durch Vermittlung der Mädchen dem kleinen Haushalte zu gute kam. „Kurz nachdem du unsere Stadt Verlusten hattest, ward er von seinen Leiden erlöst. Die Lebensaufgabe der Dulderin war vollendet; da sie nichts mehr auf Erden zu tun hatte, rief sie Gott bald darauf in seinen Vaterschoß zurück. Die älteste Tochter ist Lehrerin in einer Arbeitsschule geworden, die jüngere hat einen Landlehrer geheiratet. „Das ist die Geschichte der Heiligen, die unter diesem Steine ruht." Die Mutter erhob sich; hinter dein Eichenwäldchen sank die Sonne und sendete einen letzten Strahl, der sich in dem tränenfeuchten Auge der Mutter spiegelte. „Gibt es noch solche Weiber in Israel?" fragte sie. Ich sah sie schweigend an und drückte ihr die geliebten Hände. «was.»! a uüwl m,jB.nraqHfl»an HU gituUiftye. y -. s . i .i'y 11 Wenn eS eine Stufenleiter von Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schinerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochwohlgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, di« anderthalb Jahrtausend währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber? \_ -- Leopöll d Zunz. * ' * ♦ Jeder Jude hält die Ehre seines ganft«ttJEUL!feS im seiner Hand. Ganz Israel ist Bürge etne^fLT^d^tt andern. — In einem Boot auf hoher See begann einer der Insassen «in Loch in den Boden des Bootes zu bohren. Als die anderen ihm in den Arm fallen wollten, sagte er: „Aber.ich bohre doch nur unter meinem eigenen Sitz!" sagten seine Kämeraden, „aber wenn die See eindrmgt, gehen wir allesamt

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