Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 30 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 341 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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341 f JMen. Grod«o. Von Anfang 1919 bis Juni war Jüdisch offiziell anerkannt und wurde in allen städtischen Institutionen benutzt. Sobald aber die polnischen Legionäre in die Stadt einmarschrerten, setzten Verfolgungen gegen die jüdische Sprach« ein. Die jüdischen Sekretäre in der Stadtverwaltung wurden verjagt, die jüdischen Stempel vernichtet, die jüdischen Schilder abgenommen. Der polnische Schulinspektor mischt sich in die jüdischen Schulangelegenheiten fortwährend «in und hat schon mehr als einmal gedroht, alle jüdischen Schulen zu schließen. g Wilna. Die Wilnaer jüdische Gemeinde hat ltn polnischen Ministerium für Kultus und Unterricht die Bestätigung erhalten, daß alle 25 jüdischen und hebräischen Schulen, die mUer Kontrolle, der Wilnaer jüdischen Gemeinde stehen, von der Regierung anerkannt worden find. Wilna. Das Misracht-Zentralbüro für Litauen veranstaltete einen Empfangsabend zu Ehren des englischen Vertreters Sir Stuart Samuel, Bruder des Ministers Herbert Samuel. Rabbiner Rubinstein, der Vorsitzende des Zentralbüros, begrüßte den Gast. Außerdem sprachen: Kleinstein, mehrere Rabbiner, ein Vertreter der Agudas Jisroel und Dr. Slonimski ftir die Zionisten. Sir Samuel erwiderte u. a., das englische Parlament habe ihn als Juden zur Untersuchung der Lage der Juden im Osten gewählt: er sei sicher, daß Palästina ein jüdisches Land mit der Thora als Grundlage werde. Lemberg. Die Schwierigkeiten, die jetzt die Lemberger Universität bei der Annahme jüdischer Hörer macht, zwingen zahlreiche jüdische Studenten ins Ausland zu gehen. Doch die Ausgabe der Reiseerlaubnis ist Juden gegenüber.mit den unglaublichsten Schikanen verbunden, nud so wenden sich manche Verzweifelte an Dokumentenhändler. So hat man in Lemberg eine ganze Gesellschaft entdeckt, die sich mit der Fabrikation von Reisedokumenten beschäftige. Auch drei jüdische Akademiker, bei denen man ge älschte Dokumente gefunden hat, sind verhaftet worden. Die Akademiker erklären, nicht gewußt zu haben, daß die Dokumente gefälscht sind. Diese ganze Affäre beweist, wohin das antisemitische Regime führt. Warschau. Im Handelsregister des Warschauer Kreisgerichts ist eine Kommanditgesellschaft mit einem Kapital von einer Million Mark unter dem Namen „Israel" eingetragen worden. Das Kapital ist bestimmt, eine Zeitung „Der Jud" und andere herauszugeben. Die Organisation dieser Kommanditgesellschaft wird von der „Agudas Hoorthodoxim" betrieben. Ukraine. Warschau. In Warschauer Zeitungen schildert ein soeben aus Kiew eingetroffener Reisender den Mitte Oktober d. I. in Kiew stattgefundenen Pogrom. Besonders gelitten haben die jüdischen Bewohner der Straßen Maricnskaja, Blagowieschtschenskaja und Kusnietschnaja. Beinahe alle jüdischen Wohnungen wurden ausgeraubt und niehr als vierhundert Juden getötet. Unter den Toten befinden sich auch Dr. Raum Feigiv, den die Kosaken getötet haben, als er den Verwundeten Hilfe bringen wollte, Julius Schapowal und Sohn und der bekannte Zuckerkönig Hirsch Liebermann. Der Pogrom dauerte drei Tage vom 18. bis 20. Oktober, ohne daß die Behörden versucht hätten, den Pogrom einzudämmen. Schulgins „Kiewljanin" hetzt unaufhörlich. Einem Teil der Juden gelang es, sich durch Geld loszukaufen. So bezahlte z. B. Dr. Ginsburg einer Gruppe Kosaken 40 000 Rubel, damit sie sein Haus an der Ecke dex Blagowieschtschenskaja und Kusnietschnaja beschirmten, wodurch auch alle jüdischen Einwohner dieses Hauses gerettet wurden. — Jaffa. Dr. med. Bogelsohn, der im jüd. Lehrerseminar in Odessa tätig war, ist es nach großen Schwierigkeiten und Reisekosten (70 000 Rubel) gelungen, nach Jaffa zu gelangen. Seinen Schilderungen des' jüdischen Lebens entnehmen wir, daß fast alle Städte der Ukraine, in denen Juden wohnen, zerstört und von Pogromen heimgesucht wurden; in der ganzen Ukraine find, nur 5 von Juden bewohnte Ortschaften verschont geb ieben. In manchen Orten haben sich die Pogrome vis zu zehnmal wiederholt. (J.P.Z.) Proskurow. Das Direktorium der Ukrainischen Vollsrepublik hat dem Minister für jüdische Angelegen- Heiken 20 Millionen zur Linderung der. Not der von Pogromen heimgesuchten jüdischen Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Ungarn. Budapest. Der Ministerrat beschloß, .wegen der schwierigen Verpflegung" alle nach Galizien zuständigen „Fremden" (lies: Juden) in Internierungslagern unterzubringen. Budapest. Kultusminister Stefan Haller und Ackerbauminister Rubinek äußerten sich für^die Einführung der Prozentnorm an den Universitäten, damit das jüdisch« Element vermindert werde. Rubinek sagte ferner, es müsse dafür gesorgt werden, daß die Presse christlich und national sei. England. London. Rabb. Dr. Jung fordert in „Jewish Times" unter Hinweis auf die 48stündige Arbeitswoche die jüdischen Arbeiterverbände auf, ihre Arbeit so einzuteilen, daß der Sabbat wieder zu Ehren komme. Sie mögen Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag 36 Stunden arbeiten und die übrigen 12 Stunden auf den Freitag und Sonntag verteilen. „Haltet den Sabbat." schließt der Artikel, „vereinigt euch brüderlich mit eurem Volke, und helliget den Tag, der für das jüd. Volk der größte, der heiligste ist. Das Judentum wird sich eures Erfolges freuen und stolz auf euch sein. Durch euer ideales Streben werdet ihr die Sympatie aller erwerben, und alle werden euch helfen, in Zukunft noch bessere Erfolge zu erzielen. Ihr werdet ein Muster für die nicht-jüdischen Arbeiten sein und ihnen den Wxg weisen, der zum wahren jüd. Glück und' zur wahren Menschlichkeit führt." Frankreich. Paris. Die plötzlich erfolgte Abreile Clemenceau nach London wird in der französischen Presie lebhaft erörtert und vor allem mit der bevorstehenden Lösung der Orientftage in Zusammenhang gebracht. Clemenceau hat vor kurzem den Emir Feisul empfangen und will in London Unterhandlungen über die Lage in Syrien führen, wo bekanntlich gerade in letzter Zeit verschiedene Parteien eine lebhafte Agitation für Unabhängigkeit Syriens und gegen jedes Mandat entfalten. Es wird damit gerechnet, daß die Verhandlungen ungefähr eine Woche dauern werden. Es ist zu hoffen, daß die Anschauungen so weit geklärt werden, daß der für alle Teile unerträgliche Jnterimszustand in Bälde abgebaut wird, was auch für die Aufnahme der jüdischen Arbeiten in Palästina von großer Bedeutung ist. Paris. Vom 26. bis 30. November fand in Paris die Jahreskonferenz des französischen Zionistenvcrbandes ftott, ■ die mit einer Ansprache des Vizepräsidenten, Dr. Simon Ginsburg, eröffnet wurde. Nahum Sokolow hielt eine Ansprache, M. N. Herrmann erstattete den Generalbericht, Dr. E. Braunstein den Tätigkeitsbericht und Dr. Nathan Slousch den Palästinabericht. Paris^ In der neuen Kammer sitzen zwölf jüdische Deputierte, darunter Baron Maurice de Rothschild, der Sohn des Barons Edmund. Damit wird zum ersten Male ein Mitglied der Familie Rothschild Abgeordneter in Frankreich. j erien. Paris. Die Juden von Algerien haben ein Goldenes Buch mit einem Verzeichnis aller im Kriege gefallenen Juden herausgegeben. Von den 50 000 Juden Algeriens sind 2000, also 4 Prozent, gefallen, während der Prozentsatz in der ganzen französischen Armee auf 2,86 berechnet wurde. Nach Abzug der Kolonialtruppen soll der Verlust der städtischen Bevölkerung sogar, nur gegen 2 Prozent be-