Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 30 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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340 V 1 {Hocbenfcbau* 1 I Tatsachen «ad Ee-e-aiße. 8 Deutschland. Berlin. Der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands und die Berliner Jüdische 'Gemeinde errichten vor Berlin gemeinsam eine Gärtnereischule. Der Betrieb dürfte bereits im Frühjahr, eröffnet werden. Frankfurt a. M. Die Statutenrevision in der Jüdischen Gemeinde hat ein modernes, durchaus demokratisches Wahlrecht ergeben. Die Gemeindevertreter, auf je 500 Wähler entfällt ein Repräsentant, werden von allen männlichen und weiblichen, mindestens 20 Jahre alten Gemeindemitgliedern nach dem Proportionalwahlsystem unabhängig von jeder Steuerleistung gewählt. Es ist zu begrüßen, daß gerade eine so angesehene und so jüdische Gemeinde ein allen demokratischen Forderungen gerecht werdendes Wahlrecht schafft. Allerdings gilt in Frankfurt nicht das preußische Judengesetz von 1847, das in seinem Geltungsbereich in Altpreußen den Reformbestrebungen der Synagogengemeinden vielfache Fesiekn anlegt. München. Franz Karl Endres schreibt in den „Münch. Neuesten Nachr." über Antisemitismus und Kultur. Er schließt seine Ausführungen mit folgenden Worten: „Möge der deutsche Kulturmensch dey Kampf mit seinen jüdischen Mitbürgern nur immer aufnehmen, aber einen Kampf mit den Waffen der Arbeit, der persönlichen Leistung, des Jntellekties und des Charakters. Möge er bestrebt sein, seinen jüdischen Piitbürger in all diesen Gebieten zu übertreffen. Dann wird er einer gefürchteten Verjudung am allerbesten Vorbeugen und wird gleichzeitig durch das gemeinschaftliche Ftreben der Entwicklung des eigenen Volkes den größten Vorschub leisten. Schimpfen, Hetzen oder prügeln sind Handlungsweisen, die meistens die ultima ratio des geistig und charakterlich Schwächeren bedeuten.". Hannover. Ein lveißer Rabe unter den Rechtspar»- teien scheint die Deutsch-hannoversche Partei zu sein, deren Parteiorgan, die „Deutsche Volkszeitung" in -Hannover, anläßlich der Stellungnahme der Deutschnationalen und " der Deutschvölkischen zum Antisemitismus folgendes schreibt: „Zurückhaltung in dieser Frage ist um so mehr am Platze für eine Partei, die, wie die deutsch-hannoversche, die Vertretung des Rechts auf allen Gebieten auf ihre Fahnen geschrieben hat. Gewiß, wir verkennen keinen Augenblick, daß an manchen unerfreulichen Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens die Juden einen großen Anteil haben, und ebensowenig verschließen wir uns dem unheilvollen Einfluß, den manche jüdische Elemente Ms Kunst, Literatur und Presie, d. h. auf das sittliche und kulturelle Leben des deutschen Volkes ausüben. Auf der anderen Seite müsien wir jedoch rückhaltlos anerkennen, daß gerade unsere alteingesessenen hannoverschen Juden sich vielfach durch ein überaus strenges Rechtsgefühl und einen stark entwickelten Heimatsinn auszeichnen, und so erklärt es sich, daß die Deutsch-hannoversche Partei, der gewiß niemand den sonst oft so freigiebig erhobenen Vorwurf der „Verjudung" zu machen wagt, stets auch jüdische Volksgenossen als gern gesehene Mitglieder in ihren Reihen gehabt hat. Aber auch davon abgesehen — schon als Rechtspartei müsf sen wir gegen unsachliche Verallgemeinerungen und ungerechtfertigte Vorwürfe Front machen. Spangenberg. Am 30. November fand in Spangenl»era ein Jugendtag statt, zu dem der dortige jüdische Jugenvveretn eingeladen hatte. Die von Hermann Spangenthal und Siegfried Windmüller vorzüglich vorbereiteten Veranstaltungen wurden durch eine Freitag-Abend-Feier eingeleitet. Sontag fand die offizielle Kundgebung statt, bet der etwa 250 Personen aus 35 jüdischen Gemeinden Niederhesiens, sowie die Vertreter von 10 Vereinen de» „Verband der Jüd. Jugendverein« Deutschland»" anwesend waren. Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Herrn. Spangenthal, sprach vr. Kurt Alexander, Berlin, über „Wesen und Aufgaben des Jüdischen Jugendverbandes". Fritz Schwartzschild-Frankfurt a. M.. Vorsitzender des Hessischen Landesverbandes, über „Jugendbewegung". Den Schluß bildete eine Kundgebung für den „Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands", Berlin, an den eine Adreffe abgesandt wurde, die ein warmes Bekenntnis zu seinen Aufgaben enthielt. Eine von künstlerischen Darbietungen umrahmte gesellige Veranstaltung hielt di« Teilnehmer am Abend noch lange zusammen. Nürnberg. In der Gcmeindebibliothek sprach vor zahlreichem Publikum Hauptlehrer Rülf über die Frage der Errichtung einer jüdischen Volksschule in Nürnberg. Die Angelegenheit sei von akuter Dringlichkeit, nachdem die neue bayerische Schulgesetzgebung die Anstellung jüdischer Lehrer an den allgemeinen Volksschulen ausschließe. In Frage kommen 470—480 schulpflichtige jüdische K nder. Prinzipiell müfle entschieden werden, ob man eine städtische jüdische „Bekentnisschule" oder eine Volksschule der Kultusgemeinde vorziehe. Ein Beschluß hierüber wurde von der Versammlung, die den Charakter eines Elternabends trug, noch nicht gefaßt. Düsseldorf. Hier nahm eine jüdische Volksversammlung nach einem Referate des Rechtsanwaltes Jonas einstimig folgende Resolution an: „Die am 25. November" 1919 in der Tonhalle zu Düsseldorf versammelten etwa 1000 Mitglieder der Düsseldorfer jüdischen Gemeinde halten die sofortige Beseitigung des Dreiklassenwahlrechts für unerläßlich. Sie richten an die Gemeindevertretung die dringende Aufforderung, unter Hinzuziehung von Mitgliedern der Gemeinde ein allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht mit dem Grundsatz der Verhältniswahl unter solcher Beschleunigung einzuführen, daß tunlichst innerhalb drei Monaten vollständige Neuwahlen stattfinden. Die,Versammlung richtet weiter an die Preußische Regierung das dringende Ersuchen, in Ausführung der Reichsverfassung das wraltete Judengesetz vom Jahre 1847 aufzuheben." Berlin. In der „Chassidimschule", Grenadierstr. 36, wurden Vorhänge, Silbcrschmuck und Leuchter im Werte von 20 000 M. und in der gleichen Nacht in der Synagoge, Liesenstraße 3, drei wertvolle silberne Armleuchter gestohlen. zk Deutsch-Österreich. Wien. Im Herbst wurde vom Ünterrichtsamt des Jüd. Nationalrates ein jüdisches Realgymnasium begründet und zunächst der erste Jahrgang eröffnet. Der Andrang war so groß, daß sogleich drei Parallelklassen errichtet werden mußten. Auf dem ersten Elternabend der neuen Anstalt sprach der Direktor, Prof. Kellner, vckr dem Krieg Lehrer am hebräischen Gymnasium in Jaffa, über die Erziehungsmethode der Schule. Die Erziehung beginne mit Äußerlichkeiten, nämlich mit Reinlichkeit und Ordnung. Viermal im Jahr »verden die Kinder vom Schularzt untersucht, da der Gesundheitszustand der Kinder überwacht werden müsse. Gerade beim! jüdischen Kinde tue e» not, den Blick für die Natur zu wecken und es nicht zu sehr in abstrakten Dingen leben zu lassen. Die Eltern sollen in Gegenwart der Kinder nicht vom Geschäft, Lebensmittelpreisen u. dgl. sprechen. Ziel des hebräischen Unterrichts der Anstalt ist Kenntnis der Bibel. Dieser Unterricht ist als Jnhaltsunterricht, nicht als Religionsunterricht anzusprechen. In der jüngsten Sitzung des Kultusvorstandes hörte man, daß trotzder nur zwei Wochenstunden jüdische Religion an den Wiener Schulen Mangel an jüdischen Lehrkräften herrscht. Der eine Redner regte deshalb an. Lehrer au» Deutschland herbeizuführen.