Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 30 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint mit Erlaubnis der britischen Militärbehörden. r : Erscheint jeden Freitag. Brzuy»-:; Preis: SO Pf. monatl. Zu begirhe»!; durch sämtliche Postämter »der » s durch den Botenverlag in Sonn.; heraur-egeben von Rabbiner Or. E»U loh», Bonn. yom Rhein Botenverlag Bonn, Lvln N. 74717.; Jüdisches Wolksölalt Schristleitnn- und Geschäftsstelle: Bonn, Brüdergaffe 52. Lnieigenprriä: 60 Pf: für dir vier-1! gesp. Prttt-rtlr. Bei Wtedrrholun-? gen entspr. Rabatt. Postscheckkonto: l Kammer 30 Aonn» 26. Dezember 1010 — 4 Gebeth 6680 1. Jahrgang. oaaaoDaaaDDaaoaiaBaManaaDaaoaaaaDaaaaDog S Wochenadschnitt w-''. g 8 8 aaaDaaaaBaonaaaaDaaoDaaiKiaaaaDiKioaaaaaa Ende gut, alles gut. Da sprach Joseph zu seinen Brüdern: „Ich bin Joseph: Lebt mein Vater noch?" Leine Brüder aber vermochten ihm nicht zu antworten, denn ste waren ganz bestürzt vor ihm. Da sprach Joseph zu seinen Brüdern: „Tretet heran zu mirl" und ste traten heran. Und er sprach: „Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft hattet. Run aber kränkt euch nicht und bekümmert euch nicht, daß ihr mich . ' hierher verkauft habt: Zum Lebensunterhalt hat Gott mich euch vorausgeschickt!" — I Mose, 45, 8—5. Und alles löste sich in Wohlgefallen auf: Was schlimm begann, kam zum guten Ende. Nachdem Joseph lange den Strengen gespielt und die schuldigen Männer durch alle Stufen der Angst, der Schuld und der Zerknirschung getrieben, offenbart er sich endlich unter stürzenden Tränen den erschrockenen Brüdern: „Ich bin Joseph, lebt mein Vater noch?" Als sie aber schier in die Erde versinken wollen vor Scham und Reue, zieht er sanft den Stachel aus ihrem Herzen, indem er alles, auch das Böse, auf die gütliche Fügung schiebt, die alles so wunderbarlich geleitet hätte, bis zum guten Ende.! Da kann man wohl sagen: Ende gut, alles gut! Denn I selten wieder hat ein« Geschichte nach mannigfachen. Verstrickungen mit einem so befreienden Aufatmen geendet wie hier. Und an keiner läßt sich deshalb die Lehre vom guten Ende so beweisen wie an ihr. Je böser der Anfang ist, um so befteiender wirkt das gute Ende. Ja, Befreiung ist di« wahre Frucht allen Erfolges und aller glücklichen Wende. Und nicht nur die Befreiung von allen Nöten, Sorgen und Lasten, sondern auch von allem Neid und Haß und Verkennen. Und das ist das Beste am guten Ende: ES läßt vergessen und läßt vergeben. Kein Mensch ist weicher, als der durch viele Not zum guten Ende kam. Ist alles vorüber, dann ist gar nichts schlimm gewesen, immer verklärt das Ende den Anfang, oder wie es dje fröhliche Weisheit Wilhelm Büschs einmal , mit tiefinnigem Humor ausgesprochen'hat: „Gehabte Schmerzen Hab' ich gern l" Selbst wenn diese Schmerzen nicht Zahnschmerzen wie bei Busch, sondern das von der Schlechtigkeit der Menschen angetane^Leid sein sollte. Wie sich der Mensch am guten Ende verhält, so ist er, so allein ist er in Wahrheit. Wer da noch hassen, vergelten, * den Groll bewahren kann, der ist wahrlich ein armer'Kerl. Seht das^ein« Fühlen Josephs, der, nachdem er allevergeben hat, den zum Vater mit her Freudenbotschaft heimkehrendcn Brüdern noch die Bitte mit auf die Reise gibt: „Macht einander keine Vorwürfe auf dem Wege!" Er schärft ihnen damit nur die Lehr« vom guten, d. h. dem versöhnlichen Ende ein, in der er neben der lebenswahren Tatsächlichkeit auch einen Aufruf sieht, alles Menschliche menschlich zu sehen. Einen Aufruf, der noch viel weiter geht, indem er uns auch den Glauben an das gute Ende predigt. Dieses Wort soll so tief in unser Leben eingehen, daß wir in allen Zeiten und aller Zeiten Not nicht vergessen sollen, daß cs für jede Wunde einen Balsam gibt. „Alles wird einmal gut!" Das soll ein Grundsatz sein. Ist es dir zum Grundsatz geworden, so bist du ein weiser Mann. Denn tafln regst du dich nicht mehr über Lappalien auf, bist du nicht mehr der Leichtverletzte, auf den Fuß Getretene, den du sonst so gerne spieltest, und noch weniger der zornmutige Groller, der seine Lebenskraft verpufft, weil ihm hie und da ein paar schlechtgeratene Exemplare der Gattung Mensch über den Weg gelaufen find. Sondern dann bist du der Mann, dem nichts Menschliches fremd geblieben ist, und der aus einem frohen Glauben an die Zukunft und an die 'eigene Kraft die Nachsicht schöpft, in der die wahre Liebe und die wahre Weisheit steckt: „Alles wird einmal gut!" 8« letauwo! Ende gut, alles gut! Eine schlichte Weisheit des Volkes. Ins Zukünftige gewandt, ins Ideale und Ewige gehoben aber das Geheimnis des Lebens selbst. Uns Juden, die wir das Volk des Glaubens und der Verheißungen sind, sollte das ewig unvergessen sein. Die Jahrhunderte der Notmmren uns unerträglich gewesen, wenn der Blick auf das Ende der Dinge uns nicht der Blick erbarmungSvoller Menschenliebe gewesen wäre. Diesem Blick verklärte sich die düstere Welt zum zwar wunderlichen aber doch auch wunderbaren Walten göttlicher Vorsehungen. Op auch unsere harte Zeit, unter dem Gesetz des endlich gulten Endes gesehen werden kann? Warum nicht? Der Spötter, der glaubenslos die Grausamkeit der Tatsachen an die Taft! kreidet, mag höhnisch vom „nachkommenden dicken Ende" sprüchwörteln, das wir jetzt erleben. Wem es aber ernstlich darum zu tun ist, an der Überwindung dieser Zeit zu seinem Teile oder Teilchen beizutragen, wird den Glauben an das letzte gute Ende, das alles, aber auch alles gut macht, nicht fahren lassen, wird in diesem Glauben sich selbst befreien von dieser Zeit und ihren argen Zeitlichkeiten, und dadurch sich selbst zum Bürger weihen einer Muen. besseren und edleren Welt. E m i l C o h n.