Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 29 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 331 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437065--0360-3947946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
331 Hrd und die bdrauf folgende ErhebUSgdrs'Priesters Wattathtas und feiner Söhne» genannt die Makkabäek- Diese Heldenmütige Schar feuert das zagende Volk zum Aufstand '«m. Juda.Makkabi (d. h. der Hätnmerer) wird nach dem -^de^des Vaters ihr Führer, schütteltdas Joch des syri- 'fchen Tyrannen ab und reinigt den eiitwejhten Tempel.-von allem götzendienerischen Treiben. Nach dessen, Tod übernimmt sein Bruder Jonathan den Oberbefehl und zwingt rfchließltch die Syrer zum. Frieden. Simon, der dritte Bruder, festigt den Bestand der makkabäischen Dynastie, wird aber bald von seinem Eidam Ptolemäus im Jlhre 135 er- .mordet. Damit schließt der Bericht unseres Buches. Dasf»e kann also nicht vor 135 entstanden, muß aber anderers spätestens im Jahre 63 beendet worden sein, d. h. im hre der Eroberung Jerusalems durch den Römer Pompejus, denn der uns unbekannte Verfasser betrachtet die Rö- :mer.als Freunde und Beschützer der Juden., Die Art der Etzählung ist ftisch und lebendig und macht den Eindruck, 'als ob der Verfasser eine-treue mündliche Überlieferung und :ärrch offizielle Aktenstücke benutzt habe. Er ist wahrschein, ltch palästinensischer Herkunft, denn er zeigt eine, genaue Kenntnis der Örtlichkeiten, auf denen die erzählten Begebenheiten sich abgespielt haben. Uns ist nur der griechirfche Text erhalten geblieben. Jedenfalls war das Buch ursprünglich hebräisch verfaßt. Das Haßt sich aus einigen Fehlern der griechischen Übersetzung beweisen, hie sich leicht durch bas Vorhandensein eines hebräischen Originals erklären. Die Zeit, nach der in den, Werke gerechnet wird, isi die sogenannte seleucidische Ära, die, nach Seleukus I. benannt, mit dem Jahre 312 beginnt. Damals gelang es dem Seleukus, sich Babylons wieder zu bemächtigen; ein Ereignis, das den Grund zum Bestand des syrischen Reiches legte und . für wert befunden wurde, Beginn einer neuen Ara zu sein. Den alexandrinischen Juden haben wir die Erhaltung unseres. Makkabäerbuches wie die der Apokryphen überhaupt zu .danken. Sie haben die griechische Übersetzung desselben als .«inen zu der Bibel gehörigen Zusatz angesehen und dadurch vor dem Untergange bewahrt. Nur ihrer Tätigkeit ist es zu danken, daß wir über die Bedeutung des Chanukafestes und über die vorangegangenen und sich anschließenden Ereignisse so gut unterrichtet sind. Zahlreiche deutsche Übersetzungen des Makkabäerbuches sind vorhanden. Am bekanntesten sind die von Moses Gutmann und die neuere von Emil Kautzsch. Der Streit um „das jüdische Kolk". Bon ö'e org Landauer. Es gehört zu den Absonderlichkeiten des gegenwärtigen jüdischen Lebens, daß man sich um die Definition der Juden «ls Gemeinschaft streitet. Hie Volk oder Nation (Nationalisten), hie Religionsgemeinschaft (Liberale), hie Religionsnation (Orthodoxe); eine neue Spielart ist „Rationalttät" im Gegensatz zur Nation (Hermann Cohen); die Juden als Rasie, als Kulturgemeinschaft und andere Lesarten mehr.schieben sich dazwischen. Von Bedeutung ist, zunächst einmal festzustellen, daß eigentlich alle dasselbe Ob-' jekt meinen. Der Liberale begreift unter seiner Religionsgemeinschaft dieselbe jüdische Gesellschaft wie der Zionist unter seinem Volk. Man dürfte sich daher grundsätzlich die verschiedenen Namen für eine Sache zugestehen. Nur, daß eine sehr seltsanie Folgerung gezogen wird: je nachdem, für welche Bezeichnung man sich entscheidet, glaubt män, Mschiedene Politik treiben zu müsien; man leitet ab, den Juden unter der Marke „Religionsgemeinschaft" eine ganz anders geartete Verpflichtung und Verantwortung zu schulden wie d e n s e l b e n I u d e n unter der Marke „Volk". Um dieser Unnatürlichkeit willen sei es gestattet, einmal nachzuprüfen, welche Berechtigung diesen Titeln zukonimt. Eine Religionsgemeinschaf sttimmt nur in der Religion überein. Abgesehen davon, daß die Juden noch unendlich viel mehr gemein haben, stimmt schon die Behauptung nicht, alle Juden hätten die gleiche Religion. Oder sieht man nichr. daß die Religion etwa eines Chassids in Polen von der eines die OrgMuagoae am Jomkippur tzmAutomobil, behauptet der.,Schlemm") äufiuchender, Liberalen »p'eitsr absteht, gls die Religion dieses Liberalen von der eines aUfgeklärten Protestanten? «ine Religione i n h e il besteht schon lange nicht mehr unter uns Juden. Aber die.Mliaipn macht es auch gar nicht. Würde nicht so mancher durchaus Religiöse unserer Brüder es nicht weit von sich weilen, üm einer religiösen Indifferenz willen kein Jude mehr sein zu ollen? Sein Judentum ist ihm angeboren, wie sollte er es >urch Anschauungswandel loswerden können? Täglich wird gebetet:-gelobt seist du. Gott, daß du mich nicht als Nichtjude geschaffen hast. Geschaffen, wohlgemerkt, nicht erzogen oder entwickelt. Man kennt die Geschichte jents getvuften jüdischen Händlers,, der sich seinem wohlhabenden u|ib kaufkräftigen, jedoch frommen Kunden mit den Motten empfiehlt: „Innerlich bin ich Jpde geblieben", worauf jener prompt erwidert: „Und äußerlich?^ Folgt nun daraus, daß die Juden also keine Religionsgemeinschaft seien? Mit Nichten. Aber die Vernachlässigung aller übrigen die Juden verbindenden Fäden ergibt ein sonderbares Bild. Fortschreitend mit dem Bildungsgängeder Zeiten hat der Liberalismus erkannt, dich die Religionen, nichts starres, ein für allemal fcstgelegtcs sind. Die strengen Formen des traditionellen Judentums warf man so als überlebt und den Bedürfnisien oder Begründungen überwundener Perioden entsprechend ab. Die An- Sauungen, die entwicklungsfähigen und daher ein wahtheitslievenden Gesinnungen bleiben zurück. Wie aber kann mein Jüdischsein wandelbar sein? Sollte der Begriff „Judentum" forlschreiten mit der'Bildungsentwicklung, d. h. dem Kulturaufschwuntz (oder Niedergang!) der Völker, so ist er nichts Gegebenes, nichts Gemeinschaftsbildendes, sondern die jüdische Gesellschaft ist eine ewig tvechselnde, sich ändernde Größe; kein Mensch von heute weiß mehr, ob er morgen noch Jude und der Nichtjude von heute, ob er morgen nicht Jude ist. Und da die Entwicklungjedes Menschen abhängt von den vielen Tatsachen der Vererbung und der Umgbeung, so ist dynn möglicherweise mir, dem Sohne jüdischer Eltern, in der Wiege bestimmt worden, eigentlich kein Jude zu tverden l Oder bestimmen die Tatsachen der Vererbung, daß ich — auch in dieser geistigen Hinsicht — erft recht Jude werde? Aber dann ist der Begriff „Judentum^ doch kein mit dem Kulturniveau veränderlicher, sondern ein von Haus aus beigegebener. Man sieht, die Zurückführung des Judentums auf ein geistiges Moment führt zu Widersprüchen. Mit der Reliaionsanschauung läßt sich die jüdische Gemeinschaft nicht einfassen, sie ist kein Rahmen für uns Juden; sie kann innerhalb eines anderen Rahmens Inhalt werden) muß-selbst jedoch darauf verzichten, das artbildende Motiv zu sein. Und wie sehen sie aus, diese Anschauungen und Lehren, die einzig das Judentum ausmachen sollen? Es sind allgemeine Sittenlehren, ethische Grundsätze und dergleichen. Wer aber unter uns ist sich nicht bewußt, daß unsere Sittlichkeitsforderungen die der ganzen übrigen Kulturmenschheit sind? Welche Anmaßung und Verkehrtheit liegt darin, den Juden ihre eigene, einzig wahre, aber zur Eroberung der Welt bestimmte Ethik zuzusprechen! Indem man eine Ethik, die jedem anständigen Menschen cinleuchten muß — und die ihn ohnehin und ohne unsere Vormundschaft treibt — zum Wesen des Judentums erklärt, erweitert man begrifflich die Judengemeinschaft'zur Gemeinschaft aller anständigen Menschen. Und hiermit liegt auf der Hgnd, daß die Begriffsbestinnnung der Juden als eine solche Religionsgemeinschaft falsch sein muß. Nun »vird dagegen behauptet, die Juden seien keine geistig-kulturelle, sondern eine körperliche Gemeinschaft: eine Nation. Es ist jedoch nachzuprüfen, ob der Begriff „Nation" ausreicht. Ich glaube, er ist viel zu schwach für die - jüdische Gemeinschaft. Unter Nationen versteht man gewohnlich die Menschengruppen, die durch gemeinsames Territorium und gemeinsame Sprache zusammengchaltcn wer-- j den. Das Judentum jedoch erstreckt sich interterritorial I über eine große Anzahl solcher Gruppen, mit denen sie häu-