Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 29 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 328 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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V 328 In diesem Augenblicke hatte der Mann etwavom Abraham an sich. ,Zch und mein HauS!" Er verachtete da» gaffende Volk dort auf dem Markte. Er hätte ja rufen können: „Wir alle hier!", hätte sich aufwerfen können zum Sprecher der Gesamtheit. Aber er kannte sie. AlS er noch nicht sprach, da sah er schon, wie sie zitterten, er könnte sprechen. Darum sagte er: „Ich und mein HauS!" Auserwählt fühlte er sich. Alles stürze zusammen um uns: Ich und meine Söhne! Wir! Wir sechs! — Der Mann schrie «S hinaüs. Hött eS, Küren! Hört es. ihr. die ihr dort hinten euch zusammendrängt: „Ich und mein HauS. wir halten am Bunde!" Meschwieg, als er so sprach. ^Aych di« Syrer in ihrem Panzer. Was war geschehen? Ein Wort, eine Red«, nicht mehr. Aber das erste Wort, die erste Rede. Ein Wort, als alles schwieg. Die Sehne deS BogenS war losgelaflen und klang. Wohin flog der Pfeil? Es war Wahnsinn. Lag nicht das Todesurteil für Mattathia in seinen Worten? Und dabei stand er ganz vorn. Dicht am Altäre. Ein Wink des Syrerhauptmanns, und er lag im Blute. Der Syrer schwieg. War daS ein Glück? Nein. Der Syrer zitterte. So wirken Ton und Haltung. Da trat ein anderer jüdischer Mann an den Altar und wollte opfern . Vielleicht fürchtete er, daß die ganze Stadt . mit hineingerissen würde in das Verderben, tms jener Priesterfamilie unausbleiblich war. Vielleicht wollte er nür Unheil abwenden. Unaufgefordert trat er heran. Da gab es einen Schrei. Und als er'verhallt war, lag der Jude mit zermalmtem Schädel am Boden, und die Steine deS Altars rollten über ihn. Was war das? Ein Totschlag. Mattathia hatte den Juden totgeschlagen und den Altar,umgeristen. Wie ers tat, hat niemand gesehen. Es war das Werk eines Augenblickes. Aber als erst der Jude tot war, lagen auch bald die Syrer in ihrem Blute. Und dabei griffen schon mehr Hände zu. Ein Totschlag. Blindlings verübt in Raserei. Heute scheint eS klar, daß cs so kommen mußte. Erst die Verzweiflung: Wozu soll uns das Leben? Dann der SpriW in- Master. Wie bei jenem Manne am Kanal. Aber von vornherein war es nicht Nar. Als es aber geschehen war, ragte Mattathia nicht mehr: „Wozu soll uns das Leben?" andern stürmte durch die Stadt und rief: „Wer für das Äesetz eifert und fest am Bunde hält, der folge uns nach!" Der Totschlag hatte auch ihn gerettet. Drei Jahre später weihte ein begeistertes Volk wiederum die entheiligten Hallen des Tempels. Drei Jahre später gab es neue Psalmen in Jerusalem, herrlich«, wie man sie nie gehört. Eine neue Zeit war angebrochen für Israel. Emil Cohn. Mocbenfcbau. Tatsache» und WeaedntRe. Deutschland. Berlin. Die Großloge des Deutschen Reiches des bekannten Freimaurerordens der Oddfellow hat sich an die verschiedenen deutschen Staatsministerien für Schulanaelegenheiten mit einer Eingabe gegen die antisemitische Verhetzung gewandt. In dieser Eingabe heißt eS: „Neuer und schwerer Unstiede wird seit einiger Zeit in das deutsche Volk durch antisemitische Hetz« getragen. Gegen unsere jüdischen Volksgenossen, die mit unS Schulter an Schulter im Kampfe gegen den Feind ihr Leben in die Schanze schlugen, werden die Leidenschaften des Volkes aufgepeitscht durch Verbreitung unwahrer Gerüchte und haltloser Beschuldigungen. Die Großloge erhebt gegen dieses frevelhafte Beginnen entrüsteten Einspruch. Die in den Reihen des Ordens befindlichen jüdischen Mitglieder waren jederzeit bereit, für das Volkswohl «inzutreten, die höchste« Ideale der Menschheit zu pflegen. Im Jntereste der Würde unseres Volkes bittet daher die unterzeichnet« Großloge da» Ministerium für Schulangelegenheiten, dafür Sorg« zu tragen, daß in unseren Bildungsanstalten die Heranwachsende Jugend aufgeklärt wird über das Unsinnige und Verwerfliche jener volksverhetzenden Bewegung." Chemnitz. Ein« in Sportkreisen weitbekannt« Persönlichkeit. der Luftschiffer Paul Spiegel, ist hier zm letzten Ruh« gegangen. Der Verstorbene war «in Pionier auf dem Gebiete der Luftfahrt, di« er mit dem bekannten Leipziger Luftschiffer Feller in Chemnitz einführte. Nicht weniger als 800 Freiballonfahrten hat er unternommen und dabei yft sein Leben aufs Spiel gesetzt, obwohl er wiederholt bei schweren Landungen Verletzungen davontrug. Während de» Krieges trat Spiegel in dem hohen Alter von 62 Jahren noch als Freiwilliger beim 1. bayerischen Luftschiffer-Bataillon in München ein und errang sich durch seine Unerschrockenheit nicht nur eine Reih« Auszeichnungen, sondern wurde auch befördert. Die Folgen der Kriegsstrapazen machten sich in letzter Zeit an ihm stark bemerkbar, so daß er bei einem von ihm am 29. Oktober veranstalteten Lichtbildervortrag seine ausgezeichneten Kriegserlebniste von einer jüngeren Kraft zu Gehör bringen lasten mußte. Die Beerdigung des Verstorbenen fand auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe statt. München. Hier beschloß der Verein „Frohe Garde", seine jüdischen Mitglieder auSzuschließen. Einer der Betroffenen. ein Student, der demnächst als Syndikus nach Berlin gehen sollte und «rft vor acht Tagen wegen seiner Verdienste um den Verein zum Ehrenmitglied ernannt worden war, suchte gegen den Antrag vergebens zu Worte zu kommen. Darüber regte er sich so auf, daß er sich in einem Nebenraum eine Kugel in die Brust schoß. Sein Zustand ist hoffnungslos. Warschau. Wie wir erfahren, hat eine Gruppe polnischer Händler eine neue Aktion unternommen, um den jüdischen Handel zu bekämpfen und dem „nationalen" polnischen Handel zu einer neuen Blüte zu verhelfen. In der Denkschrift, die diese Männer dem Finanzministerium unterbreiteten, wird u>a. verlangt, daß „unertpünschten Elementen" keine Handelspatente ausgestellt werden. Ferners daß kein Handelsunternehmen gleichzeitig Artikel verschiedener Branchen führen darf, vielmehr für jede Branche besondere Patente auszustellen find; kein Handelsunternehmer gleichzeitig Engros- und Detailgeschäfte machen darf. Es ist offenbar, welche Folgen alle diese Beschränkungen schon an und fiir sich für den jüdischen Handel haben würden : auch ist es durchsichtig, auf wen die Formel der „unerwünschten Gewerbetreibenden" gemünzt ist. Rumänien. Paris. Der Pariser M.-Gewährsmann der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" berichtet: Ebenso wie in der Bukowina veranstalten die Rumä-, nen auch in Transsylvanien systematisch Judenaustreibungen und hoffen durch diese Methode, wie Eingeweihte berichten, zumindest 100 000 Juden über die Grenze zu schaffen. Die Wohnungen resp. die Geschäftslokale der Juden werden kurzerhand requiriert; nur eine ganz kurze Frist von 2 bis 5 Tagen wird zur Räumung gewährt. Ein Rechtsmittel gegen den Ausweisungsbeschluß gibt eS natürlich nicht. Nach Ablauf der Frist werden di« Mobilien und Waren der Juden unter militärischer Bedeckung auf Lastautos geladen und an di« Stadtgrenze oder zum Güterbahnhof geführt, wo sie einfach abgeladen werden. Um die Wiedereinquartierung der „Fremden" bekümmert sich di« Behörde dies«? „Wohlfahrtsstaates" nicht. Die Vertriebenen sind somit aezwungen, in den frostigen Herbstnächten mit Kind und Kegel im Freien zu übemachten. In den Wohnungen werden dann die „Sieger", rumänische Beamte oder Kaufleute, einquartiert. Gleichzeitig zwingt man alle übrigen Bewohner unter Strafandrohung, ausschließlich