Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 29 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das sah Mattathia, und es ging ihm durchs Herz, und sein Eifer entbrannte um das Gesetz, und er lies herbei und tötete am Altar den Juden und den Hauptmann deS AntiochuS und stürzte den Altar um. Und er eiferte »m das Gesetz, wie Pinchas tat dem Simri, _ dem Sohne Schaloms. 1. Makkabäer 2, 21—26. Das war vor zweitausend Jahren. Da lag der Syrer im Lande. Es war für ihn nichts Besonderes. In anderen Ländern lag er auch. Und Palästina war noch nicht einmal ein Land unter anderen: ein kleines Fleckchen, ein versteckter Erdwinkel: lver kannte ihn? Ja, wer kannte ihn? > Das Traurige war: er kannte sich selbst kaum mehr. Großä Helden gab es nicht mehr. Die Zeit der Propheten war vorbei. Man lebte vom Alten. Die schönsten Psalmen waren^auch schon gesungen. Fast schon verhallt die Harfe Zions. Da auf eimnal fing sie wieder an zu brausen. Da auf einmal kamen wieder große Helden. Das Volk erlebte eine mächtige Erneuerung. Das Land, das den Nest seiner Funken unter dichter Asche bewahrte, fing wieder an zu brennen. Ein Mann steckte es in Brand. Freilich, einer muß anfangen, einer ist immer der erste. Einer muß die Fackel m die Hand nehmen. Viele nehmen sie, legen sie aber wieder weg. Diele nehmen sie, verbrennen aber selbst daran, ehe sie zum Werfen kommen. Das sind die Märtyrer. Bis schließlich der kommt, der den Brand schleudert. Ha, das ist der Mann! Das ist der Held, der erste! Weiß er, daß er der erste ist? Fühlt er. daß er etlvas Brennendes in der Hand hält? Und wie sehr es brennt? Ich glaube nicht. Nirgends habe ich so das Gefühl, ein Wirken Gotles zu sehen, als bei diesen ersten Männern: da kommt einer und »vciß kaum, was er tut, und wenn er es weiß. ahnt er nicht, was für Folgen es haben wird. Und schließlich zeigt es sich: er hat alles getan. .Ahnungslos alles. Dann wird es klar, wie ungeheuren Mut er hatte. Oder etwa nur, wie glücklich sein Mut war? Oder etwa nur, wie Gott seinen Mut gesegnet? Es liegt ein Stück Prophetentum in diesen ersten Männern. Ein Prophetentum nicht deS Wortes, sondern der Tat. Die Rede ihres Annes ist oft ebenso dunkel wie Prophetenrede. Auch ihr Arm kündet Zukunft, nimmt etwas Kommendes vorweg. Gottes Geist wirkt auch in ihnen. Auch Mattathia, der Priester von Modin, hatte seine Berufung. Nicht im Traume, aber in einer Tat, die nicht überlegt und vorbereitet, sondern ein dunkler Hieb ins Ungewisie »var. Fast besinnungslos. Eine Tat, die in der Überlegung auch nur einer Minute untergegangen wäre. Die Verzweiflung spielte eine Rolle dabei. Als Maltachia die Zerrüttung seines Volkes und seiner heiligen Stadt erkannt hatte, hatte er di« Kleider zerrisien und Sack und Asche angelegt. Wie um ein gestorbenes Leben.- „Weh mir, warum bin ich geboren?" stöhnte er durch sein Haus. „Wozu soll uns noch das Leben?" fragte er die verstummenden K^hne. Sinn und Zweck des Lebens waren ihm dahin. Warum sollte er es nicht wegwerfen? Da geht ein Mann am Kanal. Der Mann verzweifelt an seinem Leben. Wenn er jetzt ins Wasier spränge, wäre alles in der Ordnung. Da hört er einen Schrei. Ein spielendes Kind ist ins Wasser gestürzt. Da springt er nach, rettet es und — rettet sich selbst. Mattathia war auch so ein Mann, der ins Master springen wollte. Nicht etwa aus Lebensangst, aber aus zornigem Überdruß. Die Sintflut hätte heteinbrechen können, ihm wäre es recht gewesen. Eines Tages blinken syrische Helme im Tore von Modin. Und hinter den Helmen rennt viel Volk. So tief war Israel gesunken. Sie begafften ihr eigenes Elend. „Mattathia aber und seine Söhne traten zusammen." Mehr sagt der Erzähler nicht: sie traten zusammen,, Warum? WaS trieb sie zu einander, daß sie standen Witz ein Block? Ein Instinkt. Sie fühlten: jetzt kommt etwas. Was, wußten sie nicht. Aber eine krampfhafte Spannung bemächtigte sich ihrer. Und sie drängten sich zusammen und warteten ab. Die syrischen Krieger schichteten Steine übereinander. Das war ein Altar. Mattathia war ein Priester. Der Priestcr gehört an deir-Altar. So trat der Hauptmann auf ihn zu; „Priester, du bist eimXÄroßer der Stadt: so tritt als erster htzrzu und opfere unserem Gotte! Dann wirst du geehrt bestn Könige sein, du und dein Haus!" Mattathia erbebte. Und dann ruft er mit lauter Stimme: Möchte doch ganz Israel ihn hören! Es lag alles , im Tone: weithinhallend, herausfordernd, drohend. Und in der Haltung, die zum Tone gehört. Ich sehe ihn vor mir, wie er dasteht. Durchbohrend wandern seine Blicke über den Volkshaufen- Kein Wimperzucken sckwächt die Wildheit dieser Blicke, „Ich und mein Haus? Mögen alle Völker abfallen! vom Gottesdienste ihrer Ahnen, ich und mein Haus,, wir I n<r8en wandeln im Bunde unserer Väter!" - .