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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-12-12 · 28 (12.12.1919) · p. Seite 320

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
28 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 320 (sequence 6)
Language
German
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3S0 hieß« Synagogenchor-Devein bereitet eine größere Chanukafeier vor. Kolliur Nachrichten. Bonn. Zum ersten Mal nach fünf Jahren findet am Mittwoch den 17. Dezember, nachmittags 3 Uhr, im großen Saale des Bonner Bürgervereins ein Chanukafest für die Kinder unserer Gemeinde statt. Besondere Einladungen ergehen noch, doch soll schon jetzt auf die Feier aufmerksam gemacht werden. Durch pünktliches'Erscheinen. Wahrung der Ruhe und Ordnung während der Vorführungen kann ein jeder zum Gelingen des Festes für unsere Kleinen beittagen. Auch an dieser Stelle sei für die reichlichen Spenden und die von den Damen und Herren geleistete Arbeit Dank gesagt. > ’Ji. iL'A.' H' '£'ji 'Ji I Der Bote erzählt: — a Taute Guttraud. von S. H. vonMosenthal. Wohl zwanzig Jahre später kehrte ich von der Universität in meine Heimat zurück. Wie fand ich alles gerändert und mir entfremdet! Der Tod hatte, von seiner eifrigsten Dienerin Cholera unterstützt, seine ergiebige Emte einge- Aimst. Mein geliebter Vater lag draußen am „guten Ort"; für die vielen anderen, deren Hinscheiden mir gelegentlich berichtet wurde, hatte mein Herz kaum eine Erinnerung bewahrt. Das Vaterhaus war einsam geworden; die Brüder waren in der Fremde zerstteut, die Schwester war verheiratet: an verwaister Stätte schaltete die Mutter nicht ..liebeleer", denn ihr Her; umfaßte die ganze Mensch, I/cit; sie war der Brennpunkt für die zerstreuten Strahlen der Familie, die Vorsehung der Bedrückten und Notleidenden der ganzen Gemeinde geworden. Es war ein schweres Wiedersehen. Wir umarmten uns 'chlveigend. Jedes schonte die Wunden des andern. Das Schweigen machte die gedrückte Stimmung in dem öden Hause» n^r schwüler und erstickender. „Gehen wir hinaus zu den Unseren!" sagte die Mutter. Ich wollte ihre Begleitung zurückweisen, sie lächelte. „Das ist mein gewöhnlicher Spaziergang," sagte sie. „der „gute Ort" ist mein Garten, mein Pcrsepolis." Eine Stunde Weges von der Stadt liegt der jüdische Friedhof auf einem Hügel am Saum eines Eichenwäldchens. Wenn man nicht durch das schmutzige Dorf fahren will, nimmt man den Weg durch den „Forst", eine Wiese mit alten Pappeln umsäumt. Die grüne Wiese war mit unzähligen Herbstzeitlosen durchsät; zur Pforte des Friedhofes hatte die Mutter den Schlüssel wie zu ihrem Garten. Wir wandelten unter Bekannten: von allen Grabsteinen grüßten verttaute Namen. Wir hatten uns am Grabe meines Vaters ausgeweint und schritten erleichterten Herzens durch die Gräberreihen, hie und da ein Steinchen auflesend, um es als Denkzeichen auf die Grabstätte eines Verwandten, eines Freundes zu legen. Bei einem liegenden Stein, dessen hebräische Inschrift mir schwer zu entziffern siel, blieb die Mutter stehen, und gleich als ob sie mir einen teuren Bekannten vorstellen wollte, sagte sie mit gerührter Stimme: „Tante Gutttaud!" ' Die Erinnerung aus meiner Kindheit tauchte plötzlich vor mir auf. daS Bild der Greisin in ihrem geheimnisvollen Schleier. Gegenüber dem unauflöslichen Rätsel des Todes empfand mein Herz zum erstenmal den Drang, nach de.m Grund der mysteriösen Verehrung dieser „Heiligen in Jsrael" zu forschen. Ich setzte mich am Rand ihres Grabes nieder und zog die Mutter in den Schatten einer Trauerweide, di« sie selbst dort «pflanzt hatte. „Was ist's mit Tante Gutttaud und deiner frommen Verehrung für fie bi» über das Grab hinaus? Wie groß muß diese» Weib gewesen sein, wenn eine Seele wie die deinige sich in Ehrfurcht vor ihr vemeigt!" Fast erschreckt wehrte di« Mutter dielen Vergleich von sich ab. „Wie kannst du mich, Kind, mit dieser Märtyrerin vergleichen! Mir hat Gottes Gnade in meinen Kindern der Freuden so seltene «geben und mein Schmerz war immer nur das allgemeine MenschenloS. Sie war die heiligste Dulderin, die Heldin der Demut, die Märtyrerin der Treu«. Ein Opfer, das die Liebe bringt, begreifen wir leicht, weil wir selbst uns dessen fähig halten; Tante Guttraud steht einzig da; sie hat sich selbst ihrer Treue geopfert. Ich habe euch Kindern nie von ihren Schicksalen erzählt, weil ihr Heiligenschein «inen Schandfleck unserer Familie deckt: ein Kindergemüt soll man. nicht trüben durch die Schilderung menschlicher Jrrtümer und Verbrechen. Aber du kennst jetzt das Leben mit seinem Licht und seinen Schatten. Jetzt kann ich dir ruhig ihre Geschichte erzählen. „Tante Guttraud war ein« ältere Schwester meiner Mutter, deiner verllärten Großmutter. Segen ihrem Angedenken! Sie war in einem Landstädtchen unweit der Hauptstadt verheiratet und wir hörten wenig von ihr, bi» ihr Mann starb und sie mit ihren beiden Töchtern herüberzog. Sie besaß so viel, als sie zum bescheidenen Leben brauchte: fie war ein« geübte Perlenstickerin und die Mädchen nähten für andere Leute. Trotz ihrer vierzig Jahre tvar sie noch eine schöne Frau; ihr vornehmer Gang ist mir noch immer im Gedächtnis geblieben. „Das war in den französischen Zeiten, als König Jerome bei uns Hof hielt und aus Frankreich und Elsaß eine Menge abenteuerlicher Leute sich bei uns anfiedelten. Da war alles „lustik" und schwindelhaft, und in der Neustadt sah man Kaufläden entstehen, so groß und prächtig wie auf der Frankfurter Zeil. Zwei Brüder, Elsäfier Juden, hatten das schönste Geschäft aufgemacht, und es war eine Neuigkeit, die Aufsehen in der Gemeinde erregte, als der ältere von ihnen sich mit Tante Guttraud verlobte. Es war ihm wohl hauptsächlich darum zu tun, in unsere Familie zu kommen, die nicht zu den reichsten, aber zu den geehrtesten der ganzen Gemeinde zählte. Auch war Tante Gutttaud -mit der weißen Hochzeitshaube wirklich eine schöne, fmstliche Frau. Ich tanzt«, als Mädchen noch, auf der Hochzeit, die im Stadtbausaal gehalten wurde; meine Mutter, gesegneten Angedenkens, kam traurig und kopfschüttelnd von der Chasiene nach Haus; das Schwindelhafte des Festes hatte sie verstimmt, das Wesen des Bräutigams sie abgestoßen. „Bei dem hat die Windel nicht gerauscht", sagte sie, um den Emporkömmling zu bezeichnen. Und sie hatte leider nur zu recht gesehen. Die Ehe der Tante war keine glückliche. Jchr zartes, vornehmes Herz litt unter seiner Roheit, ja man sagte, obwohl fie selbst es beharrlich leugnete, daß er sie tatsächlich mißhandelte. Di« Stieftöchter ttösteten sich mit ihren besieren Kleidern und mit dem Bewußtsein, nicht mehr für andere Leute arbeiten zu müfien; die Tante blieb einfach wie zuvor, wir aber zogen uns mehr und mehr von ihrem Hause zurück; ein tiefer Widerwille ließ uns den neuen Onkel stets als einen Fremden betrachten. „Die „französische Zeit" ging vorüber; der Kurfürst wurde von den Alliierten wieder eingesetzt; ich war unter den „weißen Mädchen", die ihn am Wesertor empfingen. Aber die Zeiten waren, wie man damals allgemein sagte, nur schlechter geworden. Der westfälische Hof hatte viel Geld unter die Leute gebracht; mit dem Luxus hörte der Wohlstand auf; die deutsche Tugend kokettierte mit nüchterner Einfachheit; die großen Kaufleute sperrten einer nach dem andern ihre Läden zu. So ging es auch den beiden Elsäfiern; der eine ging durch, der andere verarmte immer mehr, und mit dem Verfalle seines Reichtums wuchs nur seine Roheit, aber mit ihr die Demut der frommen Dulderin. Sie stickte wieder Roscnguirlanden aus Perlen in «üne Geldbeutelchen, die sie selbst zum Verkaufe ttüg, und die Mädchen errichteten eine Nähschule und verfertigten wie-, der Hemden für andere Leute. Doch wenn einer der An-

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