Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 28 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 319 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437064--0347-3947934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
material eine ungeheure Arbeitslosigkeit hervorgerufen hätte. Um so bewunderungswürdiger ist die starke Betätigung des russischen Judentums auf geistigen Gebieten. Der Kampf um di« Erhaltung des jüdisch-nationalen Lebens, der religiösen Einrichtungen, der Schulen, der hebräischen Sprache und insbesondere der sozial-philanthropischen Institutionen, wird ein Ruhmesblatt in der Geschichte des russischen Judentums bleiben. . Aus den früheren Berichten war bereits zu ersehen, welche schweres Unheil die sogenannten „Jüdischest Kommissare" dem russischen Judentum zufügen. Sie find geradezu als die schlimmsten Feinde des Judentums zu bezeichnen. Aus Mangel an einer anderen Tätigkeit und aus dem Bestreben heraus, sich um den Kampf gegen die „jüdische Konterrevolution" verdient zu machen, quälen sie die jüdischen Gemeinden und jüdischen Institutionen mit den unsinnigsten „Dekreten", mit Verhaftungen, Haussuchungen, Konfiskationen usw., die zur völligen Zerstörung der Gemeinden und Anstalten führen. Am schwersten hat hierunter die Zionistische Organisation zrt leiden. Glücklicherweise haben die „Jüdischen Kommisiare", die mit den verwerflichsten Mitteln arbeiten, in Moskau und Petrograd, den Sitzen der zentralen Behörden, keinen Einfluß. In der Provinz dagegen sind sie oft allmächtig. Wie dies« Elemente in der Ukraine vor der Vertreibung der Bolschewiki gehaust haben, ist zum Teil schon bekannt geworden. Der zukünftige jüdische Historiker wird sich mit diesen trüben Erscheinungen der jüdischen Geschichte noch zu beschäftigen haben... Der Kampf gegen die hebräische Sprach« hat unter den Juden tiefste Erbitterung hervorgerufen. In Moskau hat ein Protcstmeeting stattgefunden, welches einen unvergeßlichen Eindruck auf die gesamte jüdische Bevölkerung hinterlaffen hat. Wenn man bedenkt, welchen Gefahren man sich im jetzigen Rußland aussetzt, wenn man öffentliche Protestkundgebungen gegen die von der Regierung geplanten Maßnahmen organisiert, so wird man die Bedeutung dieses Schrittes besonders zu tverten wisien. Im großen Saal des Polytechnischen Museums versammelten sich mehr als 3000 Juden aus beh verschiedensten Bevölkerungsschichten, um das Recht der hebräischen Sprache zu verteidigen. Zahlreiche Redner traten auf. S. Eisenstadt bezeichnet!: den Kampf gegen die hebräische Sprache als einen Pogrom gegen den Geist des Judetnums. Schiel Levontin sprach über die Wiedergeburt der hebräischen Sprache in Palästina. Die hebräische-Sprache verbieten, hieße die jüdische Volksseele töten. Ä. I. Jdelsohn (von den Zeire- Zion) sprach über die große Zukunft des Hebräischen beim Aufbau unseres Landes. M. Rudnitzki gab ein erschövkendes Bild von den Verfolgungen, denen die hebräischen Schulen und Lehrer durch die jüdischen Denunzianten ausgesetzt sind. S. Pugatschow erklärte, mit dem Kampf gegen die hebräische Sprache wolle man die Zukunft unserer jüdischen nationalen Schule im Keime ersticken. Einen gewaltigen Eindruck machte die Rede des Oberrabbiners Mase. Einstimmig wurde unter großem Enthusiasmus eine Resolution angenommen, die gegen den Kampf gegen die hebräische Sprache als eine unerhörte Vergewaltigung eines nationalen Rechtes, die sich ausschließlich gegen die Juden richtet, äufs schärfste protestiert. Die Resolution appelliert an die Negierung, den Gewalt- und Willkür- Handlungen der unteren Organe, die die hebräischen Schulen konfiszieren und gewaltsam schließen, Einhalt zu gebieten, sowie sämtliche geschloffenen hebräischen Schulen wiederzueröffnen. Das jüdische Volk werde, was immer auch kommen möge, treu zu seiner nationalen Sprache halrcn und die Liebe zu seinem unvergänglichen Volksgut weiter Pflegen, ungeachtet aller vorübergehenden harten Verfolgungen ... # , Aufgaben des amerikanischen Judentums. Nachdem die größte Konzentration des jüdischen Volkes in Rußland'in eine Reihe kleinerer Ansammlungen zerschlagen worden ist, ist die geistige Hegemonie im Galuth, welche bi» zum Weltkrieg dem russischen Judentum gehört hatte, zur größten jüdischen Konzentration der Gegenwart, namentlich zum amerikanischen Judentum, übergegangen. Das ganze amerikanische Judentum ist in der Meinung einia, daß es Wache darüber halten muß, was die Juden auf der Friedenskonferenz erobert haben (die Garantien der Rechte nationaler Minderheiten). Zu diesem Zweck wird der Amerikanisch-jüdische Kongreß sich von einer periodischen Institution zu einer permanenten umwandeln. Noch breitere Pläne haben die amerikanischen Juden betreffend ihre kulturellen Aufgaben. Das amerikanische Judentum hat sich zur Aufgabe gestellt, eine breite jüdische Literatur zu schaffen. Zu diesem Zwecke find dort fünf große Verlage gegründet worden, welche in jüdischer Sprache die Werke der Koryphäen der Weltliteratur sowie jüdische Übersetzungen der bedeutendsten Werke der hebräischen Sprache herausgeben. Zum Zwecke der Pflege der Mischen Literatur wird ein ganzes Netz jüdischer Schulen geschaffen werden, für die jüdische Lehrbücher herausgegeben werden. Mit der Mischen Sprache begnügen sich die amerikanischen Juden nicht, und es ist eine große Renaiffance in der hebräischen Literatur zu bemerken. Es werden folgende hebräische Wochenschriften herausgegeben: Hathoren, Haiwri, Hamiklat (der schönen Literatur gewidmet), Dibbur Haiwri, welcher täglich mehr Verbreitung findet. Es sind viele moderne hebräische Schulen und vier hebräische Lehrerseminare gegründet worden. Überhaupt ist das amerikanische Judentum in den letzten Jahren sehr erstarkt und befindet sich im ständigen Wachstum. Und da» wird auf das ganze! Judentum ebenso in der Diaspora wie in Palästina von s Einfluß sein. Ko» Kerg tut) (Kol. Waldbreitbach. Am 16. Dezember begeht Herr Michel Wolf aus Waldbreitbach seinen 99. Geburtstag. Derselbe ist nock rüstig und erfreut sich 12 Enkel sowie 2 Urenkel. Godesberg. Am 6. Dezember beging Frau Witwe Robert Hirsch, die 1. Vorsitzende unseres hiesigen Frauenvereins, ihren 70. Geburtstag. Möge es ihr vergönnt sein, noch» recht lange ihres Amtes zu walten. Türen. Der Jüd. Juaendbund Düren entfaltet ein> sehr reges Leben. Am 13. November sprach Herr Zahnarzt Trechner auF Aachen über den Antisemitismus. Er verstand es, in formvollendeter Rede seine Zuhörer über die Gefahren dieser schlimmsten Begleiterscheinung des Weltkrieges aufzuklären, und wies Mittel und Wege zur wirksamen Bekämpfung. — Am Sonntag den 23. November fand ein gemütlicher Heimabend statt, zu dem auch die „Außerordentlichen" geladen waren. Ein sehr vielseitiges Progrannn wurde den Anwesenden geboten. Lübbecke. Vor kurzem beging das älteste Mitglied unserer Gemeinde und zugleich die älteste Bürgerin unserer Stadt. Frau Friederike Löwenstein, ihren 90. Geburtstag. Die rüstige Greisin kann auf eine lange segensreiche Tätigkeit auf wohltätigem Gebiete zurückblicken und erfreut sich der Hochschätzung aller weit über unsere Stadt hinaus. Ihr 90. Geburtstag gestaltete sich zu einer rührenden Ehrung seitens der ganzen Gemeinde und der Bürgerschaft. Möge der Lebensabend der Jubilarin, des Ehrenmitgliedes des Israelitischen Frauenvereins und ehemaligen Vorstandsmitgliedes des Vaterländischen Frauenvereins, weiter von Gott gesegnet sein I Saarbrücken. Die zionistische Gruppe des Saarlandes veranstaltete zwei öffentliche Vortragsabende, in denen Herr Dr. Löschner über den „Aufbau des jüdischen Palästina" 1 referierte. Die beiden Abende waren sehr gut besucht. An > den Vortrag schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion, die bis Mitternacht dauerte und ben zahlreichen Gästen Gelegenheit bol, sich über Ziele und Zwecke des Zionismus zu informieren. Die Veranstaltungen fanden bisher im Schloßtafsee statt, da die Saarloge ihr Lokal den Zionisten nicht zur Verfügung stellt, wiewohl-sonst häufig christliche Vereinigungen darin Zusammenkünfte veranstalten. — Der