Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-12-12 · 28 (12.12.1919) · p. Seite 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
28 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 318 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437064--0346-3947933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

bische Gesellschaften und Anstalten, die es noch nicht über sich bringen können, sich dieser schließlich doch unumgänglichen Forderung zu fügen. Und doch ist es heute schon klar, daß jüdisches Schulwesen in Palästina, das nicht hebräisch ist, keinen Bestand haben kann. Dem Waad Hachinuch unterstehen zunächst die Schulen des „Odessaer Komitees" und die anläßlich des Sprachenkampfes im Jahre 1913 entstandenen neuen hebräischen Schulen. Die Schulen des „Hilfsvereins der deutschen Juden" find nach der Okkupation Palästinas als solche geschlossen und der Zionistischen Organisation zur Wiedereröffnung übertragen worden. Das Programm und die AuMcht des Waad Hachinuch haben auch die Schulen der I. C. A. anerkannt, die als hebräische Schulen in vollem Sinne zu betrachten find. Die I. C. A. besitzt im ganzen 9 Kindergärten und 13 Volksschulen mit einer Gesamtzahl von 1100 Kindem und 48 Lehrkräften. Die Schulen der „Alliance Jsraelite Universelle" haben zwar die Zahl ihrer hebräischen Unterrichtsstunden vergrößert. verhalten sich aber vorläufig dem Hebräischen als Unterrichtssprache gegenüber ablehnend. Nur in der landwirtschaftlichen Schule Mikweh Israel ist es dank den Bemühungen ihres Leiters, des Herrn Krause, und dem Einfluß deS Barons Rothschild gelungen, die hebräische Sprache als Unterrichtssprache für^sämtliche Fächer einzuführen. Die Alliance unterhält Schulen in Jerusalem, Saffed, Haifa und Tiberias mit einer Gesamtzahl von 700 Zöglfngen. Der gänzlichen Einführung der hebräischen Sprache steht auch die Evelina de Rothschild-Schule (Mädchenschule, vom Brüderverein in London unterhalten) ablehnend gegenüber. In dieser Anstalt werden 500 Mädchen erzogen. Auch die Talmud Thora-Schulen und Jeschiboth vom alten Typus sind Gegner der modernen Hebraisierung. Zwar haben einige von ihnen die hebräische Sprache eingeführt, bekunden aber für den neuhebräischen Geist wenig Sympathie. Anstalten, die dem Waad Hachinuch nicht unterstehen, bestehen in vier Städten (Jerusalem, Jaffa, Saffed und Tiberias) mit einer Gesamtzahl von etwa 2000 Schülern. Letztens haben sich einige orthodoxe Schulen dem Waad Hachinuch unterstellst darunter die große Talmud Thora- Schule „Nezach Israel". An der Spitze des Waad Hachinuch stehen die von der Zionistischen Organisation ernannten vr. Josef Lurie und vr. Jzchak Epstein. Das gesamte jüdische Schulnetz in Palästina umfaßt 97 Schulen mit 536 Lehrern und 15 600 Zöglingen. Von den 97 Schulen sind: Kindergärten 32. Volksschulen 50. Mittelschulen 11, Abendschulen 4. Rus Sowjet-Rußland. ( Den Sj>ezialberichten des Kopenhagener Zionistischen Bureaus vom 6 Kislew 5680 entnehmen wir folgendes: Bei der Berichterstattung über die allgemeine Lage der Juden in Sowjet-Rußland muß in Erwägung gezogen werden, daß die Zahl der dortigen jüdischen Bevölkerung eine verhältnismäßig sehr geringe ist. Die Ukraine sowie große Teile der Krim befinden sich unter der Herrschaft DenikinS, und von den Gebieten des früheren Nnsiedlungsrvyons sind nur die größeren Gouvernements Mitebsk un5 Mohilew unter der Sowjetherrschaft geblieben. Die Zahl der Juden im Wolgagebiet ist durch den Rücktransport der Elüchtlinge stark gesunken. Die Zahl der jüdischen Bevöl-- rung in Moskau beträgt etwa 50 000 Seelen; hinzugerechnet die jüdische Bevölkerung in Petersburg zirka 50 000 Seelen sowie Sibirien. Baikalgebiet und die Teile der Krim, die noch unter der Sowjetherrschaft sind, dürfte sich die Gesamtzahl der Juden in Sowjetrußland auf etwa 750000 Seelen stellen. Trotz der geringen Anzahl der Juden ist der Antisemitismus stark verbreitet. Dank den energischen Maßnahmen der Sowjetrcgierung im Kampfe gegen den Antisemitismus ist es aber bisher, abgesehen von vereinzelten Fällen zu keinen ernsteren Ausschreitungen gekommen. Insbesondere sind eS die Beamten deS alten Regimes — die heute noch in zahlreichen Behörden sitzen —, die das Gift des Judenhasses verbreiten. Aber auch gegen diese werden ernste Schritte unternommen, sobald sie ihre Gesinnung öffentlich kundgeben. Die Gerichte des Revolutionstribunals beschäftigen sich fast täglich mit Prozesien. Der Antisemitismus wird von der Sowjetregierung als die gefährlichste konterrevolutionäre Bewegung erklärt und demgemäß aufs schärfste unterdrückt. Viel schlimmer steht es mit der antisemitischen Welle innerhalb der Roten Armee, die zuweilen bedrohliche Formen annimmt. Die judenfeindliche Haltung vieler Truppenteile wird insbesondere in den von den Juden dicht bewohnten Gebieten des Gouvernements Mohilew und Witebsk zu einer großen Gefahr. In diesen Gouvernements sind Fälle zu verzeichnen, wo Truppenteile, die zum Schutz der jüdischen Bevölkerung in kleine Städtchen entsandt wurden, in denen bewaffnete Bauernscharen Pogrome veranstalteten, heftigsten Unwillen, bekundetes, daß man sie für solche Zwecke „mißbrauche". An mehreren Stellen nahmen solche Truppenteile an den Pogrymen selbst teil. In solchen Fällen bestraften die Militärbehörden jedoch die Verbrecher, Zivilisten ivie Soldaten, mit sofortiger Erschießung. Im Gegensatz zu der Ukraine, wo ganze Rote Armee-Regimenter sich der blutigsten Judenerzesse schuldig gemacht haben, sind in Sowjctrußland solche Fälle so gut wie gar nicht zu verzeichnen gewesen. Die ersten Pogromfälle in Sowjetrußland ereigneten sich im Monat März 1919 in Borrissow, Gouvernement Minsk. Unter der Losung „Tötet die Juden, rettet Rußland" überfielen verwilderte Banden den Markt und die anliegenden Straßen und begannen zu rauben und zu plündern. Mehrere Juden wurden tätlich verletzt. Am 18. März »vurden einige der Hetzer und Verbrecher vom Feldgericht zum Tode verurteilt. Späterhin brach ein Pogrom in Homcl aus. der von unbekannten Personen unter der Maske der Vertreibung der Sowjetmacht veranstaltet wurde. An der „Meuterei" nahmen zahlreiche Soldaten sowie das Bahnpersonal teil. Viele Kommisiare, darunter auch Juden, wurden erschlagen. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung, namentlich die ärmere Klasse, wurde ausgeplündert. Todesopfep hatte die jüdische Bevölkerung aber nicht zu beklagen, da inzwischen mehrere Abteilungen der Roten Armee hcrbeigeeilt waren und der Meuterei ein schnelles und blutiges Ende machten. Schlimmere Folgen hatten die Ende März auSgebrochenen Pogrome im Gouv. Mohilew. Im Städtchen Wasiilewitschi rottete sich eiste 15 OOOköpfige Räuberbande zusammen, überfiel die £5 Familien zählende jüdische Bevölkerung, plünderte sie aus und tötete zehn Juden. In Choiniki veranstalteten Angehörige der Roten Armee am Samstag, den 29. März, einen Pogrock, der allerdings dank dem Eingreifen der Zeire-Zion-Organisation, die die Soldaten mit Geld und Ware abfertigtc, unblutig verlief. Die Bauern eilten mit Wagen herbei, um alles hinwegzuschleppen, als sie aber erfuhren, daß die Juden sich im Falle einer Plünderung zur Wehr setzen wollten, zogen sie eilig wieder ab. Ein Pogrom fand in Golynki, Gouvernement Mohilew, statt, wobei etwa 14 Juden auf grausame Weise getötet wurden. Erst nach einigen Tagen kamen Truppenteile der Roten Armee an. Die aus Smolensk alarmierten roten Truppen hatten es abgelehnt, die „Juden zu schützen". Die aus Orscha und Witebsk herbeigerufencn roten Soldaten beteiligten sich nur ai?dcr Auffindung der Ermordeten, bekundeten aber laut ihren Unwillen, daß man sie zum Schutze der Juden „belästige". Einige dieser Soldaten begannen sogar selbst eine Pogromhetze. Ganz unhaltbar ist die ökonomische Lage der Juden in Sojetrußland. Abgesehen von den zahlreichen Verboten, Privathandel zu treiben, sind es die großen Derkehrsschwierigkeiten, die eine Betätigung auf dem Gebiete des Handels und der Industrie fast unmöglich machen. Di« Lage der jüdischen Handwerker und Arbeiter wäre erträglich. wenn nicht der Mangel an Rohstoffen und Arbeit«-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.